31.000 Bücher ziehen um

Die Friedensbibliothek in Stadtschlaining ist die größte ihrer Art im europäischen Raum. Dahinter verbirgt sich ein gigantisches Sammelwerk aus Literatur mit dem Schwerpunkt auf Friedens- und Konfliktforschung. Seit 33 Jahren war die ehemalige Synagoge neben der Burg Schlaining die Heimat der Friedensbibliothek. Nun ist man auf der Suche nach einem neuen Zuhause.
Eva Maria KAMPER / 29. Oktober 2020 / Podcast am Seitenende
Foto: ASPR

Die Friedensbibliothek ist Teil des Österreichischen Studienzentrums für Frieden und Konfliktlösung (ASPR) und hat sich bis vor Kurzem in der ehemaligen Synagoge von Stadtschlaining befunden. Inzwischen wurde sie leergeräumt. Wo die Bibliothek nach der Sanierung untergebracht wird, ist noch nicht geklärt.

 

„31.000 Bücher und 150 abonnierte Zeitschriften fasst die Friedensbibliothek in Stadtschlaining. Sie ist Teil des Österreichischen Studienzentrums für Frieden- und Konfliktforschung (ASPR) und wird vom Wissenschaftsministerium gefördert. Studierende und Interessierte finden hier ein breites Angebot an wissenschaftlicher Fachliteratur für ihre Diplom- und Masterarbeiten. Aber wir haben für die Öffentlichkeit auch pädagogisch wertvolle Kinderbücher und friedenspolitisch relevante Romane, die gratis ausgeborgt werden können. Die Bibliothek besitzt einen Fundus an alternativer Literatur, die man nicht so leicht irgendwo findet“, schildert Gudrun Kramer, Direktorin des Forschungszentrums für Frieden und Konfliktlösung der Burg Schlaining und auch Verwalterin der Bibliothek, die nach und nach immer leerer wird.

Neues Zuhause gesucht

Grund für die kahlen Regale: Die Friedensbibliothek muss umziehen. Im Zuge der Feierlichkeiten zu „100 Jahre Burgenland“ im nächsten Jahr wird die ehemalige Synagoge – wo die Bibliothek in den letzten drei Jahrzehnten beheimatet war – auch ein Teil dieser Ausstellung. Danach soll die Synagoge in das „Haus der Geschichte“ integriert werden – einer Gedenkstätte für alle burgenländischen Holocaust-Opfer. In den letzten Tagen hieß es für die engagierten Mitarbeiterinnen der Friedensbibliothek aber vor allem: Umzugskartons packen. Wo die Reise der Bücher hingeht, weiß zur Zeit noch niemand. „Wir sind zwischenzeitlich im Haus International untergekommen, wo wir den Betrieb als Archivbücherei durchgehend aufrecht erhalten werden“, schildert die Wissenschaftliche Leiterin Viktoria Pichler.
Der große Wunsch wäre es, dass die Friedensbibliothek auch auf der Burg Schlaining einziehen kann und somit mit dem Institut des Studienzentrums unter einem Dach wäre. „Immerhin gibt es Räume, die noch nie jemand zuvor betreten hat. Voraussetzung ist allerdings, dass der Raum eine bestimmte Statik aufweist und auch das Raumklima muss für die Bücher geschaffen sein“, beschreibt Gudrun Kramer die etwas andere Immobiliensuche. Erste Gespräche mit dem Land Burgenland laufen bereits. Fix ist, dass die Friedensbibliothek auf alle Fälle in Stadtschlaining bleiben soll.

Synagoge als Gedenkstätte

Die Mitarbeiterinnen hoffen darauf, dass die Synagoge tatsächlich ein Ort der Erinnerung für die Holocaust-Opfer wird. „Aber natürlich sind wir auch ein bißchen wehmütig. In den letzten 30 Jahren haben wir uns sehr mit der Synagoge identifiziert. Wir durften auch immer wieder Ahnenforschung für die Hinterbliebenen von Juden aus Stadt Schlaining betreiben und haben dadurch einen starken emotionalen Bezug zur Synagoge. Wir hoffen, dass sie für alle Menschen öffentlich zugänglich bleibt“, so Kramer.


Die Friedensbibliothek ist Teil des Österreichischen Studienzentrums für Frieden und Konfliktlösung (ASPR) und hat sich bis vor Kurzem in der ehemaligen Synagoge von Stadtschlaining befunden. Inzwischen wurde sie leergeräumt.

Wo die Bibliothek nach der Sanierung untergebracht wird, ist noch nicht geklärt.

Gudrun Kramer (Bildmitte), Direktorin des ASPR und Manuela Jerabek und Viktoria Pichler, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, mit dem Papierkranich, dem Symbol des Friedens.

Synagoge in Stadtschlaining

Diese umfasst den Rabinerhof, die alte Synagoge aus dem 18. Jahrhundert und die Rabinerhäuser.

Stadtschlaining hatte anno dazumal eine große jüdische Gemeinde, die sich allerdings zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgrund der wirtschaftlichen Situation verringert hat. Im Zuge des Anschlusses an das Dritte Reich wurden die Jüdinnen und Juden vertrieben bzw. ermordet. Die Synagoge wurde geplündert, jedoch nicht abgebrannt, weil sie mitten im Ortskern liegt. Bis in die 80er Jahre stand sie leer und befand sich in einem sehr baufälligen Zustand. 1982 wurde das Institut österreichisches Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ASPR) auf Burg Schlaining von Dr. Gerald Mader gegründet. 1986 hat er die Synagoge im Namen des Institutes des ASPR erworben und detailgetreu renovieren lassen. 1987 wurde die Synagoge die Heimat der Friedensbibliothek. Seit dem Jahr 1992 ist der Gebäudekomplex rund um die Synagoge im Besitz des Landes Burgenland.


In unserem prima! Podcast erzählt ASPR Direktorin Gudrun Kramer unter anderem, warum ein Papierkranich aus Japan der „größte Schatz“ der Friedensbibliothek ist.

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