Ein Beruf, für den man brennt

Etwa 3.000 Kerzen sind in der Halle von Birgit Stockenreitner auf einer Fläche von 300 m² ausgestellt: Taufkerzen, ein Liebespaar, weihnachtliche Tannenbäume, Duftkerzen und auch ein Hund aus Wachs ist im Sortiment. Ein Besuch bei Birgit im Kerzenland in Bad Waltersdorf.
Olga SEUS / 30. Oktober 2019
Foto: Olga Seus

 

November ist wieder Kerzenzeit. Birgit Stockenreitner stellt selbst welche her. In Bad Waltersdorf hat sie eine Ausstellungshalle.

 

Klar, ein paar Kerzen sind von Zulieferern, etwa die exotischen Sojawachskerzen in der Dose oder die engelbebilderten LED-Kerzen mit Batterie. Doch der allergrößte Teil stammt aus eigener Produktion, die im Keller liegt. Hier ist das eigentliche Reich von Birgit und ihrer Mutter, die unten mit Paraffin und Stearin hantieren.

Da gibt es etliche Gußrohformen für die ausgefallensten Kerzen. Die Vorlagen und Inspirationen dazu erhält Birgit von überallher. „Wenn ich z.B. im Urlaub eine schöne Statue sehe, kaufe ich sie, gieße sie in Silikon und kann damit meinen Metallrohling herstellen“, erzählt sie. Sollte einmal etwas nicht funktionieren, ist das auch kein Problem. „Die meisten unserer Sachen sind aus Paraffin. Die kann man problemlos jederzeit wieder einschmelzen.“

Dem Hobbybastler daheim rät sie jedoch ab, beliebige Kerzenreste zu sammeln und einzuschmelzen. Industriekerzen sind jeweils ein bisschen anders zusammengesetzt, da kommen dann unterschiedlichste Wachsarten und -sorten zusammen. Das Ergebnis brennt entweder gar nicht oder rußt entsetzlich. Dabei kann, wenn man es kontrolliert macht, eine Mischung zweier Wachssorten ein stimmungsvolles Resultat liefern: Eine Kerze, die innen beim weichen Wachs abbrennt – außen, beim härteren, bleibt ein nach und nach durchscheinender Wachsrand stehen. Die Fachfrau weiß eben, wie man es macht und worauf es ankommt.

Der Beruf, der keiner mehr ist

Birgit Stockenreitner ist Fachfrau für Wachs, Kerzenmacherin, Handwerkerin. Doch wie ist denn der offizielle Name von Birgits Tätigkeit? „Wachszieher und Lebzelter ist die genaue Berufsbezeichnung“, klärt sie mit einem Lächeln auf, doch das Problem an diesem Beruf: Es gibt ihn behördlich gar nicht mehr. „Die Wachszieher sind in der Berufsgruppe der Konditoren aufgegangen, sodass ich jahrelang als Konditor geführt wurde, ohne kaum etwas mit Lebensmitteln zu tun zu haben.“ Nur ein paar getrocknete Orangenscheiben sind im Rand einiger Duftkerzen miteingegossen, weil das schöner aussieht. Inzwischen gilt ihre Tätigkeit als die einer „freien Künstlerin“.

Das mag man gerne glauben: Ihre Kerzen sind schließlich kleine und größere Kunstwerke. Oft in größeren Mengen produziert, aber auch vielfach wie bei Tauf- und Hochzeitskerzen ganz individuell nach den Wünschen ihres Publikums gestaltet und verziert. „Wirklich handgefertigte Kerzen sind eine absolute Rarität“, betont Birgit, die ihr Handwerk vom eigenen Vater erlernt hat.

Damals gab es schon keine offizielle Ausbildung mehr. Ihr Vater war in Tirol ebenfalls in einer Kerzenmacherei angestellt, lernte dort die Kerzenherstellung kennen und schätzen und machte sich mit diesem Wissen schließlich vor 20 Jahren hier in Bad Waltersdorf selbstständig. Inzwischen führt Birgit den Betrieb mit ihrer Mutter.

Zum Brennen zu schön

Zum Schluss zeigt sie noch, wie sie eine Kerze kunstvoll mit einem speziellen Messer beschnitzt. Am Eingangsbereich der Ausstellungshalle ist ein eigens zum Vorführen eingerichteter Arbeitsplatz, denn in die eigentliche Werkstatt, den Keller, lassen Mutter und Tochter keine Besucher. Gerade mit den Tauchbecken für die farbigen Kerzen und mit verschiedenen Materialien wie Farben, Glitzer etc., die bei Erhitzung durchaus auch mal ausdampfen können, aber auch mit dem heißen Wachs selbst will man kein Risiko für Besucher eingehen.

Ein bißchen kommt es einem vor wie in einer Engelsbäckerei, in die darf auch keiner, und am Ende kommen die schönsten Dinge heraus. „Das da unten ist in erster Linie das Reich meiner Mama“, lacht Birgit und zupft im Vorbeigehen hier und da einen Docht gerade oder stellt eine Kerze im Regal in Reihe. Fast liebevoll wirkt das, und man merkt, hier hat jemand nicht nur einen Beruf, den er eben ausübt, hier hat jemand etwas für sich gefunden, für das er leben und brennen kann. Oder das zumindest brennen kann. Doch eigentlich sind die Kerzen von Birgit genau dafür viel zu schön.


Birgit Stockenreitne
Birgit Stockenreitner stellt selbst Kerzen her. In Bad Waltersdorf hat sie eine Ausstellungshalle.


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November ist wieder Kerzenzeit

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