„Die Brutalität der Übergriffe nimmt zu“

Erst wenige Wochen ist das Jahr 2019 alt, und acht Frauen wurden brutal ermordet. Die Bundesregierung will Gewaltdelikte stärker bestrafen und Maßnahmen für mehr Opferschutz einführen. Walter Reiss hat mit Karin Gölly, Leiterin des Gewaltschutzzentrums (GSZ) Burgenland, gesprochen – über Ängste und was das Gerede im Ort auslösen kann. Vor allem geht es um die wichtige Botschaft an betroffene Frauen, sich Hilfe zu holen. Die Beratungen im Gewaltschutzzentrum sind anonym und kostenlos!
Walter REISS / 1. März 2019
Foto: Shutterstock

Laut Ankündigung des Bundeskanzlers soll es in Hinkunft höhere, härtere, und „ordentliche“ Strafen für Gewalttäter geben. Helfen die?

Karin Gölly: Unserer Erfahrung nach braucht es nicht unbedingt höhere Strafen. Es gibt ja schon einen ordentlichen Strafrahmen, der in der Praxis selten ausgeschöpft wird. Opfer wollen meist nicht, dass der Täter stark bestraft wird. Sie wollen, dass die Gewalt aufhört. Es ist nun eher zu befürchten, dass bei höheren Strafen die Bereitschaft zur Anzeige sinkt.

Sind heute mehr Frauen bereit, den gewalttätigen Freund, Partner oder Ehemann anzuzeigen, als früher?

Karin Gölly: Diese Bereitschaft ist leicht gestiegen. In den Städten ist sie erfahrungsgemäß deutlich höher, weil hier die Anonymität eher gegeben ist als am Land.

Oft wird im Dorf über die betroffenen Frauen verächtlich getuschelt. Schrecken Frauen, die sich gegen Gewalt wehren, sich trennen oder scheiden lassen wollen, oft vor der Anzeige zurück, weil sie Angst haben: „Was werden denn die Leute sagen?“

Karin Gölly: Ja, leider ist das nach wie vor so. Obwohl Trennungen und Scheidungen keine Seltenheit sind. Die Betroffenen haben große Angst, dass das Umfeld Informationen bekommen könnte. Und was wir auch oft erleben, ist die Täter-Opfer-Umkehr: Das Opfer wird als Schuldige betrachtet und auch so genannt, um Entschuldigungsgründe für den Täter zu finden.

Ist die Ansicht, dass die Frau wohl in irgendeiner Weise selber schuld ist, weit verbreitet?

Karin Gölly: Ja. Das ist ein strukturell-gesellschaftliches Phänomen, das wir nicht nur hier am Land, bei Nachbarn oder im sozialen Umfeld von Opfern beobachten, sondern auch bei Gerichtsverfahren oder polizeilichen Einvernahmen.

In Zukunft soll sich der Gewalttäter dem Opfer innerhalb einer „Bannmeile“ von 50 Metern nicht nähern dürfen. Welche Regelung gilt derzeit?

Karin Gölly: Die Polizei kann ein Betretungsverbot für die Wohnung – und deren unmittelbare Umgebung – der gefährdeten Personen aussprechen. Wenn Kinder unter 14 Jahren im Haushalt sind, kann man für Hort und Schule das Betretungsverbot erweitern. Ein Betretungsverbot dauert in der Regel 14 Tage. Durch Antrag beim Bezirksgericht kann es bis zu einem halben oder ganzen Jahr verlängert werden.

Laut Gesetz muss die Polizei in Fällen häuslicher Gewalt das Gewaltschutzzentrum umgehend informieren. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der Polizei?

Karin Gölly: Im Burgenland funktioniert der Kontakt mit der Polizei sehr gut. Wir haben eine über viele Jahre sehr gut aufgebaute Zusammenarbeit. Sie ist geprägt von gegenseitiger Wertschätzung, und die Übermittlung der Betretungsverbote funktioniert sehr gut.

Durch die dramatische Häufung von Mordfällen innerhalb kurzer Zeit hat man den Eindruck, dass die Gewalt brutaler, mörderischer ausgeübt wird und die Fälle häuslicher Gewalt insgesamt zunehmen.

Karin Gölly: Wir beobachten, dass auch im Burgenland die Brutalität der Übergriffe zunimmt. Einen auffallenden Anstieg der Zahl der Gewaltdelikte stellen wir aber nicht fest. Die Zahlen stiegen zwar in den letzten Jahren leicht an, aber wir führen das darauf zurück, dass es zu einer Enttabuisierung gekommen ist und die Opfer darüber informiert sind, dass es Unterstützung für sie gibt.

Was die Unterstützung von Frauen betrifft, wirkt das Angebot für manche verwirrend. Es gibt Frauenberatungsstellen, es gibt Frauenhäuser, und es gibt das Gewaltschutzzentrum: Wer macht was?

Karin Gölly: Das Gewaltschutzzentrum ist die gesetzlich vorgesehene Opferschutzeinrichtung für Menschen, die von familiärer Gewalt, von Gewalt in der Beziehung betroffen sind. Das Frauenhaus bietet Wohnung und Beratung für Gewaltbetroffene, und die Frauenberatungsstellen sind niederschwellige Einrichtungen zu allen Themen, die Frauen und Mädchen betreffen können. Da gehört neben vielen anderen Bereichen auch das Thema Gewalt dazu. Es gibt eine gute Kooperation mit den meisten Beratungsstellen. Wenn sich also Gewaltopfer dort beraten lassen, werden sie auch an uns vermittelt, um gemeinsam gute Lösungen für die Betroffenen zu finden.

Was viele nicht wissen: Das Gewaltschutzzentrum Burgenland ist keine Einrichtung des Landes Burgenland.

Karin Gölly: Wir sind keine Landesstelle, sondern ausschließlich aus Bundesmitteln – Innenministerium, Bundeskanzleramt, Justizministerium – finanziert.

Das Gewaltschutzzentrum bietet Prozessbegleitung an. Wie funktioniert das?

Karin Gölly: In Österreich haben Menschen, die körperliche Gewalt erleben, in ihrer sexuellen Integrität verletzt werden und gefährliche Drohungen erleben, Anspruch auf kostenlose Begleitung während des gesamten Gerichtsverfahrens. Kommt es zu einer Strafanzeige, besteht die Möglichkeit, dass die Opfer durch eine unserer Mitarbeiterinnen begleitet werden: sowohl bei den polizeilichen Einvernahmen als auch im Gerichtsverfahren.

Welche Wünsche hat man seitens des GSZs an Exekutive und Justiz?

Karin Gölly: Bei Polizei und Justiz sollte das Thema Gewalt in der Familie in der berufsbegleitenden Ausbildung verankert werden. In der Grundausbildung der Polizei ist das schon der Fall. Wünschenswert wäre, dass das ein fixer Bestandteil in den Ausbildungen wird, damit das nötige Fachwissen über Gewalt in der Familie vorhanden ist.

 

„Wann hilft das Gewaltschutzzentrum?“

Zu dieser Frage finden Sie Beispiele auf unserer Website.
Ebenso die wichtigsten geplanten Gesetzesänderungen für mehr Opferschutz >>


Karin Gölly
Die gebürtige Oststeirerin Mag.a Karin Gölly leitet seit 2016 das Gewaltschutzzentrum Burgenland. Die Juristin hat nach ihrer Gerichtspraxis mehrere Jahre lang in den Frauenberatungsstellen Oberwart und Güssing gearbeitet.

Seit 2007 ist sie im Gewaltschutzzentrum Burgenland tätig. Sie ist unter anderem auch Mitglied der im Innenministerium eingerichteten Taskforce Strafrecht und im Zivilgesellschaftlichen Dialoggremium Polizei.Macht.Menschen.Rechte.

Walter Reiss
Er war 40 Jahre lang beim ORF Burgenland als Redakteur, Chef vom Dienst und Regisseur in Radio und Fernsehen tätig. Walter Reiss war Gestalter von insgesamt 50 TV-Dokumentationen der Serien „Österreichbild“ und „Erlebnis Österreich“ für ORF 2 und 3sat. 2000 wurde er mit dem Bgld. Journalistenpreis ausgezeichnet.

Nach wie vor ist er tätig als Moderator von Podiumsdiskussionen, Tagungen und Veranstaltungen zu politischen, gesellschaftspolitischen und sozialen Themen.

Wenn Frauen Angst haben >>
>> ihr Leben zu verlieren
>> dass der Partner den Kindern etwas antut
>> am Körper verletzt zu werden
>> nach einer Trennung nicht in Ruhe gelassen zu werden
>> ihre Meinungen und Wünsche dem Partner gegenüber zu äußern
>> eine Trennung finanziell nicht durchstehen zu können
>> die Zukunft ohne Partner allein nicht bewältigen zu können …
>> dann sind sie vielleicht Opfer familiärer Gewalt und können im Gewaltschutzzentrum kostenlos und vertraulich Hilfe und Unterstützung erhalten.

HILFE & BERATUNG
Gewaltschutzzentrum Bgld.
Die Beratung ist kostenlos und vertraulich.
Das Team (3 Juristinnen, 1 Psychologin,
1 Sozialarbeiterin, 1 Verwaltungskraft) hat 2018 insgesamt 638 KlientInnen betreut.
80% der Betroffenen sind weiblich, über 90% der Täter/Gefährder sind männlich.
207 Betretungsverbote und 35 Stalkinganzeigen wurden 2018 von der Polizei ans GSZ übermittelt.

Der Anteil der Täter mit nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft lag 2014 bei 17%, stieg 2016 auf 27,7% und ist bis 2018 leicht gesunken auf 26,7%. Bei den Opfern waren 2014 16,8% nicht-österreichische StaatsbürgerInnen, 2018 waren es 20,2%.
0 33 52/31420 | www.gewaltschutz.at

Gewaltschutzzentrum Burgenland
Steinamangerer Straße 4/2 | 7400 Oberwart
03352/31 420 | burgenland@gewaltschutz.at
www.gewaltschutz.at

Gewaltschutzzentrum Steiermark
Granatengasse 4/II | 8020 Graz | 0316/77 41 99
www.gewaltschutzzentrum-steiermark.at

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