„Fühle mich gar nicht wie in einem Elfenbeinturm“

Walter Reiss im Gespräch mit Gudrun Kramer, Direktorin des Studienzentrums für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK) in Stadtschlaining.
Walter Reiss
Foto: Walter Reiss

Walter Reiss im Gespräch mit Gudrun Kramer

 

Fühlen Sie sich hier mit Ihrem ExpertInnenteam in der Burg Schlaining nicht manchmal als Chefin eines Elfenbeinturms?
Gudrun Kramer: Tja…, diese Allegorie verwendet man sonst für die hehre Wissenschaft. Also, ich fühle mich gar nicht wie in einem Elfenbeinturm. Denn wir betreiben nicht nur rein theoretische Forschung. Wir arbeiten praxisorientiert, lassen aber die Praxis wieder in Forschungsarbeit einfließen.
Ist Friedenserziehung mit den hier angebotenen Programmen für Schulen ein Teil dieser Praxis?
Gudrun Krammer: Ja, Friedenspädagogik ist ein wichtiger Teil unseres großen Bildungsbereiches. An den Friedenswochen haben schon mehr als 10.000 Schülerinnen und Schüler teilgenommen. Wir bieten aber auch Kurse zu historischen Themen an, wie z.B. Vergangenheitsbewältigung in Bezug auf den Holocaust.

Sie leiten ein Team und ein Institut, das man international ganz gut kennt, dessen konkrete tägliche Arbeit aber den meisten hier in der Region lebenden Leuten kaum vertraut ist. Was gehört noch zum Alltag des ÖSFK?
Gudrun Kramer: Da sind die schon erwähnten KollegInnen, die Forschung betreiben. Sie organisieren internationale Konferenzen, auch in Wien – wo wir ja ein Büro haben. Im Bereich der Bildung schulen und trainieren wir international tätige Experten für ihre Arbeit in Krisengebieten.

Welche Kompetenzen werden da vermittelt? Was lernen die weltweit tätigen „Friedensexperten“ in der Burg?
Gudrun Kramer: Da geht es erst einmal darum, das Wissen über Krisenherde, Konfliktregionen und Akteure zu vertiefen. Dann werden die nötigen Tools – das sind anwendbare Werkzeuge – vermittelt und trainiert: Etwa Projektmanagement und Konfliktanalysen. Ebenfalls sehr wichtig ist das Erlernen richtigen Verhaltens in Konfliktsituationen: Wie verhalte ich mich an einem militärisch kontrollierten Checkpoint? Was mache ich, wenn ich bedroht werde? Situationen wie diese werden in den Kursen, die wir gemeinsam mit Bundesheer und Polizei konzipieren, simuliert. Ebenfalls wichtig ist uns interkulturelle Kompetenz und Sensibilität: Wie gehe ich um mit der Bevölkerung vor Ort? Wie begegne ich Menschen, die durch Krieg und Gewalt traumatische Erfahrungen gemacht haben? Außerdem führen wir Kurse und Trainings für Wahlbeobachter durch.

Wer ist Ihre Zielgruppe? Sind das Friedensaktivisten oder MitarbeiterInnen von NGOs oder Hilfsorganisationen? Wer ist „Kunde“ des ÖSFK?
Gudrun Kramer: An insgesamt fünf unterschiedlichen Trainingsprogrammen nehmen etwa Mitarbeiter der UNO, der OSZE, von zivilgesellschaftlichen Institutionen und Uni-Absolventen im Rahmen einer EU-Initiative für Freiwilligendienst in Krisengebieten teil.

Wird die Bevölkerung hier in der näheren und weiteren Umgebung der Friedensburg in den nächsten Monaten und Jahren von den Aktivitäten des ÖSFK mehr bemerken als früher?
Gudrun Kramer: Wir wollen unsere internationale Arbeit nicht nur stärker sichtbar machen, sondern unser Wissen und unsere Expertise auch in der Region zur Verfügung stellen. Konfliktbearbeitung ist nicht nur in Bhutan oder im Kongo nötig, sondern auch in unserer täglichen Lebenswelt. Darum ist die Friedenspädagogik ein sehr wichtiges Angebot, das wir noch bekannter und sichtbarer machen werden.

Von der Burg aus ein Blick auf die Weltlage: Da sind etwa politische Geisterfahrer wie Donald Trump oder Nordkoreas Diktator Kim Jong-un unterwegs, um machtpolitisch „Schwänzchen zu zeigen“. Gefährden derart machtgeile Typen den Weltfrieden?
Gudrun Kramer: Rein persönlich habe ich auch den Eindruck, dass alles schlechter wird. Ich muss oft an meinen Großvater denken, der in den 1980er Jahren gemeint hat, es würde immer schlimmer. Abgesehen davon muss man sagen, dass in der Tat alles immer komplexer wird. Durch rasante Globalisierung, wachsende Mobilität und neue soziale Medien erreichen uns fast im Minutentakt Meldungen über Konflikte und Gewalt, die weltweit gerade passieren. Bleibt die Frage, ob Konflikte und Gewalt an sich zunehmen oder nur die Informationen darüber. Klar ist aber, dass wir in einer globalisierten Welt immer abhängiger werden voneinander. Daher können wir kommende Herausforderungen nicht lösen, wenn wir uns auf nationaler Ebene wieder abschotten. Internationale Organisationen wie die EU werden immer wichtiger, man gibt ihnen aber immer weniger das Mandat, globale Aufgaben zu erfüllen.

Da stecken wir aber in einem weltpolitischen Dilemma…
Gudrun Kramer: Ja, das ist tatsächlich ein Dilemma. Gleichzeitig gibt es neue global tätige Akteure, wie etwa das wirtschaftspolitisch sehr aktive China. Die bipolare Welt – eingeteilt in West und Ost oder reichen Norden und armen Süden – gibt es so nicht mehr. Internationale Bemühungen zur friedlichen Lösung von Konflikten werden ebenso notwendig sein, wie regionale Initiativen.

Liegt die Friedensburg Schlaining als Wirkungsort für Friedensforschung und Konfliktlösung global gesehen nicht total im Eck?
Gudrun Kramer: Gegenfrage: Gibt’s in einer globalisierten Welt überhaupt noch verlorene Ecken und Winkel? Und der Standort Stadtschlaining hat einen Vorteil. Wenn man nämlich internationale Konfliktparteien zu Gesprächen einlädt, ist es gut, Ruhe zu haben und ungestört von Medien arbeiten zu können. So war etwa im Vorjahr der ehemalige Außenminister Ägyptens hier und der Chef der Arabischen Liga. Die Burg war und ist ein perfekter Ort für konstruktive Gespräche.

Die Friedensburg unweit des einstigen Eisernen Vorhangs als Hotspot informeller Geheimdiplomatie?
Gudrun Kramer: Könnte man sagen… und scherzhaft könnte man überlegen, die zerstrittenen Konfliktpartner hier in der Burg so lange einzusperren, bis sie sich endlich einigen (lacht).

Interview aus Ausgabe 02/2018
Foto: © Walter Reiss, © ÖSFK


Mag. Gudrun Kramer
Es ist ihre „Rückkehr an die Burg“: Die gebürtige Innviertlerin war bereits von 1999 bis 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin am ÖSFK auf Burg Schlaining. Davor war sie in Bosnien-Herzegowina und Kroatien in den Bereichen Flüchtlingsrückführung und Demokratisierung tätig. Sie arbeitete als Expertin in Konflikttransformation in Sri Lanka, Israel/Palästina und Zentralasien. Neben der Leitung von Workshops an internationalen Unis koordinierte sie 2005 bis 2007 nach dem Tsunami den Wiederaufbau von 500 Häusern in drei Dörfern und die Errichtung eines Friedenszentrums im Osten Sri Lankas.
Seit April 2017 führt sie als Direktorin mit internationaler akademischer Karriere und praktischer Erfahrung in Entwicklungszusammenarbeit das vor mehr als drei Jahrzehnten von Gerald Mader gegründete Studienzentrum in der Friedensburg Stadtschlaining.

Walter Reiss
Walter Reiss
Er war 40 Jahre lang beim ORF Burgenland als Redakteur, Chef vom Dienst und Regisseur in Radio und Fernsehen tätig. Walter Reiss war Gestalter von insgesamt 50 TV-Dokumentationen der Serien „Österreichbild“ und „Erlebnis Österreich“ für ORF 2 und 3sat. 2000 wurde er mit dem Bgld. Journalistenpreis ausgezeichnet. Nach wie vor ist er tätig als Moderator von Podiumsdiskussionen, Tagungen und Veranstaltungen zu politischen, gesellschaftspolitischen und sozialen Themen.

Kompetent, prominent, interessant: Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft stehen Walter Reiss Rede und Antwort. In kurzen und kompakten Interviews hinterfragt und beleuchtet er Karrieren, wichtige Ereignisse und Entwicklungen, die Österreich bewegt haben und bewegen und die die Geschichte unserer Region beeinflussen und ihre Zukunft prägen.

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