„Wir dürfen alles werden, nur nicht provinziell“

Walter Reiss war selbst 40 Jahre lang beim ORF Burgenland als Redakteur, Chef vom Dienst und Regisseur in Radio und Fernsehen tätig. Er weiß genau, wie die größte Medienorgel des Landes funktioniert. Aus aktuellem Anlass hat er den ehemaligen ORF-General Teddy Podgorski zum Interview gebeten. Die Medienlandschaft ist im Umbruch und mit ihr auch der ORF. Ob diesem unter der neuen Bundesregierung der größte Wandel seiner Zeit bevorsteht, ist noch ungewiss. Zwei Medienprofis im Gespräch:
Walter Reiss
Foto: Walter Reiss

Teddy Podgorski war von 1986-1990 ORF-General und ist u.a. Gründer der ZiB

 

Sendungen wie „Burgenland Heute“ oder „Steiermark Heute“ haben unter Ihrer Führung begonnen. Kritiker meinten damals, der ORF begebe sich nun in die „Niederungen der Provinz“…
Teddy Podgorski: Bundesländerzeitungen und Regionalblätter waren damals schon selbstverständlich. Die Zuschauer haben das Recht, auch im Fernsehen Neues aus ihrer Region, ihrem Bundesland zu erfahren. Als es technisch möglich wurde, neun Lokalprogramme gleichzeitig zu senden, haben wir das dann auch gemacht. Sich damit gegen steigende Konkurrenz durch immer mehr andere Sender zu behaupten, ist bis heute gelungen.

Ich erinnere mich noch an abfällige Bemerkungen von Wiener Kollegen, die nicht glauben wollten, worüber man täglich fast eine halbe Stunde lang aus dem Burgenland berichten sollte. War das Ganze nicht ein riskantes Unterfangen?
Teddy Podgorski: Klar war das ein Wagnis. Und neu in Europa. Mein Ziel war, neun qualitätvolle Informationssendungen mit hohem Live-Anteil zu machen. Informationen gibt es ja im lokalen Lebensraum genug: Politik, Wirtschaft, Chronik, Kultur, usw.
Wichtig ist, dass das von guten Journalisten aufbereitet wird. Ich wollte schon damals keine mittelmäßige Unterhaltung in diesen Sendungen, wie etwa Versuche für regionales TV-Kabarett oder sonstige Selbstverwirklichungen von Redakteuren. Aus der fast halben Stunde sind ja mittlerweile bedauerlicherweise etwa 20 Minuten geworden, manchmal gar nur eine Viertelstunde.

Die täglichen Bundesländersendungen des ORF sind mit täglich insgesamt einer Million Zusehern ein – von Ihnen erfundener – stabiler Quotenhit. Und diese Erfolgssendung wird oft kritisiert als Fernsehbühne für politische Landeshäuptlinge.
Teddy Podgorski: Das stimmt ja auch. Das Rundfunkgesetz macht es durch ein Anhörungsrecht möglich, dass der Landeshauptmann den Landesintendanten – heute heißt er Landesdirektor – bestimmt. Ein Generaldirektor, der einem Landeshauptmann nicht folgt, verringert seine Chancen, wiedergewählt zu werden. Da ich damals gewusst hab, dass ich ohnehin nur vier Jahre ORF-Chef bin, ist es mir zumindest in Tirol und der Steiermark gelungen, gegen die Personalwünsche der Landeshauptleute zu entscheiden. Mehr war da nicht drinnen.

Hat sich am politischen Zugriff auf den ORF etwas geändert?
Teddy Podgorski: Nein. Das ist ja die Sauerei. Es stimmt schon, dass auf Bundesebene der Stiftungsrat jeweils der Spiegel der Kräfteverhältnisse der Innenpolitik und der Regierung ist und dass das Auswirkungen auf die Wahl des ORF-Chefs hat. Aber für die Bundesländer ist diese Einflussmöglichkeit noch dazu im ORF-Gesetz festgeschrieben. Das ist fast schon peinlich.

Sehen Sie Chancen, dass dieses eigenartige „Recht“ auf Zugriff verschwindet?
Teddy Podgorski: Das kriegt man nicht weg. Da sehe ich in der österreichischen Realverfassung und Parteienlandschaft keine Chance.

Schauen Sie viel fern? Und wie geht es Ihnen dabei?
Teddy Podgorski: Ich sehe oft fern und gebe zu: Ich werde anspruchsvoller. Es herrscht Massenproduktion. Ich weiß schon, dass wegen des großen Aufwands an Marketing und der vielen Sendezeit nicht alles von brillanter Qualität sein kann. Für wirklich gute Fernsehproduktionen war früher mehr Zeit. Jetzt muss alles g’schwind und billig gehen, das redaktionelle und technische Personal ist oft billiges Leihpersonal, die Qualität ist runtergefahren. Ich merke, dass im Fernsehen nichts mehr wirklich neu ist, nichts erfunden wird. Innovationen sehe ich da keine mehr, die passieren im digitalen Bereich. Fernsehen wird es ewig geben, aber es ist ein Sekundärmedium geworden.

Schauen Sie auch „Burgenland Heute“?
Teddy Podgorski: Ja, oft, wenn ich im Burgenland bin. Da ärgere ich mich auch über so manches. Es fällt mir gar nicht alles ein, aber diese Wetterberichte! Was diverse „Wetterfrösche“ da an privatem und unlustigem Kabarett aufziehen, ist furchtbar und deppert. Ich wollte schon damals verhindern, dass die regionale TV-Information zur Nabelbeschau wird. Wir dürfen alles werden, nur nicht provinziell. Wenn ein Wettermann den Wurschtel spielt, dann ist das Provinz. Das tut man nicht.

Sie haben einmal über das TV-Programm gesagt, es bestehe heute zu einem Großteil aus Wiederholungen und eitlen Moderatoren. Gilt das noch?
Teddy Podgorski: Ja, dieses „Hineinkriechen“ der Moderatoren in die Kamera ist schon furchtbar. Mich stört diese ewige Grinserei. Ich hab unlängst darüber mit einem meiner Nachfolger, mit Gerhard Zeiler, geredet und gemeint: Es müsste einmal ein anderer Moderator her: Grantig, kantig, g’scheit! Dem würde man wirklich zuhören.

Gerade jetzt wird besonders heftig über den Einfluss der Politik auf einen – laut Gesetz – unabhängigen ORF heftig diskutiert. Wird der schon immer praktizierte Zugriff der Politik brutaler?
Teddy Podgorski: Der Zugriff passiert auf vielfältige Art: Viele im ORF verdanken ihren Posten einer Partei. Sie sind in gewisser Weise – im Hinterkopf – den Leuten gegenüber loyal, die sie hineingebracht haben. Nicht aber gegenüber ihrem Generaldirektor oder ihrem direkten Chef. Es gibt zwar auch den Druck durch die Regierung auf einen ORF-Chef, dies oder das zu machen. Das gibt es auch. Aber in der Regel erfolgt der politische Zugriff ameisenartig in der zweiten, dritten, vierten Führungsebene. Daran wird sich nichts ändern. Ich kenne zwar die konkreten und aktuellen Formen des politischen Drucks nicht, aber dieser Druck lässt sich hochrechnen.

Da passt der Titel ihres jüngsten Buches „Geschichten aus dem Hinterhalt“ ja ganz gut dazu… Ihr nächstes Projekt?
Teddy Podgorski: Es wird demnächst ein weiteres Buch geben mit Geschichten aus dem Hinterhalt.

Interview aus Ausgabe 04/2018


Teddy Podgorski
Der wohl populärste „Teddy“ Österreichs ist Jahrgang 1935 und als Radio- und Fernsehjournalist, Schauspieler, Amateurboxer, Theaterregisseur und Buchautor eine mediale Legende. Den ORF hat der leidenschaftliche Wiener und begeisterte Wahlburgenländer – er hat ein Haus in Trausdorf – entscheidend mitgeprägt: Er hat den Titel „Zeit im Bild“ erfunden, war ihr erster Reporter und später Gestalter journalistisch hervorragender Reportagen („Panorama“) und Magazine („Jolly Joker“, „Seinerzeit“). Auch die „Seitenblicke“ und „Universum“ sind Marke Podgorski. Im ORF-Management sammelte er reichlich Erfahrung, u.a. als Sportchef, Intendant von FS-1 und Informationsintendant. 1986 löste er Gerd Bacher als ORF-General ab, an den er 1990 wieder übergab. Unter der Regie Podgorskis stand die TV-Regionalisierung des ORF: Die Landesstudios produzieren seit Mai 1988 die TV-Sendung „Bundesland Heute“. Ein Jubiläum, das der ORF heuer am 4. Mai im Hauptabend gebührend bejubeln wird.
Der Erfinder vieler Sendeformate und Kämpfer gegen Parteieneinfluss hat als ORF-Manager am eigenen Leib erlebt, was österreichische Rundfunkpolitik war und ist: Gierige Machtpolitik. In der „Zeit im Bild“ meinte er 1990 zu den Gründen für seinen Abgang: „Wenn man in Österreich nicht packelt, überlebt man nicht.“

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