Sie ist Mutti von 20 Kindern

Schon als Jugendliche wusste Anni Steurer, dass sie Kinderdorf-Mutter werden will. Heute ist sie 71 und sagt, dass sie im Leben mehr bekommen als gegeben hat.
Nicole Mühl

Anni Steurer besucht auch immer wieder gerne den Kindergarten.

 

„Ich habe hier das gefunden, was ich gesucht habe.“ Das sagt Anni Steurer, wenn sie auf ihr Berufsleben zurückblickt. Doch das Wort „Beruf“ scheint in ihrem Zusammenhang nicht ganz passend. Ist Mutter-Sein ein Beruf? Im Fall von Anni Steurer schon. Irgendwie. Sie war 40 Jahre lang SOS Kinderdorf-Mutter. Ist es immer noch, auch in Pension. Mutter ist man ein Leben lang. Das gilt auch im Kinderdorf.

20 Kinder hat sie großgezogen. Das erklärt vielleicht auch ihre wachsamen Augen, die immer wieder bei hochgezogenen Brauen über die Brillenränder blicken. Klein ist sie, aber alles andere als zimperlich. Bereits mit 14 Jahren hat sie gewusst, dass sie Kinderdorf-Mutter werden will. „Das war bei einem Besuch im Hermann Gmeiner Dorf in Hinterbrühl mit meiner damaligen Schulklasse. Da wusste ich, dass ich das einmal mache“, sagt sie. Und wieder blitzen ihre Augen ein wenig auf, wenn sie sich an ihre „Berufsjahre“ erinnert.

Ein Leben im Dorf
1978 ist sie ins SOS Kinderdorf nach Pinkafeld gekommen. Sie, die fünf Jahre lang Entwicklungshelferin in Afrika war. Die Armut und Apartheid nicht nur von Bildern und Erzählungen kennt, sondern mittendrin war. Ihre Ausbildung als Krankenschwester habe sie nie bereut, sagt sie mit einer stoischen Ruhe, die Hände in ihrem Schoß übereinandergefaltet. Aber das sei nicht ihr Ziel gewesen. Als sie aus Afrika zurückkam, war ihre Entscheidung, Kinderdorf-Mutter zu werden, besiegelt. Pinkafeld war für sie, der gebürtigen Trautmannsdorferin, am Ende der Welt. Ein Ort, in dem quasi um sechs Uhr abends die Gehsteige hochklappen. Nach vier Jahren hätte sie nach Hinterbrühl versetzt werden können. Da war das SOS Kinderdorf in Pinkafeld aber bereits zu ihrem Zuhause geworden. Bis heute, denn Anni Steurer gehört zu jenen rar gewordenen Kinderdorf-Müttern, die auch in ihrer Pension im Dorf leben. „Eine kleine Wohnung“, sagt sie, „das reicht“. Viel wichtiger ist die Struktur, der Halt, den sie hier bekommt. Das war auch früher so, während ihrer „aktiven“ Zeit als Mutti. Es war immer jemand da von den Kollegen, mit dem sie reden konnte. Ihre größte Angst sei immer gewesen, dass sie ein Kind nicht annehmen könnte. Dass es zu schwierig war. Das ist aber nie passiert. „Ich habe immer viel gebetet“, sagt sie.

Einsamkeit kennt sie nicht. Bei 20 Kindern ist man nicht einsam. Auch heute nicht, wo alle ihren eigenen Weg gehen. Der Kontakt bleibt ein Leben lang. Nicht immer gleich intensiv zu allen. „Manche mussten in ihr altes System wieder zurückkehren, nachdem sie ausgezogen sind. Da hängt es dann davon ab, was sie aus ihrer Zeit im Kinderdorf mitgenommen haben, an Stabilität und Selbständigkeit. Und manchmal ist gerade dann ein Kinderdorf-Geschwister wichtiger als ich, um wieder auf seinen Weg zu finden“, sagt Anni Steurer. „Nein, einsam bin und war ich nie“, denkt sie nochmals laut nach. Ein Partner hätte in ihrem Leben keinen Platz gehabt.

„Kinder muss man fördern – aber auch so akzeptieren, wie sie sind.“
Den Wunsch nach eigenen Kindern habe sie nie gehabt. Ihre Dorf-Kinder bezeichnet sie lächelnd als „geborgte“ Kinder. Die leiblichen Eltern habe sie nie bewertet. „Eine leibliche Mama bleibt eine Mama“, sagt sie. Da gibt es keine Konkurrenz zu ihr. Sie selbst sei die „Mutti“. Diese Unterscheidung war auch immer für ihre

Kinder wichtig. Geurteilt über andere hat sie nie. „Ich glaube, jeder versucht sein Bestes zu geben und handelt nach seinen Möglichkeiten. Ich habe immer auch mit den Eltern meiner Kinder mitgefühlt“, sagt sie und schluckt dabei. Wichtig war für sie immer nur, dass die Kinder geliebt werden. „Und dass jedes Kind so gefördert wird, dass es seinen Weg in die Selbständigkeit findet.“ Das sei auch die größte Herausforderung für eine Mutter – das Kind so zu lieben, wie es ist. Auch, wenn es mit den eigenen Vorstellungen und Erwartungen nicht immer zusammenpasst.

Ihren Lebensabend will Anni Steurer im Kinderdorf verbringen. Ohne, dass sich ihre Kinder um sie kümmern. „Auch wenn ich weiß, dass sie das alle tun würden. Aber sie sollen bitte schön ihr eigenes Leben leben.“ Muttertag ist für sie nicht nur ein Mal im Jahr, sondern gleich mehrmals in der Woche. Dann, wenn sie Besuch von ihren Kindern bekommt. „Das sind die Früchte, die man als Mutti erntet“, kichert sie. Als aufopfernd will sie nicht bezeichnet werden. Da muss sie laut loslachen. „Ich bekomme so viel mehr zurück, als ich gebe“, sagt sie dann und legt dabei ihre Hand auf die Brust. In einer Stunde kommt eines ihrer 20 Enkerl. Darauf freut sie sich. Nein, einsam ist Anni Steurer nicht. Wie denn auch? – Dafür geht ihr Herz viel zu sehr über vor Zufriedenheit.

Portrait aus Ausgabe 05/2017


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