„Es hat mich einfach nicht losgelassen…“

An die regelmäßigen Besuche bei seiner Großtante Margit kann sich Sacha Batthyány noch gut erinnern. Es gehörte einfach zu den Familienritualen. Erst als Erwachsener erfuhr er vom Massaker in Rechnitz im März 1945, vom Fest seiner Tante Margit mit den Nazis in ihrem Schloss und von den 180 Juden, die in jener Nacht ermordet wurden. Sacha Batthyány hat sich mit seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt und das Buch „Und was hat das mit mir zu tun?“ geschrieben. Walter Reiss hat den Journalist und Autor zu einem sehr offenen Gespräch getroffen.
Walter Reiss / 1. Oktober 2018
Foto: Walter Reiss

Der Autor und Journalist Sacha Batthyány wusste viele Jahre nichts über seine dunkle Familiengeschichte.

 

Nach wie vor sucht man bei Rechnitz nach den Gräbern der ermordeten ungarischen Juden. Es gab Prozesse, es gab Morde an wichtigen Zeugen, Täter wurden nie zur Verantwortung gezogen. Wolltest du als Journalist – mit dem „Bonus“ eines Verwandten der Gräfin – Licht in dieses makabre Dunkel bringen?

Sacha Batthyány: Ja, ich dachte schon, dass Tante Margit sich irgendjemandem in der Familie anvertraut haben muss. Aber da war nichts herauszukriegen. Auch in Rechnitz selbst blieben meine Recherchen erfolglos.

So wurde aus dem Buch über den Fall Rechnitz dann eine Spurensuche in der eigenen Familie und ein Einblick in die Gefühls- und Lebenswelt des Autors…

Sacha Batthyány: Ich wollte ursprünglich gar kein Buch darüber schreiben, um nicht die ohnehin schon emotionale und tabubesetzte Geschichte nicht weiter anzuheizen. Aber das Thema und die Einsicht: „Das muss was mit mir zu tun haben…“ haben mich einfach nicht losgelassen. Mit mir selbst ist da im Zuge der Arbeit am Buch viel passiert. Und Rechnitz war nicht das Ende meiner Recherche, sondern der Ausgangspunkt. Ich wollte außerdem gemeinsam mit einem Psychoanalytiker erkunden, was von früher in meinen Knochen steckt, was das alles mit mir zu tun hat.

Dann fand ich ein Tagebuch meiner Großmutter, die in Ungarn gelebt hat. Sie schreibt darin, dass sie 1944 Zeugin wurde, als vor ihrem Haus ein befreundetes jüdisches Ehepaar von deutschen Soldaten erschossen wurde. Die beiden hatten zuvor um Hilfe gebeten, mein Großvater hat abgelehnt, um kein Risiko einzugehen. Im Tagebuch schreibt sie: „Wir sind eine Familie von Maulwürfen. Wir ducken uns, wenn es brenzlig wird. Wir schweigen, wenn wir reden sollten… ich hätte sie retten können, doch was tat ich stattdessen: Nichts.“ Ich erkannte mich im Scheitern meiner Vorfahren. Dieses Verhalten hat mit mir, mit uns zu tun.

Aus dem Journalisten Sacha Batthyány wurde nun ein vielgelesener und gefragter Autor, der bei seinen Lesungen volle Säle garantiert. Wann hast du überlegt, ein Buch zu schreiben?

Sacha Batthyány: Vorerst gar nicht. Ich bin in der Schweiz aufgewachsen. Da gibt es keine zu erfragenden Familiengeschichten wie: „Sag mal, Opa, was hast du im Krieg gemacht?“ Da gibt es keine Kriegerdenkmäler, keine Tafeln an Häusern, die von verfolgten, deportierten, ermordeten Menschen erzählen. In der Schweiz, da gibt es Häuser, die waren vor 100 Jahren eine Bank, vor 80 Jahren auch und heute sind sie noch immer eine Bank. So traf es mich 2007 ohne Vorwarnung, als mich in der Redaktion der Neuen Zürcher Zeitung eine Kollegin mit einem Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ konfrontiert hat. Da stand „Gastgeberin der Hölle“ mit einem Foto von Tante Margit. Ich war schockiert, rief meinen Vater an und so begann meine Suche mit vielen, vielen Fragen.

Macht es dich betroffen, dass man noch immer nicht jene Stellen findet, in die man die jüdischen Zwangsarbeiter im März 1945 verscharrt hat?

Sacha Batthyány: Als ich einmal einem Reporter einer Radiostation in den USA gesagt habe, dass das Grab nach wie vor nicht gefunden wurde, hat er mich verdutzt angeschaut. Ja, das sei eben nicht so einfach, habe ich geantwortet. Er meinte, da hätte man doch längst mit 100 Bulldozern auffahren und das Grab sofort entdecken müssen. So denkt man in Amerika. Aber eben nicht in Österreich. Und wenn ich nach längerer Zeit wieder herkomme und von der erfolglosen Suche höre, dann regt mich das sehr auf und es macht mich wütend.

Was da zu Kriegsende passiert ist und an der Gedenkstätte Kreuzstadl dargestellt wird, scheint immer wieder ein medialer Aufreger zu sein. Und es bietet Stoff für Filme, Theaterstücke z. B. von Peter Wagner und Elfriede Jelinek oder gar für Kriminalromane. Dein Buch „Und was hat das mit mir zu tun?“ trägt in der englischen Ausgabe den Titel „A Crime in the Family“ und auf Französisch „Le Bestie de Rechnitz“. Fiktion scheint mehr zu zählen als Fakten. Verkauft sich das Massaker gut?

Sacha Batthyány:
Ich habe immer gesagt, dass ich solche Titel nicht haben möchte. Die Verlage in Frankreich, Italien und in den USA haben darauf bestanden, weil das eben „besser zieht“. Da bin ich als Autor zu wenig prominent, um ein Veto einlegen zu können. Aber wie sich zeigt, erzielt das Buch unter so blutrünstigen Titeln gar nicht mehr Auflage.

Das Buch hat nach seinem Erscheinen 2016 innerhalb der großen Verwandtschaft der Batthyánys für Aufregung, teilweise Ablehnung, aber auch Zustimmung gesorgt. Was bekommst du heute von Verwandten zu hören?

Sacha Batthyány:
Da hat sich die Aufregung gelegt und die Diskussion läuft ruhiger ab als früher. Außerdem bekomme ich nicht viel davon mit und ich habe mich auch ehrlich gesagt nicht mehr intensiv darum gekümmert.

Ist mit einer Fortsetzung von „Und was hat das mit mir zu tun?“ zu rechnen? Wird es ein neues Buch geben?

Sacha Batthyány: Nein. Das Thema bewegt mich nach wie vor, aber Buch schreibe ich dazu keines mehr.


www.kreuzstadl.net

www.refugius.at


Walter Reiss
Er war 40 Jahre lang beim ORF Burgenland als Redakteur, Chef vom Dienst und Regisseur in Radio und Fernsehen tätig. Walter Reiss war Gestalter von insgesamt 50 TV-Dokumentationen der Serien „Österreichbild“ und „Erlebnis Österreich“ für ORF 2 und 3sat. 2000 wurde er mit dem Bgld. Journalistenpreis ausgezeichnet. Nach wie vor ist er tätig als Moderator von Podiumsdiskussionen, Tagungen und Veranstaltungen zu politischen, gesellschaftspolitischen und sozialen Themen.

Kompetent, prominent, interessant: Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft stehen Walter Reiss Rede und Antwort. In kurzen und kompakten Interviews hinterfragt und beleuchtet er Karrieren, wichtige Ereignisse und Entwicklungen, die Österreich bewegt haben und bewegen und die die Geschichte unserer Region beeinflussen und ihre Zukunft prägen.

Sacha Batthyány
„Und was hat das mit mir zu tun?“ Der Titel seines Buches gilt in einem nun bald ausklingenden Gedenkjahr als Frage aller Fragen. Ob es nun Rückblicke auf das Werden der Republik 1918 oder den Beginn der „braunen Jahre“ 1938 sind: Dieses dunkle Kapitel der Weltgeschichte hat in vielen Familien offene Fragen und Spuren hinterlassen, auch in jener von Sacha Batthyány. Seine Großtante Margit war im März 1945 in Rechnitz in eines der schrecklichsten Nazi-Verbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs verwickelt. 180 jüdische Zwangsarbeiter wurden von Teilnehmern eines im Schloss Rechnitz abgehaltenen NS-Gefolgschaftsfestes erschossen. Ihre Leichen wurden bis heute nicht gefunden.
Der 1973 geborene Großneffe Sacha schreibt über diese Geschichte und stößt dabei auf weitere, alte Familiengeheimnisse. Der jahrelang als USA-Korrespondent u.a. für die Süddeutsche Zeitung tätige Journalist und Autor arbeitet seit Anfang 2018 wieder in der Schweiz.

Kommentare

Johann Glavanovits

Ich ärgere mich ständig wenn ich in Zeitungen sowie Zeitschriften lese, über das Massaker 1945 (beim Kreuzstadel) in Rechnitz. Daher kann ich Herrn Sacha Batthyany gut versteneh, wenn Er sagt: „Es hat mich einfach nicht losgelassen. Denn die Wirklichkeit sowie Wahreit sieht anders aus. Alle Bemühungen und Ausgrabungen von 180 jüdichen Mitbürgern die in der Zeit vom 24 – 25 März 1945 durch die Nazis erschossen wurden, ist gläglich gescheitert.
Dazu folgende Darstellung per E-Mail.
Mit freundlichen Grüßen
Johann Glavanovits
Händy: 0676 93 56 774

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