„Also, schnell geht im Wald gar nix“

Eine 170 Jahre alte Eiche ist das "Wahrzeichen" von Schloss Kohfidisch mit 1.700 Hektar Wald. Beim Streifzug mit Schlossherrin und Forstwirtin Sarah Keil kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Eric Sebach

Die Hinteransicht des Schloss Kohfidisch mit dem herrlichen Blick in den Schlossgarten. Arbeit gibt es hier immer.

 

Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes „reingewachsen“ in ihre Aufgabe. Als Vater Alexander Mitte der 1960er-Jahre von Johanna Gräfin Erdödy adoptiert wurde und in Bausch und Bogen Schloss Kohfidisch samt 1.700 Hektar Wald (!) vermacht bekam, waren die Töchter Sarah und Franziska natürlich begeistert. Vor allem Sarah, wenn es mit Papa zum Jagen ging. Da lag es dann auch auf der Hand, dass die heranwachsende Dame Forstwirtschaft studierte und mittlerweile seit Jahren als Schlossherrin Sarah Keil vom Schreibtisch aus die Geschicke des 500 Jahre alten Familienbesitzes lenkt. 1.700 Hektar Wald – da darf einem ruhig einmal der Mund offenbleiben. Und wenn man mit „Herrin“ Sarah (sie stößt sich übrigens gar nicht an der maskulinen Anrede!) durch den allein 38 Hektar großen Schlosspark streift und den einen Hektar „kleinen“ Gemüsegarten sieht, darf man munter weiterstaunen. Oder mit Genuss zuhören, wenn sie von der 170 Jahre alten Eiche oder der gut 200 Jahre alten Schwarznuss erzählt. Die herrliche Platane an der Ecke nicht zu vergessen.

Arbeitsplatz Natur
Früher war der Forstbetrieb der größte Arbeitgeber im Dorf, mittlerweile kümmern sich zwei Arbeiter um die Kleinigkeiten, das Gros erledigen natürlich riesige Maschinen. „Wo Holz geschlagen wird, entscheidet im Grunde genommen die Natur selbst“, betont Sarah Keil. „Gepflanzt wird in einem so weiträumigen Gebiet nicht. Die Jungbäume kommen nach und wir lichten da und dort, um den Nachwuchs besser gedeihen lassen zu können.“ Nachsatz: „Alles braucht seine Zeit, schnell geht im Wald gar nix!“ Kein Wunder, dass alte „Riesen“ wie die Eiche bei den Keils quasi unter Denkmalschutz stehen: „Wenn ein Baum so lange seinen Platz hat, täte es unendlich weh, ihn zu fällen.“ Papa Alexander, mittlerweile 74 Jahre jung, gibt nur noch den einen oder anderen Tipp, wenn er gefragt wird – und weil Sarahs Gatte als Unternehmensberater unter der Woche in Wien wirkt, ist sie es längst gewöhnt, die alleinige Verantwortung im Betrieb zu tragen. „Irgendwie wurde ich darauf ja auch bereits während des Studiums vorbereitet – unter 140 Studenten gab es gerade einmal zwei Frauen.“

Am Vormittag steht meist Kanzleiarbeit auf dem Plan, nachmittags geht es ins Revier. Zum Nachschau-Halten, zum Kontrollieren der Grenzen oder zum Spaziergang mit den Hunden. Wildschweine, Enten, Fasane, Füchse, Marder, klarerweise ist auch die Fauna in einem so großen Wald riesig. Müllsammeln steht traurigerweise auch immer wieder am Programm: Plastikflaschen, Bierdosen, Kochtöpfe, alles Mögliche lassen Spaziergänger und andere Herrschaften zurück – „die alten Emailtöpfe werden bei mir als Blumentöpfe verwendet“, lacht sie, „je mehr Löcher sie haben, desto besser, damit das Wasser schön abrinnen kann.“ Die angenehme Begleiterscheinung bei den Streifzügen durchs Gehölz? „Man ist herrlich ungestört, kann meist in aller Ruhe die Natur genießen. Frei von Handylärm und E-Mails, denn die Mobilfunknetze funktionieren im Wald nicht.“

Unglaublich, aber wahr: Sarah Keil kennt in ihrem Revier jedes Fleckerl. „Schließlich bin ich dort schon als Kind unterwegs gewesen. Und beim Jagen oder mit den Hunden kommt man ja auch in alle möglichen Winkel.“ Klar, dass es zwischendurch auch Ärger geben kann – dann nämlich, „wenn Reiter abseits der gekennzeichneten Pfade unterwegs sind. Oder Motorradfahrer quer durch den Gemüsegarten brausen. Da gilt es halt, den Leuten zu erklären, dass sie das künftig unterlassen sollen – und meist hilft es auch ganz gut.“

Apropos Gemüsegarten: dort gibt es zwar kaum Gemüse, weil Sarah Keil vor Jahren etwa beim Salaternten den Kampf gegen die Schnecken aufgegeben hat; dafür aber jede Menge Kräuter wie Basilikum, Petersilie, Schnittlauch, Thymian, Salbei oder Zitronenmelisse. Die gedeihen allesamt in zwei Hochbeeten und werden für den hauseigenen Buschenschank verarbeitet – wo es auch Fruchtsäfte aus alten Apfelsorten oder das eine oder andere Schnapserl zu verkosten gibt.

Wenn man im Schlossgarten die Vögel zwitschern hört, versteht man übrigens auch recht schnell, warum Sarah nie daran gedacht hat, die Arbeit sozusagen Arbeit sein zu lassen und das ganze Anwesen für gutes Geld zu verkaufen. „Ach, wissen Sie“, hält die „Herrin“ kurz inne, „ich wüsste gar nicht, wo ich mich mit dem Geld zur Ruhe setzen sollte. Ich sehe es eher als Verpflichtung, das alles für meine vier Kinder zu erhalten. Da geht es mir um Nachhaltigkeit, im wahrsten Sinne des Wortes.“

Reportage aus der Ausgabe 04/2017


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