Eine Gewissensfrage – Gedenkdienst in Amerika statt Wehrpflicht

Österreich, Dienstag, 17. März 2020. Manche Schüler jammern, weil sie noch einmal in die Schule müssen, ehe diese wegen des Lockdowns geschlossen ist. Andere sitzen bereits daheim. Menschen haben Angst, wissen nicht, wie es weitergeht. Am gleichen Tag in Los Angeles steigt ein junger Österreicher in den Flieger, der ihn zurück ins Burgenland bringen soll. Er war weit weg von zu Hause. Aber nicht, um in Amerika Urlaub zu machen. Der 19-jährige Jonathan Dorner hat am „Los Angeles Museum of the Holocaust“ seinen Zivilersatzdienst in Form eines Gedenkdienstes geleistet. Nun ist auch er wieder zu Hause in Wiesfleck und kann von seinen Erfahrungen berichten.
Olga SEUS / 4. Mai 2020
Foto: Jonathan Dorner

Jonathan Dorner aus Wiesfleck hat in L .A. einen Gedenkdienst absolviert.

 

„Für männliche österreichische Staatsbürger besteht Wehrpflicht“ klärt das Bundesheer auf seiner Website auf. Doch: „Wer es aus Gewissensgründen ablehnt, Waffengewalt gegen Menschen anzuwenden und daher bei Leistung des Wehrdienstes in Gewissensnot geraten würde, hat das Recht, statt des Wehrdienstes Zivildienst zu leisten“, so die Seite der Österreichischen Bundesregierung oesterreich.gv.at. Dieser kann nicht nur in der klassischen Manier erfolgen, sondern auch in Form eines Gedenk-, Friedens- oder Sozialdienstes im Ausland mit mindestens 10-monatiger Dauer. Der Österreichische Auslandsdienst ist laut eigener Aussage „die größte vom Staat Österreich zugelassene Trägerorganisation für Zivilersatzdienste.“ Über ihn ist Jonathan Dorner am 1.9.2019 nach Los Angeles gekommen.

Warum Los Angeles?

Bereits vor seinem Auslandsdienst hat Jonathan Dorner während zweier Urlaubsreisen nach Los Angeles Feuer gefangen für den American way of life. Doch er wollte die Stadt und die Menschen noch besser kennen lernen. Das „Los Angeles Museum of the Holocaust“ bot ihm die „schöne Möglichkeit, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und gleichzeitig eine komplett andere Welt kennen zu lernen.“

Untergekommen ist Jonathan Dorner dort zusammen mit zwei anderen Freiwilligen in einer kleinen Wohnung mitten in der Stadt, die sie zwar von ihren Vorgängern übernehmen konnten, aber selbst bezahlen mussten. Natürlich steht Gedenkdienern wie Zivildiener oder Wehrdienstleistenden eine Grundvergütung zu, doch gerade in einer Stadt wie Los Angeles reicht das gerade mal für die Zimmermiete. Doch im Vordergrund steht ohnehin die Erfahrung: Nicht nur durch das hautnahe Erleben einer fremden Stadt, vor allem durch seine Arbeit am Museum hat Jonathan für sich persönlich sehr viele Erfahrungen mitgenommen, die ihn sein Leben lang begleiten und prägen werden.

Vielfältige Aufgaben

Neben ganz einfachen Museumstätigkeiten am front desk, sprich im Kassenbereich, hatte der junge Mann Aufgaben zum einen in Form von Führungen, zum anderen als Archivarbeit. Bei der Archivarbeit wurde Jonathan Dorner sogar mit der Übersetzung von deutschen Originalmanuskripten betraut. Für die Führungen absolvierte er extra eine Ausbildung zum Museumsdozenten. Spannend war vor allem die Arbeit mit Schulklassen, die im Rahmen des Geschichtsunterrichts ins Museum kamen. In Amerika steht vielerorts der Nationalsozialismus nicht einmal auf dem Lehrplan. Im L.A County ist er immerhin verpflichtend, jedoch genügt den Anforderungen eine einmalige Museumsführung. „Das ist eine enorme Verantwortung, dieses wichtige Thema so zusammenzufassen und zu kommunizieren, dass man innerhalb der eineinhalb Stunden ein Bewusstsein für die Zeit aufbauen kann“, sinniert der Gedenkdiener. Interessant war für ihn, wie wenig Wissen zur NS-Zeit es auf amerikanischer Seite, ebenso auch von ortsansässigen jungen Juden, die gleichfalls im Museum beschäftigt waren, gab.

Treffen mit Überlebenden

Häufig standen im Anschluss an die Führungen Treffen mit Überlebenden auf dem Programm. Jonathan Dorner, der diese Treffen moderierte, fand sie extrem bereichernd. „Seltsamerweise haben sich viele bei mir bedankt, dabei hatte ich das Gefühl, dass gerade ich als Österreicher kein Dankeschön verdienen würde“. Faszinierend war die breite Palette an unterschiedlichen Geschichten. Einige, so berichtet Dorner, wollten von Deutschland oder Österreich nie wieder etwas hören, andere hingegen freuten sich regelrecht, endlich wieder ein Wort in ihrer ursprünglichen Heimatsprache Deutsch zu vernehmen. Aus den Treffen ist ein eigenes Projekt entstanden, das die gegenseitige Faszination von Jung und Alt widerspiegeln soll und dementsprechend den Fokus auf die Begegnung legt.

Bis Ende Juni hätte er eigentlich in L.A. bleiben sollen. Nun aber ist Jonathan Dorner wegen des Corona-Viruses zurück daheim. Doch nicht untätig. Seinen restlichen Dienst leistet er im Homeoffice für den Österreichischen Auslandsdienst, in dem er übrigens schon vor seinem aktiven Einsatz seit 2017 tätig ist. Jetzt treibt er zum einen das Begegnungsprojekt mit Interviews voran, zusammen mit einer anderen Freiwilligen, Monika Messner, die sich immer noch in Tel Aviv aufhält. Zum anderen arbeitet er für die PR-Abteilung des Dienstes. „Die Förderung des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und die damit zusammenhängende Bewusstseinsbildungs- und Aufklärungsarbeit“, die das Land Österreich von seinen Gedenkdienern fordert, ist im fernen Amerika zu seiner persönlichen Aufgabe geworden.

www.auslandsdienst.at


Führungen im „Los Angeles Museum of the Holocaust“ waren Teil seiner Tätigkeit. Dort traf er auch die Holocaust Überlebenden Eva Nathanson und Eva Trenk. (siehe Titelbild)

Jonathan Dorner vor dem Haus, in dem seine Wohnung in L.A. lag.

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