„Frühstück bei mir“ – mit Tanja Stöckl

Lokalaugenschein morgens um halb sieben bei der Tankstelle Stöckl in Mariasdorf – auch wenn Tanja mit Ö3-Lady Claudia nicht verwandt ist: fad wird es Frau Chefin nie!
Eric Sebach
Foto: Marcela Moser_Fotostudio Muik

Tanja, einen Kaffee bitte!“ … „Tanja, gib mir ein Pizzastangerl“… „Hi Tanja, kann ich bei dir schnell ein Packerl aufgeben?“ Morgenstund‘ hat im herrlich kleinbürgerlichen Mariasdorf nicht Gold im Mund, sondern vor allem jede Menge Arbeit. Um 4.30 Uhr hat die gebürtige Münchnerin mit dem bayrisch-burgenländischen Dialekt Tagwache und eine halbe Stunde später stehen die ersten Kunden bereits an der Theke der Tankstelle, die sie vor zehn Monaten geöffnet hat und die sich im Blitztempo zum modernen „Kommunikationszentrum“ für Jung und Alt gemausert hat. Was heißt Alt? Sagen wir für reifere Herren mit Pensions-Hintergrund.

Knapp 20 Jahre ist die flotte Chefin („Ich habe kein Alter!“) schon in diesem Business – mittlerweile ist sie aber nicht mehr Pächterin, sondern eben ihr eigener Boss. Und das genießt sie in vollen Zügen: 136 Stunden in der Woche läuft der Laden und wenn Tanja nicht gerade schläft oder mit ihrer Tochter Lisa Reiten geht, ist sie im Geschäft. „Wennst eine Stunde nicht da bist, kann schon irgendwas sein“, lächelt Tanja, die alles Organisatorische selber schupft und dennoch betont, dass sie sich auf ihr sechsköpfiges Team (fünf Damen und ein Hahn im Korb) „eh verlassen kann“.
Die Tankstelle als Nahversorger: Kaffee, Tee, Feiertagsbierchen, Leberkässemmel, Lotto, Postannahmestelle, Putzerei, Supermarkt, bei Tanja gibt es (fast) alles, was das Herz begehrt. Wenn es die Zeit erlaubt, ist ein Plauscherl mit der Chefin im Preis inbegriffen. „Da bin ich dann manchmal auch Psychologin“, grinst die alleinerziehende Mama, „der eine erzählt mir von den Kindern, der andere vom lästigen Nachbarn und zwischendurch hör‘ ich auch, welche Problemchen es sonst zu Hause gibt. Aber keine Sorge, bei mir ist alles bestens aufgehoben!“

Und Tanja privat? Sie schüttelt den Kopf. „Wann denn bitte? Als Chef musst da sein, sooft es geht. Ich mach mir keine Illusionen und weiß auch um so manchen Neider, der nur darauf wartet, dass ich das Ganze nicht derpack‘.“ Tanja Stöckl lebt ihren harten Job eben nach dem Motto „Chef zu werden, ist nicht schwer, Chef zu bleiben dagegen sehr“…„Du musst stets mit gutem Beispiel vorangehen, denn sobald man nicht mehr selber die Toiletten putzt, verliert man die Bodenhaftung!“
„Tanja, geh bring mir noch einen Verlängerten.“ The show must go on!

Zwischendurch muss Tanja morgens um sieben auch mal zum Tanken raus. „Manche Herren schauen ein bissl verschämt, wenn eine Frau den Tankstutzen in ihr Auto steckt“, lacht sie laut, „aber daran müssen sie sich halt gewöhnen. Bei mir wird vom Kunden nicht selbst getankt. Ich mag‘s nicht, wenn sie herumpritscheln und es dann nach Benzin stinkt.“

Und weiter geht’s: die nächsten Semmerln und Kornspitz müssen in den Ofen, allein an einem Sonntag wandern an die 400 Stück Gebäck über den Ladentisch. Ein gutes Geschäft. „Ja, mag schon sein“, grinst die Chefin. „Aber wer neidisch wird, soll ruhig einmal gemeinsam mit mir an einem Sonntag um 4 Uhr früh aufstehen und ins Geschäft fahren!“ Wie heißt es so schön? „Nur nicht die Bodenhaftung verlieren.“

Reportage aus Ausgabe 05/2017


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