„Ich war mit einem Power Ranger im Bett“

Draußen steigen die Temperaturen, die Knospen sprießen, und neben dem zarten Duft der ersten, richtig warmen Sonnenstrahlen auf der Haut liegt auch Liebe in der Luft. Frühlingsgefühle sind nicht zu leugnen, und die werden heutzutage auch online befriedigt – schnell und unbürokratisch, oft auch unromantisch. Spätestens seit es Tinder gibt, ist klar: Tugenden wie Genügsamkeit, Enthaltsamkeit oder Verzicht sind out. Jennifer Vass (30) beschreibt uns ihre Suche nach der großen Liebe, zwischen magischen Momenten des Kribbelns und dem enttäuschenden Überangebot an beischlafwilligen Partnern.
Nora SCHLEICH / 28. März 2019
Foto: Nora Schleich

Jennifer Vass holt sich die Frühlingsgefühle auf ihr Smartphone. „Im Frühling wischt man schneller nach rechts!“, bestätigt sie.

 

 

Jennifer Vass ist verliebt in die Liebe. Tinder erlaubt es ihr, in nur Bruchteilen einer Sekunde über eine mögliche sexuelle oder emotionale Zukunft mit dem Gegenüber zu entscheiden. Fast wie bei einem Spiel bedient sie nach dem „hot-or-not“-Prinzip auf ihrem Smartphone die App, die ein Bild, den Namen und das Alter des potenziellen Partners anzeigt und auch die Entfernung, in der er sich befindet. „Grundsätzlich wische ich das Bild, wenn es mir gefällt, nach rechts. Wenn er mir nicht zusagt, swipe – also wische ich nach links,“ erklärt die Fotografin, die im Südburgenland lebt. Nur wenn beide Partner einander gut finden, kann ein Kontakt hergestellt werden. Beziehungen oder auch Freundschaften können entstehen, aber Tinder macht vor allem schnellen Sex salonfähig.

Feldversuch

Wir bitten Jennifer, uns die App vorzuführen. Sie wischt mit dem Zeigefinger ein Profilbild nach dem anderen nach links. Links, links, links, und dann plötzlich entscheidet sie sich für rechts. Ein ungeübtes Auge hätte länger gebraucht, aber nach genauerer Betrachtung muss das Profil ganz objektiv als ansprechend eingestuft werden. „Ich pack‘s net“, ruft sie plötzlich und zeigt ihr Display. „It’s a match“ ist groß zu lesen. Markus, 29 Jahre alt, 89 Kilometer entfernt. „Super süß“, kommentiert sie. Also schreibt sie ihm. Nervosität macht sich breit, die Spannung auf eine Antwort steigt. Dann geht es hin und her. Er sei anders als andere, schreibt er. Nach weiteren kurzen Nachrichten, die doch krampfhaft darauf abzielen, interessant zu wirken, wissen wir, was er meint. Er schlägt kurzerhand ein Liebesspiel mit Jennifer UND seiner Freundin vor. Wir kichern, ich schwitze und bin etwas peinlich berührt.

Tinderfails

Der Fall Markus wäre noch relativ subtil, meint Jennifer. Oft werden Männer sofort ganz deutlich. „So ist Tinder, das ist auch gut so. Wenn sie dann aber Fotos von ihrem besten Stück schicken, das braucht niemand. Irgendwann mach ich eine Vernissage, ich habe schon eine ganze Kollektion von solchen Bildern zu Hause“, lacht sie laut. Etwas seltsam kann es auch werden, wenn man Bekannte in der App wieder trifft. „Aus Neugierde swipe ich auch bei Bekannten manchmal nach rechts. Man lacht, unterhält sich, und auch ein Treffen ist im besten Fall nicht ausgeschlossen.“ So manch einen Promi hat Jennifer auch via Tinder kennengelernt. „Erst kürzlich, in Budapest, hatte ich ein Match mit einem Schauspieler. Der hat einen Power Ranger (US-amerikan. Fernsehserie, Erstausstrahlung 1993) gespielt – und ja, wir sind im Bett gelandet“ plaudert der blonde Vamp drauf los.

„Weil wir alle like-geil sind“

Promi oder nicht, im realen Leben freilich kann das fremde Profil niemals mit dem ersten, vielleicht auch zufälligen Aufeinandertreffen zweier interessierter Blicke mithalten. Der Zauber einer Begegnung, der Nervenkitzel des ersten, zaghaften Flirts und das sanfte Abtasten einer zauberhaften zwischenmenschlichen Anziehung, all das fällt online weg. Warum also Tinder? „Man checkt mit der App auch seinen Marktwert ab, und das Selbstwertgefühl steigt enorm, wenn man gut ankommt,“ gesteht Jennifer. „Sex ist auch gesund“, lacht sie. „Und über Tinder lerne ich leichter Männer kennen, die dasselbe wollen. Die Hemmschwelle ist online niedriger, und natürlich gibt es auch prickelnde Momente bei einem Tinder-Date.“

Jennifer steht zu ihrer Freizügigkeit. „Ich werde vorverurteilt, weil ich mit meiner Sexualität offen umgehe, viel poste und erzähle.“ Unser Versuch hat aber gezeigt, wie viele Singles aus der Region die App nutzen – nur kaum jemand will das öffentlich machen. Jennifer ist diesbezüglich einfach ehrlich. Ihr Fazit: „Tinder ist vielleicht sexistisch und oberflächlich, aber wir haben 2019 – es ist okay, sich so ein bisschen Nähe zu besorgen!“ Was Jennifer nicht okay findet, ist „Ghosting“ – ein Trend, der zunimmt. „Frau denkt sich, ein Date war gut, der Mann verabschiedet sich und meldet sich nie wieder. Er ignoriert die Frau, wie einen Geist eben. Natürlich gibt es das Phänomen auch umgekehrt“, erklärt Jennifer.

Sie selbst ist jedenfalls weiter auf der Suche nach der Liebe, auch wenn sie momentan als Single glücklich ist. „Ich freu mich aber schon drauf, wenn mich der Blitz wieder trifft“, gesteht sie in ihrer erfrischenden, lauten Art. Jennifer Vass hat gelernt alleine zu sein, ohne einsam zu sein. „Und da hilft Tinder schon“, sagt sie.


Jennifer Vass
Das Tinder-Profil von Jennifer Vass. Für die 30-Jährige sind solche Plattformen absolut im Trend der Zeit, um Menschen kennenzulernen.

Prima Story über Tinder

Als Jennifer Vass eine Hochzeit in Oberwart fotografiert hat, kam die Frage auf, wie man denn am besten den Partner fürs Leben finden könne. Die Großmutter der Braut sagte dazu: „Im Internet, das habe ich bei Barbara Karlich gesehen!“ Auch wenn Online-Dating offensichtlich sogar schon bei der älteren Generation angekommen ist, ist nicht alles erlaubt.

Jennifer lässt uns daher an ihren zehn Geboten zum effektiven Tindern teilhaben:

• Männer, schickt keine DickPicks, BITTE!
• Man entscheidet in Sekundenbruchteilen, daher sollte das Profilfoto ansprechend sein, das Gesicht muss zu sehen sein und ein Foto mit der Freundin/dem Freund ist nicht von Vorteil.
• Sag was du willst! Das macht es leichter zu entscheiden, ob sich ein Treffen lohnt!
• Ehrlichkeit ist wichtig, auch wenn es nur um eine Nacht geht.
• Egal, ob man die kostenfreie oder kommerzielle Variante von Tinder wählt, die App bietet auch einen gewissen Zeitvertreib.
• Man muss kein begnadeter Autor sein, aber Unterhaltungen, die mit „hey“ beginnen sind nicht spannend.
• Rechtschreibfehler gehen gar nicht!
• Sich zu freizügig zu geben schreckt manche ab.
• Wer nur eine Beziehung sucht und wer sexuell schüchtern ist, der ist auf Tinder falsch!
• Have fun and just do it!


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