Das vergessene Paradies

Lafnitztal! Die Au an der Autobahn! Walter Reiss ist bekannt durch seine Dokumentationsfilme im ORF. Für prima! hat er sich auf den Weg in die Lafnitzauen gemacht. Die Reportage.
Walter REISS / 26. August 2019
Foto: LEXI

Die Lafnitz bahnt sich ihren Weg durch die Natur. Die Pflanzen- und Tierwelt ist hier nahezu unberührt und bietet einzigartige Erlebnisse.

 

 

Sie ist ein Universum vor der Haustür. Die idyllische Aulandschaft gleich neben der A2. Kaum jemand kennt die verborgenen Reize dieses Naturjuwels an der steirisch-burgenländischen Grenze so gut wie Josef Weinzettl. Als Naturschutzorgan im Bezirk Oberwart bekommt er glänzende Augen, wenn man mit ihm durch die Lafnitzauen streift: „Ein mitteleuropäischer Musterfluss!“, schwärmt er, „was hier auf Wiesen, an Uferbänken und in den Bäumen lebt und wächst, ist einzigartig.“ Mit Kennerblick, Feldstecher und Kamera entdeckt er sofort die blau schimmernde Prachtlibelle, die an einem schlanken Halm gelandet ist.

Dass hier Pflanzen- und Tierwelt so vielfältig erhalten geblieben sind, ist der Tatsache zu verdanken, dass man vor Jahrzehnten die Lafnitz nicht kanalartig reguliert, sondern ihr auf beiden Seiten Platz gelassen hat, damit sie frei und ungehindert fließen kann. „Man hat den steirischen und burgenländischen Bauern Wiesenflächen an den Ufern abgelöst. Dadurch hat die Lafnitz Raum, um sich ihren Weg zu bahnen, mit immer neuen Schlingen, Mäandern und Altarmen,“ schätzt Josef Weinzettl die Pionierleistung der Wasserbaubehörden. Experten nennen das passiven Hochwasserschutz. Über weite Strecken lässt man der Lafnitz zwischen dem Wechsel und Raabtal freien Lauf. Dadurch bilden sich exotisch anmutende Steilufer ebenso wie flache Sandbänke.

Grenzfluss mit Geschichte

Die Lafnitz war schon seit Jahrhunderten politische und oft umkämpfte Grenze. Hölzerne Festungen am Ufer dienten als Schutz vor einfallenden Heerscharen der Kuruzzen, später war der Fluss Trennlinie zwischen dem Kaiserreich Österreich und dem Königreich Ungarn, seit 1921 zwischen der Steiermark und dem Burgenland. Was den leidgeprüften Orten an der Lafnitz im Laufe der Geschichte außerdem weiteres Unheil beschert hat, waren verheerende Überschwemmungen.

Prämiertes Feuchtgebiet

Den oft übermütigen Fluss zu bändigen, indem man ihn frei fließen lässt, war eine geradezu revolutionäre Idee. Und es war in den 1990er Jahren der im Burgenland in der Kommassierung tätige Landesbeamte Wolfgang Pelikan, der gemeinsam mit einem Landwirt aus Loipersdorf und dem Hartberger Wasserbauamtschef Werner Pav anregte, die Wiesen am Fluss als Weiden für Rinder zu nutzen: „Dieses Weideprojekt war Teil unserer Initiative, Naturführer wurden ausgebildet, Informationssäulen aufgestellt, Grillplätze gebaut, eine Aussichtswarte in Wörterberg errichtet.“

Möglich wurde das durch die Aufnahme des Lafnitztales in die weltweit geführte Liste der „Ramsargebiete“ (im Burgenland sind das neben der Lafnitz der Neusiedler See und die Teiche in Güssing): eine Art Gütesiegel auf Basis einer internationalen Konvention, die in der iranischen Stadt Ramsar unterzeichnet wurde. „Erst ökologischer Hochwasserschutz macht so ein Naturjuwel wie die Lafnitz möglich“, sieht sich Pelikan bestätigt. Er bedauert aber, dass vom ursprünglichen Elan nicht mehr viel übrig ist. Jäger empfanden die weidenden Rinder als Störung, einige Naturschützer fürchteten um die Artenvielfalt in den Wiesen, Lafnitzgemeinden investierten nur mehr in Bewerbung, Gestaltung und Pflege des Naturraums, wenn Geld aus EU-geförderten Projekten sprudelte. „Es fehlen Aufgaben und Projekte“, klagt Pelikan.

Ehrentitel ohne Mittel…

Ein eigens gegründeter „Verein zur Förderung des Ramsargebietes Lafnitztal“ hat sich zum Ziel gesetzt, Natur, Wirtschaft, möglichst sanften Tourismus, Infrastruktur und Landwirtschaft unter einen Hut zu bringen. 19 Gemeinden dies- und jenseits der Lafnitz gehören dem Verein an, aber damit hat es sich schon: Fast alle Ortschefs lässt die Ramsar-Sache eher kalt: Die Auszeichnung sei ein ehrenvoller Titel, aber ohne Mittel.

„Jede Gemeinde zahlt brav 100 Euro pro Jahr ein. Aber natürlich sollte mehr passieren“, seufzt der amtierende Obmann und Bürgermeister von Wolfau, Walter Pfeiffer: „Es fehlt an einem gemeinsamen Bewusstsein der Bevölkerung der Lafnitzregion“. Da viele Projekte nur Geld auf Zeit bringen und ein Ablaufdatum haben, fehlt es an der langfristigen Finanzierung eines professionellen Managements der Naturregion Lafnitztal, meint auch der Bürgermeister von Burgau, Gregor Löffler: „Da wären auf jeder Seite der Lafnitz die Landesregierungen am Zug. Gemeinden wie etwa Burgauberg-Neudauberg und Burgau kooperieren ja sehr gut. Bei zuständigen Landesstellen ist das oft nicht der Fall.“ Mit Blick auf die Geschichte des Grenzflusses sieht Löffler andere, bessere Zeiten gekommen: „Für die Jugend ist die Lafnitz längst keine Grenze mehr.“

Zwischen Idylle und Ökonomie

„Ich war ja von Beginn an mit dabei, als die ersten Rinder in den Wiesen an der Lafnitz waren“, betont der aus dem Ländle stammende Tierarzt Christoph Haller, der in Markt Allhau seine Heimat gefunden hat. Den damals gegründeten Weideverein gibt es zwar heute noch, aber „das mit der Weidehaltung unter freiem Himmel hat keine Zukunft gehabt. Denn Weidehaltung war und ist umstritten, und vor allem wird sie nicht mit Förderungen bedacht und ist nicht im Managementplan enthalten. Dadurch ist sie auf Dauer auch nicht wirtschaftlich.“

Für den unternehmerisch umtriebigen Veterinär war – noch bevor alle vom Klimaschutz geredet haben – wichtig, dass die Wiesen an der Lafnitz erhalten werden sollten. Sein persönliches Rezept: Die Rinder kommen in den Stall, täglich wird ausgemistet und neu eingestreut, und statt Getreide wird grünes Gras aus den Lafnitzwiesen gefüttert. Gemäht und verabreicht in beeindruckenden Mengen, denn Haller führt – mit 9 Mitarbeitern – den größten Betrieb dieser Art in Österreich mit 1.500 Stieren. „So sichern die Wiederkäuer die Natur- und Kulturlandschaft an der Lafnitz“, ist sich Haller sicher.

Kritik von Naturschützern und Bauern an dieser enormen Betriebsgröße stört Haller nicht: „Mit idyllischen Vorstellungen kleinbäuerlich-familiärer Landwirtschaft von einst hat man kaum Zukunft. Wir wirtschaften nicht industriell, sondern nahezu biologisch, verwenden weder Spritzmittel noch Kunstdünger, gewinnen Energie für 3.000 Haushalte aus dem Rindermist. Wir wirtschaften im Kreislauf.“

Und kommerzielle Vermarktung ist Haller samt Familie ein Anliegen: Aus dem einstigen Gasthaus Seybold in Markt Allhau will man das kulinarische Steakparadies „Bullinarium“ mitsamt Erlebniswelt machen, garniert mit Events und Infotainment. Eröffnung im Frühjahr 2020.

Gebiete, Projekte, Zonen…

Was entlang der 114 Kilometer langen Lafnitz alles unter Schutz steht, fasziniert Naturkenner, verwirrt aber den Laien: Das „Europaschutzgebiet Lafnitztal“ umfasst zwei – auch rechtlich geschützte – Gebiete: Das 70 Hektar große „Naturschutzgebiet Lafnitz-Stögersbach-Auen“ in Wolfau und den 31 Hektar umfassenden „Geschützten Landschaftsteil Lahnbach“ bei Deutsch Kaltenbrunn.

Neben dem „Life-Projektgebiet Loipersdorf-Kitzladen“ gibt es noch „Natura 2000-Zonen“ und das erwähnte „Ramsargebiet“. Dass für einen Fluss zwei Bundesländer mit unterschiedlichen Regelungen in Naturschutz und Wasserbau zuständig sind, erklärt so manches Problem der Flussregion. Da ist viel Sand nicht nur im Bett der Lafnitz, sondern auch im strukturpolitischen Getriebe.

Urige Romantik

Weit entfernt von behördlichem Gestrüpp, modernem Marken-Management und Big Business ist ein idyllisches Ensemble in den Lafnitzauen: Die alte Maierhofermühle in Unterlungitz. Ein an Romantik und uriger Atmosphäre kaum zu überbietender Platz am Flussufer, umsäumt von mächtigen Bäumen. Die Vorfahren von Wirtin Barbara Maierhofer betrieben hier durch Generationen eine Mühle, heute ist der Bau mit Geschichte ein traditionelles Landwirtshaus mitten in den Lafnitzauen.

Obwohl der E-Bike-Boom scharenweise Gäste zu Rast, Jause und Hausmannskost in die Mühle lockt, denkt die umsichtige Chefin weder an Relaunch noch an Erweiterung: „Tradition ist mir wichtig. Ich ziele nicht auf Gewinnmaximierung und möchte ein einfaches Wirtshaus führen.

Diese Lage im Grünen war vor Jahrzehnten ein belächelter Nachteil, heute ist der Standort ein begehrtes Ziel.“ Dass die um die Jahrtausendwende spürbare Aufbruchsstimmung für sanfte Nutzung eines Naturparadieses vorbei ist, spürt auch Barbara Maierhofer: „Es ist schade, dass es interessante Projekte wie die Rinderweiden nicht mehr gibt.“

Fluss ohne Fische

Naturschutzorgan Josef Weinzettl hat auf der Tour durch die Lafnitzauen auch diesmal eine Reihe von seltenen Tieren und Pflanzen fotografiert (www.prima-magazin/Rubrik: Reportage), aber mit traurigem Blick ins vorbeifließende Wasser bedauert er: „Seit Jahren schon gibt es in der Lafnitz keine Fische mehr. Und niemand kann genau sagen, warum.“ So gibt der naturnah und immer frei sein Bett suchende Fluss immer noch Rätsel auf. Und das einst im Gemeindeamt Loipersdorf eingerichtete Ramsar-Zentrum mit Büro, Ausstellungsraum und Treffpunkt steht seit Jahren leer. Fertig ausgebildete Naturführer gibt es kaum mehr. So bleibt offen, wieviel Wasser die Lafnitz noch hinunterfließen wird, bis hier wieder naturliebende Besucher auf Entdeckungsreisen gehen in ein vergessenes Paradies.

 


Josef Weinzettl
ist zuständiges Naturschutzorgan für den Bezirk Oberwart.

Wolfgang Pelikan
ist „Lafnitzpionier“.

Walter Pfeiffer
Bürgermeister von Wolfau

Gregor Löffler
Bürgermeister von Burgau

Die beteiligten Gemeinden des Lafnitztals.

Ein seltener Anblick die blau schimmernde Prachtlibelle.

Das Lafnitztal zählt zu den Ramsargebieten – eine weltweit geführte Liste besonderer Naturjuwele.

Durch den freien Lauf der Lafnitz sind Sandbänke entstanden.

Die Tierwelt ist hier phantastisch – wie etwa die Grüne Keiljungfer.

Tierarzt Christoph Haller
aus Markt Allhau führt einen Landwirtschaftsbetrieb mit 1.500 Rindern.

Maierhofer-Mühle
Die Maierhofer-Mühle in Unterlungitz – Wirtin Barbara Maierhofer will den urigen Charakter der Gaststätte bewahren.

Barbara Maierhofer
Wirtin der Maierhofer-Mühle in Unterlungitz

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„Erhalt der Lafnitz steht im Fokus“
Kommentar von Naturschutz-Landesrätin des Burgenlands Mag. Astrid Eisenkopf


Das Ramsargebiet des oberen Lafnitztals ist eine der schönsten Flusslandschaften Österreichs. Welche Zonen und Belange am burgenländischen Uferbereich fallen eigentlich in Ihre Zuständigkeit?

Die Kernbereich des Ramsar-Gebietes wurden nach einer EU-Richtlinie in das EU-weite Natura 2000-Schutzgebietsnetz eingegliedert. Diese umfassen insbesondere den Flusslauf mit seinen Ufern, die Altarme sowie einige flussbegleitende Wiesengebiete. Damit unterliegen Projekte und Pläne, die zu einer Beeinträchtigung des Gebietes führen können, einer verpflichtenden Prüfung auf Verträglichkeit mit den Schutzzielen. Zu den Schutzgütern des Europaschutzgebietes zählen mehrere Fisch- und Amphibienartenarten, Fledermäuse, Flussmuscheln, Weichholzauen sowie verschiedene Wiesen- und Hochstauden-Lebensräume. – Aufgrund dieser hohen Schutzkatagorie ist eine nachhaltige und vielfältige Naturlandschaft im Lafnitztal gewährleistet.


Wird Naturschutz im Lafnitztal vom Land Burgenland gefördert?

Es wurden bereits zwei von der EU geförderte LIFE-Projekte, die vom Land kofinanziert wurden, durchgeführt, das zweite ("Lafnitz - Lebensraumvernetzung an einem alpin-pannonischen Fluss") endete im Jahr 2008. Beide hatten zum vorrangigen Ziel, die freie Fließstrecke der Lafnitz und somit ihre Durchgängigkeit für wandernde Fische wiederherzustellen. Fließ- bzw. Wanderhindernisse wurden im Rahmen der Projekte entfernt oder umgangen, außerdem wurden abgetrennte Altarme wieder an den Fluss angebunden. Das Europaschutzgebiet wird durch die Schutzgebietsbetreuung durch den Verein BERTA betreut. Diese Schutzgebietsbetreuung wird durch ein von vom Land kofinanziertes LE-Projekt ermöglicht. Ihr Ziel ist es, die Landwirte zu einer naturverträglichen Landwirtschaft anzuregen und zu unterstützen. Speziell in Europaschutzgebieten werden immer wieder Förderprogramme angeboten, an denen sich die Landwirte auf freiwilliger Basis beteiligen können. Ziel dieser Förderprogramme sind die Abgeltung von Bewirtschaftungsweisen, die für die Schutzgüter des Gebietes förderlich sind. Daneben werden an der Lafnitz immer wieder auch gezielte Artenschutzprojekte und Erhebungsprogramme, z.B. zu Fischen, Amphibien und Muscheln gefördert bzw. durchgeführt. Ein aktuelles Projekt beschäftigt sich mit dem Einfluss des Fischotters auf den Fischbestand der Lafnitz.


Was kann/wird das Land Burgenland in Zukunft tun, um die einzigartige Naturlandschaft im oberen Lafnitztal zu erhalten?

Die bisher begonnene Arbeit soll fortgesetzt werden. Insbesondere dem Erhalt der typischen Wiesenlandschaften und deren Insektenwelt wird künftig verstärkt im Fokus stehen sowie die Erhaltung der Fischfauna. Durch die Fortführung der Gebietsbetreuung soll auch in Hinkunft gewährleistet werden, dass die Nutzung des Gebietes dem Grundgedanken von Ramsar, dem wise use, entspricht. Auch das Management von Konfliktarten (z.B. Biber) wird auch weiterhin im Fokus der Bemühungen stehen. gegenwärtig gibt es vom Land gefördertes LE-Projekt zum Thema Bibermanagement.

Kommentare

Wunderschön: die Lafnitz. Das vergessene Paradies.

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