„Für Frauen in der Politik war die Zeit schon immer reif“

Sie war die erste Frau im burgenländischen Landtag und war als Politikerin dafür bekannt, dass sie auch mal ordentlich auf den Tisch haute: Christa Krammer (SPÖ) war Landesrätin, Gesundheitsministerin, Nationalratsabgeordnete und Volksanwältin. Mit Journalist Walter Reiss redet sie über Frauen an der Parteispitze, Machtmänner und warum eine gute Schulbildung so wichtig ist.
Walter Reiss / 02. Jänner 2019
Foto: Walter Reiss

Ihr selbstbewusstes und oft auch lautstarkes Auftreten in einer von Männern dominierten Politik wurde zu ihrem Markenzeichen. Die gebürtige Deutschkreutzerin hat Staatswissenschaften studiert und war Direktorin der HAK/HAS Oberpullendorf.

1987 wurde sie als erste Frau Mitglied der burgenländischen Landesregierung. Sieben Jahre lang war sie als Landesrätin für Gesundheit, Soziales und Kultur zuständig.

1994 holte Franz Vranitzky die Burgenländerin als Gesundheitsministerin in sein Kabinett.

Nach ihrer Zeit als Ministerin (1994 – 1997) war Christa Krammer Abgeordnete zum Nationalrat und von 1999 bis 2001 Volksanwältin.


Die SPÖ war und ist Ihre politische Heimat. Wie wohl fühlen Sie sich noch in dieser Heimat?

Christa Krammer: Ehrlich gesagt: Manchmal habe ich damit schon meine Probleme. So manches hat mich gestört, aber ich denke, Pamela Rendi-Wagner macht ihre Sache sehr gut. Sie ist eine dynamische Frau und jene, die Probleme mit der SPÖ hatten, fühlen sich jetzt wieder zu Hause in der Partei.

War die Zeit reif für eine Frau an der Parteispitze?

Christa Krammer: Ich weiß nicht, wieso man immer fragt, ob „die Zeit reif ist“ für eine Frau. Die Zeit war schon immer reif dafür! Nur haben sich die Männer immer fest dagegengestemmt. Das trauen sie sich jetzt nicht mehr.

Man hört sie aber immer noch kräftig rumoren, die männlichen Alphatiere…

Christa Krammer: Die sollten sich rasch in einer Ecke verkriechen! Denn sie haben genug Chancen gehabt! Immer wenn die Sache „haarig“ wird und es Probleme gibt, dann sagt man: Eine Frau muss her!

Die SPÖ ist im Bund in Opposition und muss sich in dieser Rolle erst finden. Könnte es sein, dass bei anhaltenden Problemen Rendi-Wagner als „Schuldige“ übrigbleibt und bei Wahlerfolgen die Männer wieder ans Ruder wollen?

Christa Krammer: Nein, das glaube ich nicht. Das wird für Männer nicht mehr so einfach sein wie früher. Es gibt so viele Frauen, die das Geschehen kritisch verfolgen.

Sie waren 1987 die erste Frau in der burgenländischen Landesregierung. Nun steht erstmals eine Frau an der SPÖ-Spitze. Haben sich die Zeiten für Frauen in der Politik stark verändert?

Christa Krammer: Das Burgenland ist da vielleicht doch ein wenig anders: Ich habe mich vom ersten Tag an wohlgefühlt. Wenn mir etwas gegen den Strich gegangen ist, dann habe ich mich sofort gemeldet. Und die Fronten waren geklärt. Die neue Parteichefin hat es da bestimmt schwerer. Obwohl sie – wie ich – Schwierigkeiten nicht ausweicht, lebhaft agiert und ihre Linie konsequent durchzieht.

Ihr Auftreten als Landesrätin und Ministerin war in der Tat oft lautstark, emotional und spektakulär. Sie haben etwa bei Pressekonferenzen „auf den Tisch gehaut“, wenn z.B. bei der Spitalsfinanzierung Sand im Getriebe war.

Christa Krammer: Ja, stimmt. In den westlichen Bundesländern ist ein sinnvolles Konzept für Tageskliniken und Spitäler an Intrigen von Bürgermeistern und durch ein Nein eines Landeshauptmannes gescheitert.

Sind die Landeshauptleute ein oft lästiger Machtfaktor, der jeder Bundesregierung zu schaffen macht?

Christa Krammer: Ja, sie waren und sind sehr mächtig. Egal, ob Rot, Schwarz oder später auch Blau.

Sie halten sich als Ex-Politikerin mit Kommentaren zur Tagespolitik zurück. Trotzdem möchte ich Sie fragen: Wie beurteilen Sie die politischen Entwicklungen?

Christa Krammer: Da stört mich schon sehr, wenn es oft heißt: Das Volk soll immer mehr auf dem Wege der direkten Demokratie entscheiden. Ich halte das für gefährlich, weil die Leute ja oft gar nicht über die wahren Sachverhalte informiert sind. Es wird den Menschen etwas vorgeplappert und sie werden dadurch instrumentalisiert. Und wenn man sich anschaut, wer da von angeblich „direkter“ Demokratie redet, dann erklärt sich das von selbst.

Sie leben in Deutschkreutz, unmittelbar an der Grenze zu Ungarn. Nationalismus und Populismus sind europaweit im Vormarsch, in Ungarn…

Christa Krammer: Ich bin entsetzt! Wenn ich mit Leuten in Ungarn rede, erlebe ich, wie viele Fans ein Viktor Orban hat. Es soll keine Entschuldigung dafür sein, aber eine Erklärung: Ungarn war lange Zeit geknechtet, vor allem unter dem Kommunismus. Identität und Nationalität haben schwer gelitten. Orban spielt nun auf dem Klavier eines neuen Selbstbewusstseins seiner Landsleute. Er ist im Grunde genommen ein Diktator und sucht sich einen Feind von außen: George Soros. Der ist dann an allem schuld, auch am schlechten Wetter… Ein Feind, ein Sündenbock: Das ist der Schmäh aller Diktatoren, der weltweit funktioniert. Und unter all den populistischen Machthabern wie Erdogan halte ich Trump für einen besonders begnadeten Idioten.

Warum sind autokratische Machtmänner derzeit so dominant?

Christa Krammer: Ich habe da eine Vermutung: Dass Populisten so punkten können, liegt am schlechten Schulsystem. Die USA brauchen dringend eine radikale Bildungsreform. Wie überhaupt eine fundierte Bildung das beste Gegengift gegen Populismus ist. Gute Schulbildung von früher Kindheit an ist das beste Fundament für eine funktionierende Demokratie. Da müsste auch bei uns ein Ruck durch das Land gehen.

Noch eine aktuelle Frage: Wie stehen Sie zum Fall des Tiroler SPÖ-Chefs Dornauer, der wegen einer sexistischen Äußerung von den SPÖ-Frauen scharf kritisiert und von Funktionen in der Bundes-SPÖ ausgeschlossen wurde?

Christa Krammer: Ganz ehrlich: Ich finde diese Geschichte lächerlich. Da wurde mit dem Ruf nach Rücktritt übertrieben und ich frage mich, ob wir keine anderen Sorgen haben. Der Mann hat sich sofort entschuldigt, das muss man ihm zugestehen. Er hat mir leidgetan. Denn es gibt da ganz andere, viel ernstere und beklagenswertere Dinge, die nicht in der Öffentlichkeit stattfinden, sondern in vertrautem, engem Kreis. Über diese vielen und wirklich schlimmen Vorfälle spricht man nicht.


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