Katastrophen, Stresstest und Erfolgsgeschichten…

Walter Reiss im Gespräch mit dem Zeithistoriker Oliver Rathkolb. „Die paradoxe Republik“ lautet der Titel eines der vielen Bücher von Oliver Rathkolb. Er ist einer der profiliertesten und bekanntesten Wissenschafter, die neuzeitliche Geschichte in Österreich und Europa beobachten, erforschen und analysieren. Der Universitätsprofessor, der auch kürzlich den von der FPÖ präsentierten Historikerbericht kritisch als „wortreiches Ausweichmanöver“ bezeichnete, ist Kurator der 2021 auf Burg Schlaining geplanten Landesausstellung „100 Jahre Burgenland“. Im Gespräch mit Walter Reiss geht es um eine „nicht aus dem Elfenbeinturm“ gemachte Schau in der Burg, um historische politische Katastrophen, die Lage der SPÖ und Krisen der Gegenwart.
Walter REISS / 24. März 2020
Foto: Matthias Cremer

Zeithistoriker Oliver Rathkolb ist Kurator der Ausstellung „100 Jahre Burgenland“

 

Eines der jüngsten Kapitel der 100-jährigen Geschichte des Burgenlandes wird wohl auch die Corona-Krise sein. Ist es auch für Sie ein dramatisch-historischer Moment, wenn Frankreichs Präsident Macron von einem „Krieg gegen einen unsichtbaren Feind“ spricht und in Österreich und weltweit mit blitzartiger Gesetzgebung Grund- und Freiheitsrechte außer Kraft gesetzt werden?

Oliver Rathkolb: Diese Maßnahmen sind ein Stresstest für Demokratie und Gesellschaft. Sowohl in den politischen Entscheidungsprozessen als auch im Verhalten der Gesellschaft läuft dieser Test – bis auf wenige Ausnahmen z. B. in Ischgl in Tirol – solide und solidarisch ab.

Sie sind unter anderem bekannt geworden durch eine Biografie des legendären SPÖ-Kanzlers Bruno Kreisky, der wegen seiner Politik – lieber Schulden machen als Arbeitslosigkeit riskieren – oft hart kritisiert wurde. Aber fährt man nun im Krisenfall nicht gerade diesen Kreisky-Kurs?

Oliver Rathkolb: Ja, das waren genau meine Gedanken. Kreisky war beseelt davon, die verstaatlichte Industrie als Wirtschaftsfaktor und damit Arbeitsplätze zu sichern. Wir werden wohl diesmal europaweit und international einen beachtlichen Schuldenberg anhäufen. Es zeigt sich, dass die Politik nach langen Jahren des Neoliberalismus hier mit Vernunft gegensteuert und sich nun wieder auf ihr Kerngeschäft besonnen hat. Zustände wie in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts mit explodierenden Arbeitslosenraten darf es nicht mehr geben.

Apropos Kreisky: In der krisengeschüttelten Bundes-SPÖ wird er immer als Vorbild und Muster genannt. Aber auch im politisch pragmatischen Kurs eines Hans Peter Doskozil sehen manche die Rettung der SPÖ. Welche Richtung stimmt?

Oliver Rathkolb: Wir leben jetzt in einer völlig anderen Zeit. Aber das Beispiel Doskozil zeigt, dass man ganz klare und konkrete Botschaften und Maßnahmen setzen muss. Man darf sich nicht zu stark in ideologischen und virtuellen Debatten verstricken. Es gilt, den Menschen konkrete und nachvollziehbare Lösungen anzubieten, mit denen sie etwas anfangen können. Die Sozialdemokratie hat beispielsweise in den letzten Jahrzehnten viele Jungwähler verloren. Kreisky hat seinerzeit gerade für Jüngere leicht nachvollziehbare Dinge durchgesetzt: 6 Monate Grundwehrdienst, Schülerfreifahrten, kostenlose Schulbücher, etc. Die Sozialdemokratie hat sich zu sehr dem Neoliberalismus angenähert, ja wollte ihn sogar teilweise überholen. Ich erinnere da an Alfred Gusenbauer, der das Nulldefizit im Budget in der Verfassung verankern wollte. Da hätten wir in der momentanen Krise auch noch die Verfassung ändern müssen. Die Sozialdemokratie ist in den letzten Jahrzehnten oft viel zu weit weg von den Menschen.

Stichwort Menschen: Sie wollen die von Ihnen kuratierte Ausstellung über die 100-jährige Geschichte des Burgenlandes als „eine Geschichte der Menschen“ gestalten. Wollen Sie also mehr machen als eine übliche Schau historischer Dokumente und Objekte?

Oliver Rathkolb: Ja. Wir wollen diese Landesausstellung schon sehr bald mit einer leistungsstarken Internetplattform ausstatten und alle Burgenländerinnen und Burgenländer, aber auch jene, die hier ihren Zweitwohnsitz haben und alle, die sich mit dem Land verbunden fühlen, zum Mitmachen einladen. Themen, Geschichten, Fotos von Erinnerungsstücken und Objekten sind von Interesse und können dort dann in unsere thematischen Vorgaben hochgeladen werden. Es wird sozusagen zwei Ausstellungen geben: Eine klassische und eine virtuelle. Das ist neu und auch der Versuch eines eigenen, burgenländischen Weges, die Menschen mit ihren Beiträgen
einzubinden. Das Ganze soll nachher auch nicht – wie sonst üblich – in einem Depot verschwinden, sondern in Zukunft digital sichtbar bleiben.

In einer vom Land Burgenland publizierten „Amtlichen Mitteilung“, einer aufwändig und bunt gestalteten Werbebroschüre, liest man, dass Sie das Land als „Erfolgsgeschichte“ präsentieren wollen. Besteht da nicht die Gefahr einer romantischen Sicht und des Bedienens von Klischees?

Oliver Rathkolb: Ganz im Gegenteil. Wir werden den Alltag im Jahr 1921 eindrucksvoll abbilden, aber auch die Zeit nach 1945: Da ist innerhalb weniger Generationen ein unglaublicher Schub an Infrastruktur zu bemerken. Und gerade in Krisenzeiten wie jetzt sollte man gelassen in die Vergangenheit zurückblicken in die alltägliche Lebenswelt der Großeltern. Es regt dazu an, kritisch nachzudenken und auch die Katastrophen wie den Nationalsozialismus und Holocaust nicht aus dem Blick zu verlieren.

In dieser Ausstellung soll es auch um die burgenländische Identität gehen. Gibt es dieses einheitliche Selbstverständnis zwischen Nord, Mitte und Süd, zwischen Heideboden und Raabtal überhaupt?

Oliver Rathkolb: Das ist eine sehr gute und berechtigte Frage. Und Identität ist ein sehr schwieriger Begriff. Es wird wohl in die Richtung gehen, dass es keine uniforme burgenländische Identität gibt, sondern verschiedene positiv aufgeladene emotionale Projektionsflächen von Heimat. Das war in den Zwanzigerjahren oder nach dem zweiten Weltkrieg anders als jetzt. Diese Verschiedenheit an Heimatgefühlen wollen wir darstellen und zur Diskussion anregen. Es sind übrigens auch eine Meinungsumfrage und viele Interviews mit den Menschen im Land geplant: „Fühlen Sie sich als Burgenländer/Burgenländerin und was macht dieses Gefühl aus?“ Und wir wollen vor allem auch in die Schulen gehen, Projekte entwickeln und das Gespräch mit den jungen Menschen suchen. Auch das ist eine neue Form, ein Jubiläum eines Landes darzustellen. Wir wollen raus aus dem klassischen Forscher- und Historiker-Elfenbeinturm, hinein in die hier lebende Gesellschaft.

Sie gelten als ein in der sozialdemokratischen Wolle gefärbter Zeithistoriker, betonen das große Format eines vielfach unterschätzten Fred Sinowatz und in einer „Erfolgsgeschichte“ eines modernisierten Burgenlandes wird es bestimmt um die Ära Theodor Kery gehen. Setzen Sie sich da nicht dem Vorwurf aus, dass die geplante Ausstellung zu einer „roten“ Leistungsschau werden könnte?

Oliver Rathkolb: Das ist schon deshalb nicht möglich, weil es ja um 100 Jahre geht. Da werden alle Landeshauptleute seit 1921/22 entsprechend wahrgenommen und es wird selbstverständlich der kritisch-sachliche Blick auf alle politischen Entwicklungen sichtbar werden. Sie werden genauso viel über den ersten Landeshauptmann Robert Davy wie über den von den Nazis im KZ zu Tode gequälten Christlichsozialen Hans Sylvester oder den letzten ÖVP-Landeshauptmann Josef Lentsch erfahren, in dessen Nachlass gerade mein Mitarbeiter Mag. Johann Kirchknopf forscht. Aber auch Fred Sinowatz, der erste Bundeskanzler aus dem Burgenland wird – mit unbekanntem neuem Material anschaulich dokumentiert – vorkommen, weil wir gerade seinen Nachlass aufarbeiten, den seine Familie zur Verfügung gestellt hat. Zahlreiche ÖVP Minister wie Robert Graf, der, in New York geboren, wieder ins Burgenland zurückgekommen ist, oder der Innenminister Franz Soronics werden präsentiert werden – wie alle acht Minister und die bisher einzige Ministerin aus dem Burgenland, Christa Krammer. Auch der ehemalige Bundespräsidentschaftskandidat, Infrastrukturminister und jetzige FPÖ-Obmann Norbert Hofer gehört zur Politikgeschichte des Burgenlandes und der Zweiten Republik.


Walter Reiss
Er war 40 Jahre lang beim ORF Burgenland als Redakteur, Chef vom Dienst und Regisseur in Radio und Fernsehen tätig. Walter Reiss war Gestalter von insgesamt 50 TV-Dokumentationen der Serien „Österreichbild“ und „Erlebnis Österreich“ für ORF 2 und 3sat. 2000 wurde er mit dem Bgld. Journalistenpreis ausgezeichnet.

Nach wie vor ist er tätig als Moderator von Podiumsdiskussionen, Tagungen und Veranstaltungen zu politischen, gesellschaftspolitischen und sozialen Themen.

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