„Rot-Blau ist und bleibt ein Tabubruch“

Walter Reiss ist diesmal im Gespräch mit dem Arzt, Buchautor, Zeitzeugen und kritischen Geist Dr. Lutz Popper.
Nicole Mühl

In den Siebzigerjahren sind Sie aus Wien ins Burgenland gekommen. Von Wiener Kollegen sind Sie da belächelt worden.
Lutz Popper: Ja. „Warum willst Du ausgerechnet ins Burgenland?“, haben sie gesagt. Unter ihnen der spätere SPÖ-Gesundheitsminister und Präsidentschaftskandidat Kurt Steyrer: „Sei nicht blöd, bleib doch in Wien!“. Es hat mich aber gereizt. Es gab damals im ganzen Burgenland nur einen Urologen und mein Taufpate war Burgenlandkroate. Es war der damalige Landeshauptmann Theodor Kery, der erkannt hat, dass man vor allem im Südburgenland einen Urologen braucht.

War es Kery, der dafür gesorgt hat, dass Sie auch im Krankenhaus Oberwart tätig waren?
Lutz Popper: Ja, er hat das durchgesetzt. Übrigens war in den Siebzigern gerade das heute so viel diskutierte Schwerpunktkrankenhaus gerade in Planung, mit viel mehr Abteilungen als vorher, darunter auch eine Urologische Abteilung. Ich habe dafür Stimmung gemacht und der damalige Gesundheitslandesrat Gerald Mader hat mitgespielt.

Wie haben Sie als ärztlicher Leiter des Krankenhauses in Oberwart Politik und Verwaltung im Land erlebt?
Lutz Popper: Theodor Kery war eine überaus starke – und wie ich glaube – dominante Führungspersönlichkeit. Dazu kam auch ein kulturpolitischer Aufbruch unter dem damaligen Landesrat Fred Sinowatz. Das hatte schon was. Aber in der zweiten Reihe, in der Bürokratie, da waren etliche Bremser am Werk. Es war ein großer Aufschwung. Kery hat – obwohl er ja vormals Mitglied der NSDAP war – niemals rassistisch oder antisemitisch, sondern liberal und engagiert für das Land gehandelt. Man muss aber sagen, dass Kery gegen Ende seiner Amtszeit eher selbstherrlich agiert hat. Daher wäre es – auch mit Blick auf heutige Landeskaiser – dringend notwendig, die Amtszeit auf maximal zwei Perioden zu begrenzen.

Nun ist auch das damals neue Spital in Oberwart bald wieder Geschichte. Und Sinn und Kosten von Umbau, Abriss oder Neubau waren und sind noch immer politisches Streitthema. Was sagt der ehemalige Spitalschef dazu?
Lutz Popper: Dieses Haus wurde sozusagen „mein Kind“ und war mir eine Herzensangelegenheit. Aber seit ich 1998 in Pension gegangen bin, war ich plötzlich kein Ansprechpartner mehr. Anders als etwa in Wien zählt die Erfahrung von „elder statesmen“ im Burgenland nicht: „Des is a alter Depp, der soll die Goschn halten!“ Ich wollte mich mit Altersweisheit nicht aufdrängen, aber es hat mich schon betroffen gemacht. Jetzt soll es ein Neubau werden mit 320 Betten, davor waren und sind es 500. Man will also Geld und Personal sparen. Medizinische Qualität scheint da kein Thema zu sein. Ich weiß schon, dass früher „goldene Zeiten“ waren, man hat oft mit Geräten und Ausstattung geprasst. Aber jetzt geht das zu stark in die Gegenrichtung. Sparstift ja, aber nicht nur um des Sparens willen!

Dieses Interview ist kein Logengespräch der Muppet Show, trotzdem die Frage: Welche Therapie hat Lutz Popper für das Spital Oberwart?
Lutz Popper: Man könnte etwa aus dem jetzigen Altbau eine Art Ambulanzzentrum machen, das eng mit dem Betrieb im neuen Haus kooperiert. Da könnten frei praktizierende Ärzte mit Kassenvertrag arbeiten. Ich hielte das für ein gutes und integratives Modell. Es gibt ja noch immer viele Animositäten zwischen den Ärzten „da draußen in der Praxis“ und „drinnen im Spital“. Statt gegenseitiger Arroganz gäbe es Zusammenarbeit und doppelte Befunde wären auch nicht mehr notwendig.

Dem Arzt und überzeugten Sozialdemokraten Lutz Popper ist politisch so manches „an die Nieren gegangen“. Seit der Affäre Waldheim 1986 engagieren Sie sich im Mauthausen-Komitee Österreich, in der Rechnitzer Gedenkinitiative RE.fugius und bei SOS Mitmensch. Und als Zeitzeuge warnen Sie in Schulen vor Rechtsextremismus, Faschismus und Populismus.
Lutz Popper: Ich habe als Kind Verfolgung erlebt. Das Schicksal vertriebener Juden ist Teil meiner Familiengeschichte. Ich war in keinem KZ, in keinem Lager, aber ich habe erlebt, was Vertreibung ist und was Flucht bedeutet. Ich hatte ja  gehofft, dass derartiges Gedankengut in Europa nicht mehr möglich ist und Österreich sich zu einer reifen Demokratie entwickelt. Der Fall Waldheim hat mich in der Forderung bestärkt, dass Information und Unterricht über Zeitgeschichte forciert werden müssen. Leute wie mich, die über die NS-Zeit erzählen können, wird es bald nicht mehr geben.

Seit Mai 2015 regiert im Burgenland eine Koalition von SPÖ und FPÖ. Sie sind aus der SPÖ ausgetreten, haben mit der „Offensive gegen Rechts“ demonstriert und in einer Rede gemeint, Ihre Familie sei von jenen Nazis vertrieben worden, „die heute von der FPÖ so kleingeredet und verharmlost werden“.
Lutz Popper: Das habe ich einfach nicht für möglich gehalten, dass die SPÖ mit der FPÖ koaliert. Rot-Blau war und ist für mich als Sozialdemokrat ein Tabubruch schlechthin. Ich habe mir nicht gedacht, dass der derzeitige SPÖ-Landeshauptmann eine derartige Affinität nach rechts hat. Die Grundsäulen der Sozialdemokratie sind Demokratie und Antifaschismus. Da haben wir es jetzt in der FPÖ mit einer demokratisch gewählten Partei zu tun, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Demokratie zu zerstören – man kann das aus vielen Aussagen von FPÖ-Exponenten herauslesen.

Ist es nicht unfair, FPÖ-Wähler allesamt als rechtsextrem zu bezeichnen?
Lutz Popper: Das pauschal zu tun, wäre ungerecht. Aber die blaue Partei hat einen harten Kern, die Burschenschafter beispielsweise. Und in den blauen Reihen findet man auch Rassisten, Antisemiten, Menschenverächter. Mehr und bessere politische Bildung sollte in Hinkunft verhindern, dass Menschen gegen ihre eigenen Interessen wählen. Ich war fast 45 Jahre im Burgenland. Die politische Entwicklung war nicht der Hauptgrund dafür, dass ich gegangen bin. Aber erschwert hat sie mir den Abschied auch nicht.

Interview aus Ausgabe 12/2017


Dr. Lutz Popper
Am 1. März 1938 wurde er als "Österreicher" geboren. Als ein paar Tage später seine Mutter mit ihm das Spital verließ, war er "Deutscher". Der Vater, ein anerkannter Sozialmediziner, war Jude. Nach dem Anschluss an Hitler-Deutschland flüchtete die Familie nach Bolivien. Seine dort verbrachte Kindheit und die Familiengeschichte hat Lutz Popper in den Büchern "Bolivien für Gringos" und "Briefe aus einer versinkenden Welt" dokumentiert. Der Arzt und überzeugte Sozialdemokrat hat 45 Jahre lang in Oberwart gelebt und ist nicht nur als Zeitzeuge für Geschichte und Schicksal des Judentums im Burgenland bekannt, sondern auch als gesellschaftspolitisch engagierter kritischer Geist. Nun hat er dem Burgenland den Rücken gekehrt und lebt wieder in der Nähe von Wien.

Walter Reiss
Walter Reiss
Er war 40 Jahre lang beim ORF Burgenland als Redakteur, Chef vom Dienst und Regisseur in Radio und Fernsehen tätig. Walter Reiss war Gestalter von insgesamt 50 TV-Dokumentationen der Serien „Österreichbild“ und „Erlebnis Österreich“ für ORF 2 und 3sat. 2000 wurde er mit dem Bgld. Journalistenpreis ausgezeichnet. Nach wie vor ist er tätig als Moderator von Podiumsdiskussionen, Tagungen und Veranstaltungen zu politischen, gesellschaftspolitischen und sozialen Themen.

Kompetent, prominent, interessant: Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft stehen Walter Reiss Rede und Antwort. In kurzen und kompakten Interviews hinterfragt und beleuchtet er Karrieren, wichtige Ereignisse und Entwicklungen, die Österreich bewegt haben und bewegen und die die Geschichte unserer Region beeinflussen und ihre Zukunft prägen.

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