Sehr viel gestern – wenig heute

Das Land Burgenland feiert im heurigen Jahr sein 100-jähriges Bestehen und hat dies mit drei Ausstellungen gewürdigt. Auf Burg Güssing wird die Zeit „Von Deutschwestungarn bis Burgenland“, also die Zeit vor 1921, betrachtet. Das Landesmuseum Eisenstadt beschäftigt sich unter dem Titel „Unsere Amerikaner“ mit der burgenländischen Auswanderergeschichte. Und schließlich ist auf der neu renovierten Friedensburg Schlaining die Jubiläumsausstellung „Wir sind 100. Burgenland schreibt Geschichte“ zu sehen. Diese Schau beleuchtet auf 1.300 m2 auf multimediale Weise die Geschichte des Landes mit 850 Objekten sowie 30 Medienstationen. prima! hat sich an den Schauplatz nach Schlaining begeben. Eindrücke nach zwei Stunden „Wir sind 100“: Herta Oswald aus Jabing und Johann Palkovits aus Güssing im Gespräch mit Walter Reiss.
Walter REISS / 26. November 2021 / Podcast am Seitenende
Foto: Lexi

Wie war Ihr erster Eindruck von der neu gestalteten Friedensburg?

Herta Oswald: Ich kenne die Burg von früher. Es ist jetzt alles hier viel freundlicher. Im Inneren wie auch an den Fassaden.
Johann Palkovits: Beim ersten Reingehen wirkt es schon gigantisch. Früher war die Burg ja nur teilweise renoviert. Jetzt bin ich überrascht, wie komplett sie erneuert worden ist.

Sie sind zwei Stunden lang durch die Ausstellung geführt worden. Was nehmen Sie davon mit?

Herta Oswald: Schon in den ersten Räumen wird dargestellt, dass das Burgenland das Armenhaus Österreichs war.

Johann Palkovits: Hier wird gezeigt, dass unsere Vorfahren starken Bezug zu Ungarn gehabt haben, auch wirtschaftlich. Als Szombathely kein Zentrum mehr war, hat man Sorge um die Zukunft gehabt. So hat es meine Großmutter erzählt.

Welches Bild vom Burgenland wird hier vermittelt?

Johann Palkovits: Es ist in Fotos und Objekten sehr viel zu sehen, wie es früher war. Mir hat gefehlt, dass man zeigt, wie es jetzt im Burgenland aussieht.

Herta Oswald: Mir ist es genauso gegangen. Aus meinem Wohnort Jabing wird hier ein Bild eines Kaufhauses gezeigt, das nicht mehr existiert. Vieles gibt es ja leider nicht mehr, wenn ich da nur an das harmonische Ortsbild denke.

Glauben Sie, können auch Nicht-Burgenländer*innen in der Ausstellung Land und Leute besser kennenlernen?

Johann Palkovits: Ich denke, man lernt hier vor allem die Geschichte dieses Landes kennen, die Entwicklung bis heute kommt meiner Meinung nach zu kurz. Fast nur Geschichte, wenig Gegenwart.

Hat Sie das eine oder andere Objekt besonders beeindruckt?

Johann Palkovits: Schon lange vorher hat mich der Vertrag von Saint Germain interessiert. Dass man es geschafft hat, das Original hierher zu bringen, finde ich wirklich großartig. Die Darstellung, wie das Burgenland entstanden ist, hat mir gefallen.

Herta Oswald: Einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen hat die Vitrine mit den Teilen der tödlichen Sprengfalle vom Feber 1995 in Oberwart, durch die vier Roma ermordet worden sind. Und da ist mir wieder durch den Kopf gegangen: Muss erst wieder etwas passieren, damit man Minderheiten in Würde und human begegnet?

Johann Palkovits: Die Ausstellung zeigt die Vielfalt der Volksgruppen im Burgenland. Das habe ich mir auch von ihr erwartet. Denn abfällige Bemerkungen der deutschsprachigen Bevölkerung über Burgenlandkroaten, Ungarn oder Roma gibt es heute nicht mehr.

Herta Oswald: Allerdings wird die Volksgruppe der Roma noch immer irgendwie ausgegrenzt.

Fühlen Sie sich nach dem geführten Rundgang durch die Ausstellung gut informiert?

Johann Palkovits: Die Vermittlerin hat sich nicht in Details verloren, sondern die Dinge gut auf den Punkt gebracht. Dazwischen hatte man Zeit, sich näher umzuschauen.

Herta Oswald: Das habe ich auch positiv erlebt.

Johann Palkovits: Ich möchte noch etwas sagen zur Darstellung der Entwicklung des Landes: Da hätte man noch mehr darauf hinweisen sollen, dass das Land nach dem Zweiten Weltkrieg in Nord und Süd gespalten war. Etwa bei der Energie: Da wurde man aus Niederösterreich und der Steiermark versorgt und erst ein Streik der Mitarbeiter hat bewirkt, dass ein eigenständiges Energieunternehmen gegründet wurde. Und wichtig ist für mich auch, dass man den durch Bildung und Schulwesen ermöglichten Aufschwung der 60er- und 70er-Jahre herzeigt.

Die Ausstellung steht unter dem Titel „Wir sind 100“. Gibt es überhaupt so etwas wie ein Wir-Gefühl von Süd bis Nord, also eine gemeinsame burgenländische Identität?

Herta Oswald: Es ist vermutlich dasselbe wie „Wir Europäer“ oder „Wir Österreicher“: Jeder Mensch ist anders, aber es gibt im Burgenland schon so etwas wie ein Gefühl der Gemeinsamkeit.

Johann Palkovits: Die Mentalitäten sind schon sehr verschieden. Ich war beruflich oft von Nord bis Süd unterwegs, von Kalch bis in den Seewinkel. Aber, ich denke, wir sind alle Burgenländer und wir können miteinander.

Herta Oswald: Ja, wir sind auf dem Weg, unsere Identität als Burgenländer*innen zu finden.

Würden Sie sich die Ausstellung noch einmal ansehen?

Johann Palkovits: Ja, ich werde mir wahrscheinlich alles noch einmal anschauen.

Herta Oswald: Ich komme auch wieder hierher. Eine Führung ist zwar gut, aber ich möchte mir alles allein und in Ruhe ansehen.


Besucher*in Herta Oswald aus Jabing und Johann Palkovits aus Güssing.

CODE 1921

Impressionen eines Rundgangs.

„Wissen Sie, das hat mit dem Hintergrund dieser Ausstellung zu tun: Wir sind nämlich 100!“ erklärt die als Führerin durch das burgenländische Jahrhundert geschulte Vermittlerin der Gruppe den Code, mit dem man am eigenen Handy so manches abhören kann, das man in der Burg noch zu sehen bekommt.
Nord – Mitte – Süd: Eine bunt gemischte Gruppe aus allen Landesteilen macht sich auf den Weg treppauf vom Burghof in die höher gelegenen Schauräume. Allesamt mit Millionenaufwand aufwendig renoviert und beheizt. Ein in grellem Gelb gefärbeltes Gewölbe ist gespickt mit metallisch glänzenden Halbkugeln mit darauf geätzten Ortsansichten. Für jede Gemeinde. Die Besucher suchen und finden, aber nicht alles: „Wo ist denn Mönchmeierhof?“ oder „Wo finde ich da Gamischdorf?“ Fehlanzeige. Ortsteile gibt es hier nicht: Sie waren und sind zu klein für die große Inszenierung. Schade, denn die burgenländische Identität war und ist ein sehr lokales und dorfbezogenes Gefühl.

Geschichte unter Glas

Tief beeindruckt, fast ehrfürchtig, reiht man sich um eine große Vitrine, die einen von Historikern sehr geschätzten Schatz in sich birgt und stolz präsentiert: Das Original jenes Vertrages, der als eine Art Gründungsurkunde des Burgenlandes gilt. Die fast andächtige Würde wird allerdings empfindlich gestört durch lautes Knarren der Bodendielen. Mehrere Gruppen und einzelne Besucher ergeben ein hörbar lautstarkes Wandeln auf den Spuren der Geschichte. Unter einem eher kleineren Gewölbe begegnet man an kleinen Tischen per Video mehreren Burgenländerinnen und Burgenländern, die aus ihrem Leben erzählen. Aber kaum jemand setzt sich zu den kleinen Tischchen samt Monitor. Wenn hier alle reden, hört man nichts. Man geht weiter…

Und wie geht es weiter?

Die eindrucksvolle Fülle von fast 900 Objekten in 160 Vitrinen und 30 flimmernden Medienstationen zeigt Wirkung: „Unglaublich, wie viel man hier zu sehen kriegt!“ schwärmt eine Besucherin aus Wien, „hätte ich beim Burgenland eigentlich nicht erwartet…“, sinniert sie und stellt eine der Fragen, die man hier oft hört: „Wo geht’s denn jetzt weiter? Vorne den Gang rechts, oder dort rauf?“ Das Leitsystem in den Gängen, Sälen, Winkeln und Treppen der auf Hochglanz gebrachten Burg bringt die Gästeströme nicht immer dorthin, wo sie auf ihrer Zeitreise auch landen sollten. Aber zum Wohlgefallen der Kulturbetriebe Burgenland – sie managen die Schau – kommen alle zurück: zu Shop und Kassa.
Apropos: „Wie geht es weiter?“: Aus dem inszenierten und professionell beworbenen und begehbaren Event „Wir sind 100“ soll nach 2022 ein „Haus der Geschichte“ des Burgenlandes werden. Man darf gespannt sein, ob man in diesem Haus in der Burg das Burgenland nicht nur in seinen vielfältigen Facetten und hunderten Objekten sieht, sondern das Land und seine Leute auch spürt …

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