„Ich hätte mich doch mehr trauen sollen…“

Walter Reiss ist diesmal im Gespräch mit Altbischof Dr. Paul Iby.
Walter Reiss

Warum setzt man sich als Altbischof hin, um ein Buch zu schreiben? Ist es eine Art Vermächtnis, ein Werk über das eigene Lebenswerk?
Paul Iby:
Nein. Ich wollte einfach niederschreiben, was mein Leben ausgemacht und was mich geprägt hat.

Sie waren als Person und im Amt ein „Bischof des Dialogs“. Provokation war nicht Ihr Stil. Aber ausgerechnet aus dem „Dialog für Österreich“ – einer kirchlichen Initiative, mit Jugend, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft ins Gespräch zu kommen – ist letztlich nichts geworden. Schmerzt es, dass Ihre Kollegen im Bischofsamt nicht diesem Beispiel gefolgt sind?
Paul Iby: Ich war enttäuscht. Im Burgenland ist der Dialog sehr gut gelaufen, aber aus der österreichweiten Initiative wurde leider nichts. Ich denke, das ist ein Schicksal kirchlicher Dokumente. Sie werden schubladisiert, dann redet man nicht mehr darüber. Dabei wäre es enorm wichtig, Grundfragen unserer Gesellschaft im Gespräch, eben durch Dialog zu lösen.

Sie haben seinerzeit den Pflichtzölibat in Frage gestellt und angeregt, man könnte verheiratete Diakone doch zu Priestern weihen. Auch die Priesterweihe von Frauen könne zwar nicht jetzt, aber mittelfristig doch überlegt werden. Andere Bischöfe haben dazu geschwiegen und Rom war auch nicht zum Dialog bereit…
Paul Iby: In der kirchlichen Hierarchie ist dazu die Distanz zu weit. Zwischen einem Landbischof und Rom ist doch ein großer Unterschied. Was mich oft gestört hat, war der erhobene Zeigefinger. Kaum hat man sich vorgewagt, ist man gebremst worden. Ich hätte mir damals (2010 war es Benedikt XVI.) einen Papst gewünscht, wie wir ihn jetzt in Papst Franziskus haben. Ich kann mir vorstellen, dass ich mich mit ihm leichter getan hätte.

Der „kleine Landbischof“ Paul Iby hat sich eben doch vorgewagt, aber man hat ihn nicht „erhört“?
Paul Iby: Gehört hat man mich schon. So mancher hat innerlich wohl zugestimmt, aber es nicht gewagt, sich öffentlich zu äußern. In der katholischen Kirche sind wir an einem entscheidenden Punkt angelangt: Wie soll es weitergehen? Gehen wir einem Abgrund entgegen? Denn auch wenn die Priesterweihe für verheiratete Diakone möglich würde: Sie kommt um Jahrzehnte zu spät. Wir müssen als Kirche auf Augenhöhe mit den Menschen bleiben.

Stichwort Augenhöhe: Wie war denn Ihr Verhältnis zu Spitzenpolitikern im Land?
Paul Iby: Da hat sich im Laufe der Jahre vieles geändert: Mein Verhältnis zu Landeshauptmann Karl Stix war bei weitem besser als zu seinen Vorgängern. Den früher bei offiziellen Anlässen spürbaren „Wettbewerb“ – Wer ist Erster laut Protokoll, wer kommt als Letzter, wer ist wichtiger? – den haben Karl Stix und ich beendet. Insgesamt ist es mit der Politik nicht sehr leicht gewesen. Die Spannung zwischen Kirche und Politik war immer da. Aber ich kann sagen, dass ich mit jedem Spitzenpolitiker eine Gesprächsbasis hatte. Da hat man immer gemeinsame Wege gefunden.

Kritische Beobachter der Landesgeschichte meinen, dass es nach Esterházy zwei konkurrierende Fürsten im Lande gegeben hätte: SPÖ-Landeshauptmann Theodor Kery und Ihren Vorgänger Stefan László. Sie waren sein enger Mitarbeiter und beschreiben ihn in Ihrem Buch als einen „barocken Menschen“…
Paul Iby: Ja, das Barocke war – oft auch in positivem Sinne – spürbar: Feste zu feiern, Reisen zu unternehmen. Wenn wir im Land unterwegs waren, habe ich das Verhältnis von Chef und Mitarbeiter locker und offen erlebt. Aber kaum waren wir wieder in Eisenstadt und im Bischofshof, wurde es offiziell: „Ich bin der Bischof!“. Das war mit der Zeit anstrengend.

Nach der Übernahme des Amtes war ich schon deshalb im kritischen Blick vieler Pfarrer: „Kommt er aus dem Dunstkreis des Bischofs heraus, oder geht es so weiter?“ Ich glaube, es ist mir gelungen, das zu durchbrechen.

In Ihrem Buch gestehen Sie ein, dass Sie oft zu sanft und zu leise agiert haben, also ein sehr braver Bischof waren…
Paul Iby: Stimmt. Ich habe mir das oft gedacht und auch schon geschrieben. Da oder dort hätte ich mich mehr trauen sollen. Manches tut mir heute noch leid, dass ich es nicht gemacht habe.

Zum Beispiel?
Paul Iby: Da ist etwa das Projekt einer privaten Volksschule Wolfgarten in Eisenstadt im Vorfeld der Pädagogischen Akademie. Oder im wirtschaftlichen Bereich wäre es besser gewesen, viele kleine kirchliche Waldgrundstücke zusammenzulegen.

Wenn man Sie bisher gefragt hat, wie denn Ihr Verhältnis zu Ihrem Nachfolger Ägidius Zsifkovics sei, lautete die kurze Antwort: „Korrekt.“ Mehr wollten Sie dazu nicht sagen.
Paul Iby: Ja. Das war anfangs so. So manches hat sich aber gelöst. Wir versuchen, miteinander das Wohl der Diözese und der Menschen im Blick zu haben.

Interview aus Ausgabe 10/2017


Dr. Paul Iby
"Aus dem Buben kann was werden", hatte sein Ortspfarrer seinerzeit gesagt. Der 1953 in Raiding geborene Paul Iby wurde katholischer Priester und war 18 Jahre lang (1993 bis 2010) Diözesanbischof von Eisenstadt. In seinem demnächst erscheinenden Buch "Gott und dem Leben trauen" zieht er Bilanz über sein Wirken und die wichtigsten Stationen seines Lebens.

Paul Iby
"Gott und dem Leben trauen" Erinnerungen und Wegzeichen
€ 19,95, Tyrolia Verlag

Walter Reiss
Er war 40 Jahre lang beim ORF Burgenland als Redakteur, Chef vom Dienst und Regisseur in Radio und Fernsehen tätig. Walter Reiss war Gestalter von insgesamt 50 TV-Dokumentationen der Serien "Österreichbild" und "Erlebnis Österreich" für ORF 2 und 3sat. 2000 wurde er mit dem Bgld. Journalistenpreis ausgezeichnet. Nach wie vor ist er tätig als Moderator von Podiumsdiskussionen, Tagungen und Veranstaltungen zu politischen, gesellschaftspolitischen und sozialen Themen.

Kompetent, prominent, interessant: Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft stehen Walter Reiss Rede und Antwort. In kurzen und kompakten Interviews hinterfragt und beleuchtet er Karrieren, wichtige Ereignisse und Entwicklungen, die Österreich bewegt haben und bewegen und die die Geschichte unserer Region beeinflussen und ihre Zukunft prägen.

Einen Kommentar hinterlassen: