„Ich hab‘ nie eine wirklich dicke Haut gehabt“

18 Jahre war Helmut Bieler als Landesrat für die Finanzen, den Straßenbau, Kunst und Kultur im Burgenland zuständig. Dann musste er für den Heimkehrer Hans Peter Doskozil den Platz räumen. Im Interview mit Walter Reiss erzählt das politische Urgestein mit dünner Haut offen über Parteifreundschaften und lässt zwischen den Zeilen auch Enttäuschungen durchblicken. Etwa über Noch-Landeshauptmann Hans Niessl, der Ende Feber ebenfalls sein Amt an Doskozil abgibt.
Walter Reiss / 29. Jänner 2019
Foto: Walter Reiss

Helmut Bieler

Der 1952 in Bernstein geborene Hauptschullehrer ist seit 2018 Präsident des burgenländischen SPÖ-Pensionistenverbandes und leitet den Seniorenbeirat. Davor wurde er als 18 Jahre (1999 bis 2017) durchdienender Landesrat für Finanzen, Kunst, Kultur, Wissenschaft, Straßen- und Hochbau zum politischen „Urgestein“.

 

Haben Sie Ende 2017 aus der Regierung gehen müssen, um Hans Peter Doskozil Platz zu machen?

Helmut Bieler: Ich bin ja nicht vorzeitig gegangen, sondern mit 65 regulär in Pension. Nach einem Gespräch mit Hans Peter Doskozil war klar, dass das der richtige Zeitpunkt für mein Ausscheiden ist. Ich hätte gerne noch ein Jahr angehängt. Aber nachdem wir als SPÖ die Nationalratswahlen verloren haben, war dann eben eine andere Situation und dementsprechend zu entscheiden.

Nun sind Sie Präsident des SPÖ-Pensionistenverbandes im Burgenland. Haben Sie sich so die Zeit nach dem Regierungsamt vorgestellt?

Helmut Bieler: Nein, das hab‘ ich mir nicht so vorgestellt. Das hat sich ergeben. Aber es ist eine sehr interessante und angenehme, aber auch fordernde Position. Wir haben 183 Ortsorganisationen, die alle damit rechnen, dass ich vorbeikomme.

Rund um Ihren Abgang war aber davon die Rede, dass Sie als langjähriger Kulturlandesrat und gelernter Geschichtelehrer Koordinator für das Jubiläumsprogramm „100 Jahre Burgenland“ 2021 werden sollen. Daraus wurde nichts.

Helmut Bieler: Als klar war, dass Hans Peter Doskozil das Kulturreferat übernimmt, hat er mich gefragt, ob ich Interesse hätte. Ich habe Ja gesagt. Es hat dann noch zwei weitere Gespräche gegeben, aber das war‘s dann.
Mittlerweile habe ich die zeitlichen Ressourcen nicht mehr. Interesse hätte ich schon gehabt.

Und würden Sie das Jobangebot jetzt noch annehmen?

Helmut Bieler: Nein. Das ist kein Thema mehr für mich. Ich möchte meine Zeit auch nutzen, um mich mehr meinen Kindern zu widmen. Die möchte ich nicht mehr, so wie früher, vernachlässigen.

Stichwort Kinder, Beziehung, Familie: So wie Sie klagen viele Politiker, dass ihr Privatleben reduziert und ramponiert wird. Gerade im Burgenland, wo jeder jeden zu kennen scheint, ist ja auch Ihr Privatleben in den Fokus geraten. Vertragen sich Politik und ein funktionierendes Familienleben gar nicht?

Helmut Bieler: Das Ergebnis zeigt, dass es bei mir leider so ist. Obwohl ich in den vergangenen 15 Jahren versucht habe, anders zu leben, war ich doch in bestimmten Mustern gefangen. Und jetzt versuche ich, die Fehler der Vergangenheit ein wenig auszumerzen. Es ist nicht einfach, aber ich spüre, dass die Kinder das verstehen.

Politik ist ein zuweilen hartes Geschäft. Ton und Gangart scheinen rauer zu werden. Bleiben nach politischem Streit Verletzungen und Narben übrig?

Helmut Bieler: Also, ich hab nie eine wirklich dicke Haut gehabt. Mit konstruktiver Kritik und politischer Auseinandersetzung kann ich eigentlich gut umgehen, aber schwierig wird es, wenn sie ins Persönliche und Private geht. Da bin manchmal sehr emotional gewesen und habe – das tut mir jetzt zum Teil auch leid – über das Ziel geschossen. Vor allem dann, wenn man mich – manchmal auch aus den eigenen Reihen – als Person Helmut Bieler angegriffen hat und nicht als Regierungsmitglied. Man lernt zwar, damit umzugehen, aber es bleiben Narben.

Man hat immer wieder gehört, der Helmut Bieler sei sehr empfindlich und ein „Häferl“…

Helmut Bieler: Ja! Stimmt. Denn ich habe oft nicht eingesehen, warum man Politik auf privater Ebene machen muss. Das habe ich selbst nie getan.

Wer kann denn da mehr verletzen: Ein politischer Gegner oder ein Parteifreund?

Helmut Bieler: Ein politischer Gegner kann sehr verletzen. Das habe ich auch erlebt. Aber wirklich tiefe Verletzungen, die sind aus den eigenen Reihen gekommen. Das ist mehrfach passiert und das steckt man nicht leicht weg.

Opposition und Medien haben Ihnen vorgeworfen, nach 18 Jahren als Landesrat einige ungelöste Probleme und Baustellen hinterlassen zu haben, die nun Hans Peter Doskozil sanieren muss: etwa den millionenschweren Zwist zwischen Land und Esterhazy, Verluste durch Swap-Geschäfte, Turbulenzen um die Intendanz der Seespiele Mörbisch, Fehlentscheidungen bei Straßenbauten oder beim Kulturzentrum Mattersburg. Wie steckt man das Image als Loser weg, während ein anderer nun als Retter Furore macht?

Helmut Bieler: Das waren für mich keine Baustellen, sondern Problemfelder, die sich aufgetan haben. Gerade das Thema Esterhazy habe ich versucht, so rational wie möglich und nicht emotional zu behandeln. Es sind überhaupt – gerade in Mattersburg – verschiedenste wirtschaftliche, politische Interessen und Fehlinformationen aufgetaucht. Ich habe immer im Interesse des Landes agiert, um die Rahmenbedingungen für das kulturelle Leben im Land zu verbessern.

Warum geht jetzt mit Doskozil vieles, was mit Bieler nicht gegangen ist?

Helmut Bieler: Ehrlich gesagt: das weiß ich nicht. Ich habe mit Hans Peter Doskozil gerade zu diesen Themen keine Gespräche geführt. Auch die Sache Esterhazy war kein Thema. Ich möchte ihn in keiner Richtung beeinflussen und ich kommentiere seine Entscheidungen nicht. Ich respektiere sie, auch wenn ich möglicherweise anders entschieden hätte.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Hans Peter Doskozil?

Helmut Bieler: Sehr freundschaftlich. Es war keine Frage für mich, dass er als Freund mein Nachfolger als Landesrat wird und nun im Feber das Amt des Landeshauptmannes übernimmt.

Und wie war und ist Ihr Verhältnis zu Hans Niessl?

Helmut Bieler: Wir haben fast 17 Jahre in der Regierung miteinander gearbeitet, viel weitergebracht, auch privat sehr viel unternommen. Alles verändert sich…

Das Verhältnis war also früher besser als zuletzt?

Helmut Bieler: Das ist möglich.

Wird die SPÖ mit Doskozil im Burgenland die absolute Mehrheit schaffen?

Helmut Bieler: Ich hoffe es für ihn, aber es wird schwierig sein.

Und wie wird es der SPÖ als Opposition im Bund ergehen?

Helmut Bieler: Ich kenne Pamela Rendi-Wagner schon länger und schätze ihr politisches Talent. Früher hätte ich nie gedacht, dass sie einmal Parteichefin wird. Ich hätte aber auch nie gedacht, dass wir einen Parteivorsitzenden haben, der alles falsch macht, was man falsch machen kann. Auch der Abgang war nicht gut. Wenn eine Partei so viele Fehler macht, kann ich nur sagen: Selber schuld! Pamela Rendi-Wagner sollte es gelingen, Parteistrukturen nachhaltig zu verändern. Dann wird die SPÖ wieder Kanzlerpartei.


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