„Ich bin vielleicht hart zu diesem Land, aber ich glaube daran“

„Das größte Tabu in diesem Land ist noch immer die Wahrheit“ schrieb Peter Wagner 1988 in einer „Rede an das Burgenland“. Der 1956 in Wolfau geborene Schriftsteller und Regisseur gilt als eine der kritisch beobachtenden, aber auch gerade deshalb kritisierten intellektuellen und künstlerischen Instanzen im Land. Als „Autor, Regisseur und Burgenländer“ hat ihn einmal die Tageszeitung „Der Standard“ bezeichnet. Der Mann mit Hut und großer Leidenschaft für alle Facetten von Literatur, Theater, Musik und Film hat erst vor kurzem im – von ihm mitbegründeten - Offenen Haus Oberwart eine Neufassung von „Messe für Eine“ mit Katharina Tiwald inszeniert und plant eine spektakuläre Theaterproduktion in Klagenfurt. Walter Reiss im Gespräch mit dem Autor, Regisseur, Theatermacher, Filmkünstler und Komponisten Peter Wagner.
Walter Reiss / 29. April 2019
Foto: Christian Ringhbauer

„Theater soll ein Hort der Opposition sein“ beschreibt der künftige Burgtheaterdirektor Martin Kusej die gesellschaftspolitische und -kritische Funktion von Kunst. Ist das auch die Position des Autors, Regisseurs, Filmemachers Peter Wagner?

Peter Wagner: Das mag jetzt vielleicht seltsam klingen: Vielleicht habe ich mich in jungen Jahren als politischer Kopf und politischer Schreiber verstanden. Aber in den letzten Jahrzehnten ist mir die Frage wichtig geworden, wie wir uns in der Welt zurechtfinden oder ob wir uns mit ihr abfinden. Theater hat eine andere Funktion, als uns ständig zu belehren. Man darf dem Irrglauben nicht aufsitzen, man könnte von der Bühne herab die Welt zu einer besseren machen. Mir ist wichtig, dass der Blick auf die Welt ein gründlicherer wird. Das kann man durch die Poesie der Sprache, der Darstellung, des Lichts und der Musik erreichen. Und wenn jemand nach einem Theaterstück noch gerne sitzen bleiben möchte, um nachzudenken, dann wäre das der weitestmögliche Output von Theaterarbeit.

Das hört sich bei einem politisch sensiblen Autor zahmer an als erwartet. Du hast seinerzeit mit einer scharfzüngig umformulierten Version der Landeshymne provoziert, hast ein „Kery-Beobachtungs-Komitee“ gegründet, du hast äußerst scharf den kürzlich abgetretenen Landeshauptmann Hans Niessl kritisiert und klar deponiert: „Mein Zorn auf Rot-Blau ist mir heilig“. Ist der Zorn verflogen?

Peter Wagner: Nein. Wenn Tabubrüche passieren, werden sie nicht ungeschehen gemacht dadurch, dass man sie vergisst. Insofern wird Hans Niessl für mich immer dieser Grenzüberschreiter sein, als den er selbst sich nie betrachtet hat. Da im Land so extrem wenig von einem spürbaren Aufschrei dagegen vorhanden war, war es wichtig, dass zumindest einige Stimmen andere Sichtweisen vertreten. Ich habe damals – und übrigens auch jetzt nach Doskozils Aussagen zur Sicherheitspolitik – mehrere Mails bekommen: „Wir müssen jetzt etwas dagegen tun!“ Aber wenn es gilt, wirklich etwas zu tun, dann ist niemand da. Ich habe mich eben angeboten als derjenige, der Einspruch erhebt.

Dein Schaffen umfasst ein sehr breites Spektrum: Begonnen hat es mit Texten und Hörspielen, dann kamen Theaterproduktionen dazu. Musik war dir immer wichtig, Inszenierungen und Regiearbeit ebenso wie filmisches Gestalten und die Kraft des Wortes.

Peter Wagner: Das geht auf meinen Werdegang zurück, auf einen Wettstreit all meiner Ansätze, die ich in mir habe: Im dichterischen, im musikalischen und später im inszenatorischen Bereich. Mitteilung soll gerade im Theater nicht allein über die Sprache erfolgen, nicht nur über die Bühnenästhetik und –performance, nicht nur über die suggestive Kraft des Lichts oder der Musik. All dies in seiner Verschränktheit ergibt eine eigene Sprache im Sinne eines Gesamtkunstwerks.

Die Produktion von „Rattensturm. Angriff auf ein Sinkendes. Orchestriert. Eine Kriegsoper“ in Klagenfurt war ein beachtlicher Erfolg. Und für Aufsehen dürfte wohl auch das nächste Projekt heuer im Oktober in Klagenfurt sorgen.

Peter Wagner: Basis dafür ist die Kunstinstallation FOR FOREST des Schweizer Kulturaktivisten Klaus Littmann: Er stellt 400 lebende Bäume in das Wörtherseestadion. Ich hatte vor, dass mein Stück in diesem Wald spielt und über Kameras zu den Zuschauern auf den Rängen übertragen wird. Leider ist das technisch nicht machbar und der ständig zu bewässernde Wald nicht begehbar. Ich habe eine andere Konstellation entworfen: „Der 13. Gesang der Hölle“ – im Sinne des entsprechenden Gesangs aus dem „Inferno“ von Dante Alighieri – hat nun zwei Fassungen. Die eine wird sich – ähnlich einem Hörspiel – als riesige Geräuschkulisse mit Sprachanteilen als eigene Erzählung im Stadion abspielen, und an einem zweiten Abend findet im Theater der „Innengesang“ statt. Es ist ein Stück, in dem es um die Tendenz zum – vom Menschen verschuldeten – Selbstmord unseres Planeten geht. Und es geht um Verschwender, die wir wohl alle sind. Wir gehen nicht nur sorglos mit den Ressourcen der Erde um, sondern auch mit unseren eigenen persönlichen Kräften.

In den Arbeiten von Peter Wagner ging es immer wieder um das Burgenland, seine kulturelle und ethnische Vielfalt und auch um die politische Entwicklung. Bleibt der pannonisch-burgenländische Kosmos mit all seinen Tabus ein Thema für dich?

Peter Wagner: Ich publiziere seit meinem 18. Lebensjahr und habe mich an dem Land Burgenland schon leidlich abgearbeitet. Mich haben aber nicht nur die burgenlandspezifischen Themen interessiert, sondern mein „Theater am Ort“ geht davon aus, regionale Themen so zu bearbeiten, dass sie überregionale Wertigkeit und Strahlkraft besitzen. Wenn ich zum Beispiel mit dem Stück „Der Fluss“ über die sechs Sprachen des Burgenlandes bei Aufführungen in Salzburg, Klagenfurt und Wien ein tief betroffenes Publikum erreiche, dann ist es das, was ich meine: Dieses hier erlebte Panoptikum, gespeist aus den Volksgruppen, Sprachen und Religionen kann auch für einen Zuschauer in Hamburg, in Bern oder in Südtirol interessant sein. Was das Burgenland und sein bald 100-jähriges Bestehen betrifft, hätte ich für 2021 eine ganze Reihe von Vorschlägen und originellen wie nachhaltigen Konzepten, die die spezielle Identität dieses Landes aufzeigen, aber auch weit darüber hinaus wirken könnten.

Steht dem aber nicht ein gewisses Bild entgegen, das über Peter Wagner öffentlich entstanden ist: das Bild eines kritischen, links-intellektuellen Künstlers, der ein oft negatives Bild dieses Landes zeichnet?

Peter Wagner: Natürlich spüre ich diesen kritischen Gegenwind. Aber wenn der je in meinem Leben eine gravierende Rolle gespielt hätte, dann wäre ich entweder nicht dageblieben, oder ich hätte mich schlichtweg opportunistischer verhalten. Ich verstehe Kritik durchaus als Geschenk: Ich habe mit 17 den in Unterrabnitz lebenden Schriftsteller Jan Rys kennengelernt. Er war ein Bewunderer meines Talents und gleichzeitig ein unglaublich harter Lehrer. So ungefähr geht es mir auch mit meinem Bezug zu diesem Land. Ich bin vielleicht hart zu diesem Land, einem Schwellenland zwischen Alpen und dem flachen Universum östlich von uns. Aber ich glaube an dieses Zwischenland, in dem so viele Religionen und Ethnien hängengeblieben sind und das viele Krisen – wie den Nationalsozialismus im 20. Jahrhundert – erlebt hat. Es ist höchst anregend und interessant, hier zu leben. Ich hatte Angebote, woanders hinzugehen, aber für mich war dieses Land immer ein spannendes Biotop, ein Dschungel, durch den man sich selbst die Wege finden muss. Es gab kein Theater, die Literatur war nur „irgendwie“ entwickelt, man musste selbst aktiv werden. In diesem Sinne habe ich mich auch in das OHO (Offenes Haus Oberwart) eingebracht.

Dem OHO vergleichbare Kulturinitiativen sind die KUGA in Großwarasdorf und in gewissem Sinne auch die Cselleymühle in Oslip. Der überwiegende Teil der heimischen Kulturszene ist hingegen kommerziell und touristisch geprägt. Da hat sich im Bereich des autochthonen, zeitgenössischen Kulturschaffens nicht allzu viel verändert.

Peter Wagner: Es hat sich in der Tat weniger verändert, als ich es gerne gehabt hätte. Es gibt die großen touristischen, aber auch die gutbürgerlichen Kulturbegehrlichkeiten. Für diese hat – der von mir sehr geschätzte – Fred Sinowatz Kulturzentren geschaffen, aus denen leider Tempel eines spießigen Kulturangebots geworden sind. Die unabhängige Szene hat es auch nicht hundertprozentig geschafft, eigene Ressourcen in ihren Häusern und im Land zu binden. Aber immerhin wurden Spielflächen geschaffen: Die KUGA ist immens wertvoll für die nachkommenden Generationen der kroatischen Volksgruppe. Das OHO hat sich entschieden, die zeitgenössische Kunst ins Zentrum seiner Aktivitäten zu stellen und ist immer dann gut gefahren, wenn es sich nicht an so etwas wie Mainstream angebiedert hat. Als man das vor Jahren versucht hat, ist man fast in den Konkurs geschlittert. Diese kratzbürstige Eigenständigkeit wird am ehesten vom OHO gepflegt und auch vom Publikum angenommen.

Welche Chancen gibst du dieser offenen, initiativen und „kratzbürstig“ agierenden Szene unter dem nun für die Kulturbelange zuständigen Landeshauptmann Hans Peter Doskozil?

Peter Wagner: Für mich ist es eine Horrorvision, wenn Kulturarbeit zentralistisch organisiert wird. Wie Sommertheater, Operette oder Musical betrieben werden, das zähle ich zu Kulturtourismus. Es war der abgetretene Landeshauptmann, der immer, wenn er von Kultur gesprochen hat, nur von Nächtigungszahlen geredet hat. Es wäre falsch, die freien Kulturinitiativen Cselleymühle, KUGA und OHO in ein Konzept zu pressen, das ihnen inhaltliche Autonomie und Selbstverwaltung nimmt.

Ist diese Autonomie in Gefahr?

Peter Wagner: Ich weiß noch nicht, in welche Richtung die momentane Kulturpolitik geht und was im Hintergrund passiert. Momentan schaut es eher nicht danach aus, als ob die Unabhängigkeit dieser Häuser gefährdet wäre. Warten wir ab.

Du hast 2015 – aus Protest gegen die rot-blaue Landesregierung – abgelehnt, den burgenländischen Volkskulturpreis durch Landeshauptmann Niessl überreicht zu bekommen. Würdest du einen Preis auch unter Doskozil nicht entgegennehmen?

Peter Wagner: Doskozil ist wohl noch zu kurz im Amt, als dass man jetzt schon beurteilen könnte, in welche Richtung er sich als Politiker und als Persönlichkeit entwickelt. Ich hatte im Herbst ein einstündiges Gespräch mit ihm, und er hat sich meine Vorschläge zum anstehenden Jubiläum „100 Jahre Burgenland“ aufmerksam angehört. Eine Viertelstunde hat er geredet, die übrige Zeit hat er mich reden lassen. Das halte ich zumindest für bemerkenswert. Ich hatte den Eindruck, dass er zuhören kann. Sollte sich dieser Eindruck als falsch erweisen, dann werde ich mich mit Sicherheit melden.

Du würdest den Preis noch nicht ablehnen?

Peter Wagner: Vorläufig nicht.


Peter Wagner
Infos zu Peter Wagner: www.peterwagner.at

Walter Reiss
Er war 40 Jahre lang beim ORF Burgenland als Redakteur, Chef vom Dienst und Regisseur in Radio und Fernsehen tätig. Walter Reiss war Gestalter von insgesamt 50 TV-Dokumentationen der Serien „Österreichbild“ und „Erlebnis Österreich“ für ORF 2 und 3sat. 2000 wurde er mit dem Bgld. Journalistenpreis ausgezeichnet.

Nach wie vor ist er tätig als Moderator von Podiumsdiskussionen, Tagungen und Veranstaltungen zu politischen, gesellschaftspolitischen und sozialen Themen.

Kommentare

wir kennen uns zu gut aus einander duzen allein macht den freund nicht besser als sein ruf voraus ihm eilte reif geworden scheint er zahm nicht zahnlos schreibt mit biss wenn s not tut sich kein blatt nicht vor zurück geblickt ein wenig weh mut ist nicht fremd dem mann mit hut ist doch nur ein versteck tut manchmal gut ich hab den meinen weg gelegt schon lange wie die feder kulis tasten ach hätte ich nur ein wenig zeit zu schreiben auch dir ich würde es wie damals weißt du noch …

Einen Kommentar hinterlassen: