Unser Mann in Havanna

Seine Kindheit und Schulzeit hat Stefan Weidinger in Güssing verbracht. Dann trieb es ihn sozusagen in die Welt hinaus. Für die kommenden fünf Jahre wird er nun mit seiner Familie in Havanna ein Zuhause finden, denn er wurde erst vor wenigen Tagen zum Botschafter der Republik Österreich für diesen Inselstaat bestellt. Wohlgemerkt - nur einer seiner Zuständigkeitsbereiche. Walter Reiss hat mit dem gebürtigen Burgenländer über Weltpolitik geredet, über unberechenbare Staatschefs und - über Bohnensterz.
Walter Reiss / 31. Oktober 2018

Tausende Flugmeilen gehören zum Alltag eines Diplomaten. Wohin führten die ersten Reisen des jungen Stefan Weidinger?

Stefan Weidinger: Für mich als Kind aus Güssing war damals Fürstenfeld schon fast die weite Welt. Und als aktiver Fußballer bin ich im ganzen Burgenland herumgekommen. Mein erster Flug – ein Geburtstagsgeschenk zum Zwanziger – führte mich von Laibach nach Leipzig, zum WM-Qualifikationsmatch DDR – Österreich. Wegen Schlechtwetters konnten wir erst drei Stunden später starten. Vom strahlenden Himmel über der dichten Wolkendecke war ich dann unglaublich fasziniert. Heute komme ich im Schnitt auf zehn Flüge im Jahr.

Wollten Sie immer schon Diplomat werden?

Stefan Weidinger: In der Diplomatie bin ich eher durch Zufall gelandet. Als Student und später als Universitätsassistent für Volkswirtschaft und Politik stieg mein Interesse an Außenpolitik und Fremdsprachen.

Neben Indonesien war Russland zweimal Station Ihrer Karriere. Sie waren auch Stellvertreter des Botschafters in Moskau. Schlagzeilen über das Verhältnis Österreich-Russland gab es zuletzt über präsidialen Hochzeitsbesuch und ministeriellen „Kniefall“. Sind Sie in Moskau Vladimir Putin persönlich begegnet?

Stefan Weidinger: Ja, das war dreimal bei Staatsbesuchen von Bundespräsident und Bundeskanzler. Da steht man einander gegenüber und reicht sich die Hand.

Ab Anfang November sind Sie Vertreter der Republik Österreich in Kuba. Den Inselstaat kennen viele von der Kuba-krise 1962, als die Sowjetunion dort im Kalten Krieg Atomwaffen stationiert hat. Man erinnert sich an den legendären Revolutionsführer und kommunistischen Staatschef Fidel Castro und das umstrittene US-Gefangenenlager Guantanamo. Ist der 12 Millionen Einwohner zählende Inselstaat nach wie vor ein politisch spannendes Land?

Stefan Weidinger: Ja, auf jeden Fall. Es gab ja Parlamentswahlen, neuer Präsident wurde Miguel Díaz-Canel, der ja das Amt von Fidel Castros Bruder Raúl übernommen hat. Raúl Castro hat als Chef der kommunistischen Partei nach wie vor die Zügel in der Hand. Aber es gibt erste Schritte im Rückzug der alten Garde. Im Frühjahr 2019 soll Kuba eine neue Verfassung erhalten. Ziele sind Liberalisierung und auch Stärkung der Menschenrechte. Entscheidend für die weitere Entwicklung wird die Politik der USA gegenüber Kuba sein. Die Hoffnungen auf ein offeneres Verhältnis der beiden Staaten unter Barack Obama sind unter Donald Trump wieder eingebremst worden.

Weil wir schon bei Trump sind: Weltpolitik scheint aktuell oft durch Kraftausdrücke geprägt zu sein. Egal, ob Trump, Kim Jong-un oder Orban. Da wird mitunter heftig und deftig geschimpft, geleugnet, beschuldigt und heruntergemacht. Große Sprüche und symbolische Politik dominieren. Hat die Diplomatie mit der ihr zugeschriebenen feinen Klinge gegen diese rauen Töne überhaupt noch eine Chance?

Stefan Weidinger: Man darf so manche Aussagen von Staatschefs nicht überbewerten. Es können liberale Präsidenten genauso wenig revolutionäre Änderungen herbeiführen, wie Trump durch radikale Äußerungen Schaden anrichten kann. Sie sind alle eingebettet in dichte Netze von staatspolitischen Abhängigkeiten. Die USA sind nach wie vor eine der stärksten Demokratien der Welt. Ein System von Checks and Balances zwingt den Präsidenten, sich zu mäßigen.

Als Österreichs Botschafter in Kuba, der Dominikanischen Republik, Haiti und bald auch Venezuela sind Sie unter anderem zuständig für Belange der dort lebenden Auslandsösterreicher.

Stefan Weidinger: Im Vergleich zu Russland sind das natürlich sehr wenige: Ich schätze, es sind etwa 50. Und im wirtschaftlichen Bereich ist durchaus noch Potenzial. Österreichs Exporte nach Kuba betragen zwischen 10 und 17 Millionen Euro im Jahr. Es gehört zu meinen Aufgaben, die bilateralen Beziehungen zwischen Österreich und Kuba zu stärken. Weiters obliegt mir die regelmäßige amtliche Berichterstattung über die laufende wirtschaftliche, politische und kulturelle Entwicklung. In der Botschaft arbeitet ein Team von insgesamt zehn Personen, darunter drei Österreicher.

Kuba ist nach wie vor politisch geprägt durch staatlich gelenkte Wirtschaft und bürokratischen Zentralismus, Meinungs- und Pressefreiheit sind beschnitten. Belastet das die politischen Beziehungen?

Stefan Weidinger: Es ist für die kubanische Führung sicher ein Thema, das für Irritation sorgt. Regierungen haben es nie gern, wenn Forderungen nach Einhaltung der Menschenrechte von erhobenem Zeigefinger begleitet werden. Da erreicht man mehr, wenn man behutsamer agiert und nicht allzu sehr in die Medien geht.

Neben der operativen Vertretung österreichischer Interessen in Politik und Wirtschaft gehört auch Repräsentation zum Job eines Botschafters. Wird man bei offiziellen Empfängen in Havanna auch merken, dass der Botschafter Burgenländer ist?

Stefan Weidinger: Ja, ganz bestimmt. Den Gästen werden auch burgenländische Spitzenweine kredenzt. Und es kommt typisch Österreichisches überhaupt auf internationalem Parkett gut an: Wienerschnitzel, Schweinsbraten, Leberkäse, Apfelstrudel oder Sachertorte.

Haben Sie es schon mit Bohnensterz probiert?

Stefan Weidinger: Nein. Das wäre etwas gewöhnungsbedürftig.

Spricht man Sie als Botschafter – gemäß alter Tradition – nun mit „Exzellenz“ an?

Stefan Weidinger: Also, im offiziellen diplomatischen Schriftverkehr – bei Verbalnoten, offiziellen Einladungen und Empfängen – ist das nach wie vor üblich. Insgesamt sind aber alte Formalitäten und strenges Protokoll in der Diplomatie auf dem Rückzug.


Walter Reiss
Er war 40 Jahre lang beim ORF Burgenland als Redakteur, Chef vom Dienst und Regisseur in Radio und Fernsehen tätig. Walter Reiss war Gestalter von insgesamt 50 TV-Dokumentationen der Serien „Österreichbild“ und „Erlebnis Österreich“ für ORF 2 und 3sat. 2000 wurde er mit dem Bgld. Journalistenpreis ausgezeichnet. Nach wie vor ist er tätig als Moderator von Podiumsdiskussionen, Tagungen und Veranstaltungen zu politischen, gesellschaftspolitischen und sozialen Themen.

Kompetent, prominent, interessant: Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft stehen Walter Reiss Rede und Antwort. In kurzen und kompakten Interviews hinterfragt und beleuchtet er Karrieren, wichtige Ereignisse und Entwicklungen, die Österreich bewegt haben und bewegen und die die Geschichte unserer Region beeinflussen und ihre Zukunft prägen.

Kommentare

Schön, wieder auf diese Weise von Stefan Weidinger zu hören, und meine Gratulation zu seinem wichtigen neuen Job! Schon als mein Student und dann als mein Kollege an der Uni Graz war seine Spezialdisziplin „Entwicklungsökonomie“. Ich bin überzeugt, dass er davon in Kuba profitieren wird.

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