Leben und leben lassen – Die (un)geimpfte Story

„Seuchenfreunde“ und „egoistische Klugscheißer“ werden die einen genannt, „dumme Opfer der Pharmaindustrie“ die anderen. Polemik ist also angesagt und unterstreicht die Emotionalität, die die Diskussion rund um das Impfen hervorruft. Studien, Statistiken, Artikel und Meinungen zum Thema „Impfen“ findet man zuhauf – und in alle Richtungen. Durch „Fakten“ untermauert werden beide Extreme, so fühlen sich Impfgegner und Impfbefürworter leicht bestätigt und gekämpft wird vor allem online mit teils unlauteren Mitteln. Wie hart umkämpft dieses Thema ist, zeigt auch die Tatsache, dass Dani S. ihren richtigen Namen nicht öffentlich machen will – um Repressalien gegen ihre Kinder zu vermeiden.
Ein Interview hat uns die mehrfache Mutter aus dem Südburgenland aber dennoch gegeben, „um für Verständnis zu werben, und zwar beiderseits“, so die bekennende Impfgegnerin. Impfpflicht gibt es in Österreich übrigens keine.
Nora SCHLEICH / 29. Jänner 2019
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„Impfmüde ist die Gesellschaft, ja, weil wir nicht mehr hörig sind und Dinge zum Glück hinterfragen“, so beschreibt Daniela S. eine wachsende Tendenz in ihrem Umfeld.

Dr. Martin Müller, Kinderarzt in Fürstenfeld und Schulärztereferent der steirischen Ärztekammer, sieht den Grund für die Impfdiskussion woanders: „Eine kleine Minderheit der Impfgegnerschaft hat sowohl ein Glaubens- als auch ein Geschäftsmodell entwickelt. Von dieser kleinen Gruppe werden sehr medienwirksam Fehlinformationen verbreitet, die andere Eltern verunsichern.“

Verunsicherung war aber auch Danis Grund, die Schulmedizin zu hinterfragen. Ihr Erstgeborener leidet seit über einem Jahrzehnt an einer chronischen Grunderkrankung. Nach einem Jahr hat sie die ihm verschriebenen Medikamente teilweise abgesetzt. „Noch heute loben die Ärzte die gute Wirkung der Medikamente, ohne zu wissen, dass ich die nie gegeben habe“, lächelt sie. So einfach kommt man natürlich nicht auf die Idee, Medikamente für sein krankes Kind wegzulassen, bestätigt sie auf Nachfrage. „Ihm ist es nach den Pillen und auch nach Impfungen immer schlecht gegangen, darum habe ich mich informiert.“ Dass sie die Medikamente immer noch brav aus der Apotheke abholt und in ihrem Nachttisch sammelt, weil die Entsorgung schwierig ist, hat einen Grund: ihr Tun ruft Kritiker auf den Plan, sagt sie. „Es ist toll, dass es das Jugendamt gibt. Aber die können schon Druck aufbauen“, lächelt sie, auch wenn sie keine Probleme diesbezüglich hat, wie sie anmerkt.

„Pauschalimpfungen sind eine Frechheit“
(Dani S.)

Danis dreijähriges Kind wurde noch nie geimpft und war noch niemals krank. Gegen Zecken lässt sie ihre Kinder sowieso nicht impfen. Tetanusimpfungen vermeidet die 35-Jährige ebenso, wie die Impfungen gegen Meningokokken oder den Rotavirus. „Wenn mein Kind Durchfall hat, dann fahr ich ins Spital, bevor es austrocknet. Die Infusionen haben dann weitaus weniger Nebenwirkungen als der Impfstoff.“ Dani S. fühlt sich gut informiert. Die Daten findet sie im Netz, das Internet klärt die junge Mutter auf. Darauf basieren ihre Behauptungen und Entscheidungen hauptsächlich. Fake-News versucht sie zu filtern. Die erkenne sie, sagt sie. Laut Dani S. gibt es auch einige Ärzte ihres Vertrauens, die sie regelmäßig in Wien konsultiert und die ihre Meinung unterstützen. „Diese Ärzte impfen ihre eigenen Kinder auch nicht! Das sagt schon alles.“

Solche Querdenker in der eigenen Branche sieht Kinderarzt Martin Müller jedoch als Ausnahmeerscheinungen. Er geht davon aus, dass hinter vereinzelten Ärzte-Impfgegnern eher Marketing- oder Glaubensgründe stehen und betont, dass diese einer zeitgerechten und wissenschaftlich fundierten Behandlung widersprechen.Auch zum Vorwurf möglicher Impfschäden kontert der Arzt: „Bei jeder medizinischen Behandlung können Nebenwirkungen auftreten, also auch bei Impfungen. Dies zu leugnen wäre falsch. Gott sei Dank sind schwere Nebenwirkungen durch Impfungen ganz selten. Bei einem Impfschaden haftet übrigens der Staat.“

„Impfungen sind Opfer ihrer eigenen Wirksamkeit“
(Dr. Martin Müller)

Die WHO geht davon aus, dass vor der Einführung routinemäßiger Impfungen für Kinder Infektionskrankheiten die Haupttodesursache im Kindesalter waren. Das Argument, dass viele Krankheiten nur aufgrund von Impfungen nicht mehr schlagend werden, lässt Daniela für sich aber nicht gelten. „Ich glaube, es liegt vor allem daran, dass die Hygienestandards gestiegen sind. In einem Entwicklungsland würde ich auch gegen Hepatitis impfen lassen!“ Dani S. spricht sich nicht grundsätzlich gegen das Impfen aus. „Wenn dein Kind dauernd mit rostigen Nägeln spielt, dann lass‘ es gegen Tetanus impfen!“ sagt sie. Ein Patentrezept, übertragbar auf jedes Kind, gäbe es nicht, so die Südburgenländerin. Sie zum Beispiel lässt auch ihre Kinder gegen Röteln, Masern und Mumps impfen, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt als im staatlichen Impfplan vorgesehen. „Autismus, der auch durch Impfungen ausgelöst werden kann, könnte man verhindern, indem man manche Impfung zu einem anderen Zeitpunkt gibt“, ist sie sich sicher.

Für Kinderarzt Martin Müller kann diese Entscheidung der Mutter aber schwerwiegende Folgen für die Kinder haben. „Wenn später geimpft wird, ist das Kind schlicht und ergreifend länger nicht geschützt. Es gab eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen der Masern-Mumps-Röteln-Impfung und Autismus hergestellt hat. Im Nachhinein kam heraus, dass diese Studie vom Autor bewusst gefälscht worden ist, die Studie wurde zurückgezogen. Seither wurde diese Behauptung weltweit ausführlichst untersucht und in sehr großen Studien eindeutig widerlegt.“

„Die Pharmalobby?
Ganz schiach“ (Dani S.)

Einer der Hauptkritikpunkte der Impfgegner richtet sich vor allem gegen die Pharmaindustrie. Konzerne führen Medikamente ein, Nebenwirkungen werden erst später festgestellt und das Produkt würde still wieder zurückgezogen. „Die Folgen interessieren niemanden. Es geht nur ums Geld.“ Impfgegnerin Daniela S. geht noch weiter: „Schaut euch die Pille an. Langsam gesteht man den Zusammenhang mit Krebs. Oder auch Tampons! Die sind gechlort, damit sie schön weiß sind! Das ist doch Wahnsinn!“ sagt sie und die Lautstärke ihrer Stimme verrät, wie sehr sie dieses Thema bewegt. „Geld regiert die Welt. Auch Ärzte verdienen an Imfpungen!“ „Elf Euro brutto verdient ein Arzt derzeit pro Impfung. Davon bleiben etwa vier Euro netto übrig,“ klärt Dr. Martin Müller auf.

Dani zweifelt aber nicht. „Meine Kinder haben nichts. Keine Zecken, keine Krankheiten! Jeder soll aber eine Meinung haben und jeder darf sich selber entscheiden“, resümiert sie und erzählt, dass auch in Foren alles andere als respektvoll miteinander umgegangen wird. „Keine Impfdiskussion“, das hört Dani oft und spürt den Druck der Gesellschaft. „Das Unbekannte ist oft böse. Dabei will ich nur für mich entscheiden dürfen. Leben und leben lassen!“ Beim Diskurs rund ums Impfen hat dieser Satz eine ganz besondere Bedeutung, egal aus welcher Perspektive man ihn betrachtet.


Dr. Martin Müller ...
... ist Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde in Fürstenfeld sowie Schulärztereferent in der Ärztekammer Steiermark.

Interview mit Dr. Martin Müller

Warum ist impfen wichtig?

Impfen schützt uns alle vor Krankheiten, die in der Vergangenheit für einen hohen Teil der Kindersterblichkeit verantwortlich waren und die, wenn sie einmal ausgebrochen sind, auch heute noch nicht ursächlich behandelt werden können.

Welchem Risiko setzt man seine Kinder aus, wenn man sie nicht impfen lässt?

Es besteht das Risiko, dass man die Krankheiten bekommt. Da leider die Impfbereitschaft sinkt sehen wir heute, dass bei uns bereits verschwunden geglaubte schwere Erkrankungen wie Masern und Keuchhusten wieder gehäuft auftreten.

Was passiert, wenn man sein Kind zu einem späteren Zeitpunkt impfen lässt, als im Impfplan empfohlen wird?

Wenn später geimpft wird ist das Kind schlicht und ergreifend länger nicht geschützt. Einige Erkrankungen verlaufen gerade bei ganz kleinen Kindern besonders schwer. Ein Beispiel ist der Keuchhusten. Die Behauptung, dass eine 6-Fach-Impfung Autismus auslösen soll, habe ich bis jetzt noch nicht gehört. Es gab eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen der Masern-Mumps-Röteln-Impfung und Autismus hergestellt hat. Im Nachhinein kam heraus, dass diese Studie vom Autor bewusst gefälscht worden ist, die Studie wurde zurückgezogen. Seither wurde diese Behauptung weltweit ausführlichst untersucht und in sehr großen Studien eindeutig widerlegt.

Verdienen Ärzte wirklich so viel an Impfungen?

Derzeit erhält ein Arzt in der Steiermark pro Impfung brutto 11 Euro. Wenn man die laufenden Kosten abrechnet, bleiben pro Impfung maximal 4 Euro übrig, je nach Aufwand auch weniger. Ärztinnen und Ärzte impfen, weil sie davon überzeugt sind, dass die Impfung Kindern hilft.

Wie erklären Sie sich den Trend, dass es vereinzelt auch immer mehr Ärzte gibt, die ihre eigenen Kinder nicht impfen lassen und sich nicht für das Impfen aussprechen?

Ich sehe diesen Trend nicht und bezweifle, dass es ihn überhaupt gibt. Ein verantwortungsvoller Arzt würde weder von Impfungen abraten noch seinen eigenen Kindern die Impfungen verweigern. Dass vereinzelt Ärzte aus Marketing- oder Glaubensgründen etwas anderes sagen, sind Ausnahmeerscheinungen und widersprechen einer zeitgerechten und wissenschaftlich fundierten Behandlung.

Warum gibt es derzeit Ihrer Meinung nach überhaupt eine Mediendiskussion – warum werden die Stimmen immer lauter nicht zu impfen?

Auf der einen Seite sehen wir die Krankheiten nicht mehr, weil die Impfprogramme der Vergangenheit gewirkt haben. Die Impfungen sind so betrachtet die Opfer ihrer eigenen Wirksamkeit. In Regionen, in denen die Krankheiten noch alltäglich sind, gibt es diese Diskussion nicht. Auf der anderen Seite hat die kleine Minderheit der Impfgegnerschaft sowohl ein Glaubens- als auch ein Geschäftsmodell entwickelt. Von dieser kleinen Gruppe werden sehr medienwirksam Fehlinformationen verbreitet, die Eltern, die nur das Beste für ihr Kind wollen, verunsichern. Im Endeffekt gefährdet diese kleine Minderheit aber die Gesundheit genau der Menschen, die sie vorgeben schützen zu wollen.

Die Impfgegnerin im Portrait spricht an, dass kaum ein Arzt die Verantwortung für Impfschäden übernehmen würde. Ihr Statement dazu …

Bei jeder medizinischen Behandlung können Nebenwirkungen auftreten, also auch bei Impfungen. Dies zu leugnen wäre falsch. Gott sei Dank sind schwere Nebenwirkungen durch Impfungen ganz selten. In den letzten drei Jahrzehnten gab es in der Steiermark bei „Kinderimpfungen“ 4 anerkannte Impfschäden – bei rund 3 Millionen Impfungen. Eine Impfung ist aber immer auch die Übernahme einer Verantwortung für die Gesellschaft durch die geimpfte Person, nämlich für die Menschen, die entweder zu klein sind um geimpft zu werden oder die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden dürfen. Aus diesem Grund gibt es in Österreich ein Impfschadensgesetz, dass bei Impfschäden die Haftung übernimmt. Der Arzt haftet immer für die ordnungsgemäße Durchführung der Impfung. Bei einem Impfschaden haftet der Staat. Wir übernehmen selbstverständlich Verantwortung.

Sind Ihre Kinder geimpft?

Meine Kinder sind so wie ich selbst laut Impfplan vollständig geimpft. Das sind wir der eigenen Gesundheit schuldig und der Gesundheit der Menschen in unserer Umgebung. Ich will als Kinderarzt ganz sicher keinen meiner Patienten anstecken, weil ich nicht geimpft bin.

Alle Informationen zum Impfen: www.vorsorgemedizin.st


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