Hurra, ich habe gekuschelt!

Gestatten: Elisa, 30, Profi-Kuschlerin. Geht es nach der charmanten Luxemburgerin, wird das Berühren wildfremder Menschen bei uns salonfähig. Der prima!-Redakteur hat es in Wien ausprobiert.
Eric Sebach
Foto: Iza Hegedüs

Kuscheln mit fremden Menschen. Eine Luxemburgerin hat dafür in Wien einen Verein gegründet.

 

Ein Schelm, wer jetzt gleich an „das Eine“ denkt – Sex ist beim professionellen Kuscheln nicht nur unerwünscht, sondern genauso tabu wie Alkohol, Nikotin, Drogenkonsum und übler Körpergeruch. Das steht auch in den „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“, die man von Elisa Schmidt (nur der Vorname ist echt!) gleich bei der Ankunft in ihrer Wiener Wohnung unter die Nase gehalten bekommt. Aber in Zeiten, in denen es immer mehr Singles und Alleinlebende gibt, erscheinen einem organisierte Treffen zum Kuscheln mit einer Unbekannten gar nicht einmal so abwegig. Langsam aber sicher gibt es – zumindest in Wien – sogar sogenannte Kuschelpartys, bei denen angeblich auch Männer freundschaftlich miteinander kuscheln.
Na gut. Immer mit der Ruhe.

Marktlücke Kuscheln
Die Idee entstand vor über zehn Jahren in New York, weitere Aktivitäten folgten im Raum San Francisco und mittlerweile wird auch in Deutschland fleißig „fremd-gekuschelt“. Vor allem in Berlin. „Kuscheln tut der Seele und dem Immunsystem gut“, legt Elisa beim Blick in meine fragenden Augen gleich los. Aha. Es lebe also die neue Zärtlichkeit. „Ja, wenn man es so nennen möchte, warum nicht?“, lächelt Elisa, angehende Doktorin der Germanistik – und erklärte Profi-Kuschlerin. Nicht umsonst hat sie dafür einen eigenen Verein gegründet und bekommt als Chefin der „Kuschelkiste“ immer mehr Kundschaft. Sie hätte Menschen immer schon gerne umarmt, sagt sie. Frauen und Männer. Es ginge dabei nie um das Anbahnen von Sexualität, sondern stets um die Berührung an sich. „Berührung zwischen Fremden ist für viele von uns auch heute noch strenges Tabu-Thema“, beklagt Elisa, „das liegt oft an der Erziehung, aber natürlich auch an gesellschaftlichen Zwängen, die sich nur sehr schleppend verändern lassen.“
Eine Veränderung, der sich Elisa mit einer Handvoll von kuschelwilligen Mitstreitern verschrieben hat. Freiwillige sind übrigens in allen Bundesländern herzlich willkommen! „Also, wer beim Lesen dieser Zeilen Vorurteile wälzt, soll sich bitte vor Augen führen, welch positive Effekte Berührung und Umarmung erzeugen können“, so Elisa. „Vom Anstieg des Bindungshormons Oxytocin über unglaubliche Glücksgefühle bis hin zum Sinken des Stress-Hormons Cortisol – mit dem Körper passiert einfach Unglaubliches.“ Bei Kuschelpartys gehe es freilich immer wieder um eine emotionale Zwickmühle – „hierzulande denken Frauen manchmal zu rasch an sexuelle Belästigung, wenn ein unbekannter Mann den Arm um ihre Hüfte legt. Auf der anderen Seite fühlen sich Männer sogleich homosexuell belästigt, wenn sie von einem anderen Mann an der Hand genommen werden. Wir sollten aufhören, Berührung immer nur geschlechtsspezifisch zu sehen. Das Ganze hat mit sexuellen Handlungen nichts zu tun.“

Angebot und Nachfrage
Der Markt an Kuschelhungrigen sei jedenfalls da, betont die Expertin. 80 Prozent seien alleinstehende Männer zwischen 35 und 60 Jahren, vom Fabriksarbeiter bis zum Bankangestellten. Auch interessierte Single-Frauen gebe es. Warum? Elisa braucht nicht lange nachzudenken. „Viele Singles gehen arbeiten, dann wird gekocht, gegessen, man sitzt vor dem Fernseher und – geht meist alleine schlafen. Wie soll es dabei zu Berührungen kommen?“
Also, ab zum Profi. Für 50 Euro darf man eine Stunde nach Herzenslust kuscheln, quatschen, sinnieren. „Hätt‘ ich das doch schon früher gemacht“, bekommt Elisa dann auch nicht selten zu hören. Wobei sie sich beeilt, anzufügen, „dass trotz aller Herzlichkeit alles auf professioneller Ebene ablaufen soll. Freundschaft und mehr sind nicht erwünscht!“
Ach ja, der Verfasser dieser Zeilen durfte noch Probe-Kuscheln. Hmmh, sehr nett. Angenehm. Durchaus empfehlenswert.

Reportage aus Ausgabe 03/2017


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