Lockdown-Baby

Als vergangenes Frühjahr die Schotten dicht gemacht wurden, schmunzelte man über einen prophezeiten „Babyboom“ zum Jahresbeginn. Nun sind die neun Monate nach dem strengen ersten Lockdown vorbei und eins hat sich schnell abgezeichnet: Die große Babywelle bleibt aus.
Dr. Verena Seidler-Leirer ist Gynäkologin und hat tatsächlich selbst ein waschechtes „Lockdown“-Baby bekommen. Inklusive Corona-Infektion in der Schwangerschaft. In ihren Rollen als Ärztin und Mutter sieht sie beide Seiten der Medaille.
Eva Maria KAMPER / 1. März 2021 / Podcast am Seitenende
Foto: Eva MAria Kamper

Dr. Verena Seidler-Leirer ist nicht nur Gynäkologin – sie hat auch selbst ein Lockdown-Baby zur Welt gebracht und war in der Schwangerschaft an Corona erkrankt.

 

„Mein Mann spricht von einem Wunder“, lacht Verena Seidler-Leirer und drückt das kleine Bündel Mensch liebevoll an sich. Die beiden ersten Kinder des Ehepaares sind Pflegekinder. „Wir haben überhaupt nicht mit der Schwangerschaft gerechnet, es war sehr unerwartet.“ Den Grund vermutet sie in der doch sehr entschleunigten Zeit des ersten Lockdowns. „Auch wenn wir viel gearbeitet haben – ich war neben meiner Praxis zusätzlich im Krankenhaus tätig und mein Mann im Homeoffice – habe ich die Zeit im letzten Frühjahr doch als sehr entspannt empfunden. Man stand zwar schon mit großem Respekt und auch Angst gegenüber dem Virus, aber man hatte auch sehr viel Zeit für sich und die Familie. Wir waren auch nicht in der Situation, dass wir uns um unsere Existenz sorgen mussten, somit konnten wir den Frühling mit dem schönen Wetter auch genießen.“

Zwischen Ungewissheit und Vorfreude

Dass Freude und Sorge in einer Schwangerschaft aufeinandertreffen und eine gewisse Grundnervosität herrscht, das war schon vor Corona so und trifft alle werdenden Eltern gleichermaßen. Aber 2020 kamen ganz neue Fragen hinzu. Fragen, die Verena Seidler-Leirer selbst als Medizinerin nicht beantworten konnte, da es niemand wusste. „Ein Lockdown-Baby zu haben, ist leider weit weniger romantisch als es klingt“, erinnert sie sich an ihre eigene große Ungewissheit zu Beginn der Pandemie. „Es war am Anfang überhaupt nicht klar, in welchem Ausmaß die Krankheit auf das Kind übertragen werden könnte, oder ob sie dem Ungeborenen schadet. Und auch heute weiß man zum Beispiel mit den ganzen Mutationen nicht, was noch auf uns zukommt. Da gibt es immer wieder neue Informationen für alle Aspekte dieser Krankheit.“ Es klingt dann schon wie ein kleines Kunststück, sich die Vorfreude nicht vermiesen zu lassen, vor allem was die notwendigen neuen Sicherheitsvorkehrungen betraf.

Begleitperson: Bitte draussen bleiben

Denn es mussten alle Schwangeren und Gebärenden im Frühjahr 2020 rigorose Einschränkungen in Kauf nehmen. Um das Ansteckungsrisiko zu minimieren, durften Partner und Bezugspersonen nicht mehr mit zu den pränatalen Untersuchungen und in den heikelsten Phasen des ersten Lockdowns nicht einmal im Kreißsaal anwesend sein. Und so stand Verena Seidler-Leirer vor der Herausforderung, für sich selbst und auch für ihre schwangeren Patientinnen Zuversicht zu vermitteln: „Wie oft dachte ich, na gut, das wird halt für eine gewisse Zeit so sein. Da hab ich oft zu meinen Patientinnen gesagt: Bis Sie entbinden, wer weiß, ist das bestimmt schon anders. Tatsächlich sind viele Einschränkungen, vor allem was die Begleitpersonen betrifft, bis jetzt immer noch vorhanden.“ Viele Frauen hätten auch aus Angst vor einer Ansteckung auf zusätzliche bzw. freiwillige pränatale Untersuchungen verzichtet, dessen Folgen auch noch nicht abzuschätzen seien. „Generell war es für die Frauen oft sehr traurig, dass der Partner beim Ultraschall nicht dabei sein durfte“, sagt Verena Seidler-Leirer und gesteht, dass sie froh gewesen sei, mit ihrem Privileg als Frauenärztin ihre eigene Schwangerschaft, gemeinsam mit ihrem Ehemann, jederzeit beobachten zu können. „Da tun mir die Frauen schon leid, die seit Corona die Schwangerschaft so eingeschränkt erleben.“

Mehr Schutz mit der FFP2 Maske

Trotz aller Ungewissheit rät sie allen werdenden Müttern, die Zeit so gut es geht normal zu genießen. „Gehen Sie an die frische Luft, ernähren Sie sich gesund, machen Sie, was Ihnen guttut! Aber bitte halten Sie sich an die Hygienemaßnahmen!“ Das Tragen der vieldiskutierten FFP2 Masken in der Öffentlichkeit sei in der Schwangerschaft zwar nicht vorgeschrieben, aber dennoch sinnvoll. „Die Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat eine Stellungnahme veröffentlicht. Laut zitierter Studien gibt es bei moderater körperlicher Anstrengung keinen Hinweis auf eine gesundheitliche Gefährdung schwangerer Frauen und deren Föten durch das Tragen einer FFP2 Maske. Also auch wenn schwangere Frauen von der FFP2 Maskenpflicht ausgenommen sind, ist es im Zweifelsfall des Ansteckungsrisikos besser, eine zu tragen!“

Corona in der 34. Woche

Denn sie selber kam fatalerweise in die Situation, dass sie sich in der 34. Schwangerschaftswoche mit dem Corona-Virus angesteckt hat. Wo genau, weiß sie allerdings bis heute nicht. „Dabei habe ich aufgepasst wie ein ‚Haftelmacher’ und ständig eine FFP2 Maske getragen“, martert es die frischgebackene Mama sichtlich noch immer, während sie dem schlummernden Säugling ein wehmütiges Lächeln schenkt. Das positive Testergebnis sei ein Schock gewesen: „Da haben wir uns wirklich sehr geschreckt. Und man macht sich letztendlich immer noch Sorgen, auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass mein Sohn Schaden genommen hat oder etwas zurückbleiben wird. Aber zu hundert Prozent weiß es eben niemand. Doch akut beeinträchtigt hat es ihn damals zum Glück nicht. Ich hatte auch keinen schweren Verlauf, nur etwas Fieber und Gliederschmerzen“, schildert sie. Die Impfung sei aus heutiger Sicht für Schwangere nicht empfohlen, für Stillende schon.

Neue Ruhe in der ersten Zeit

Und auch die Zeit zum Kennenlernen hat sich seit Corona im Krankenhaus verändert. Bei der Geburt darf der Partner mittlerweile unter Einhaltung aller Schutzvorkehrungen meist dabei sein. Die Besuchsregelungen sind in den Bundesländern ganz unterschiedlich, in der Steiermark herrscht zum Beispiel striktes Besuchsverbot. „Auf der Geburtenstation hat sich eine ganz neue Ruhe ausgebreitet, das ist prinzipiell nichts Schlechtes“, sagt Verena Seidler-Leirer und zieht Vergleiche zu Zeiten, wo sich der halbe Familien- und Bekanntenkreis die Türklinke des Krankenzimmers in die Hand gab, um den Neuankömmling zu bewundern. „Es ist aus persönlicher und auch medizinischer Sicht ein Vorteil, dass Mutter und Kind nun viel mehr ungestörte Zeit haben.“ Aber auch die ersten Wochen zuhause waren bis jetzt von sozialer Distanz und dementsprechender Ruhe geprägt. „Durch meine zwei ersten Kindern gibts natürlich schon Halli Galli. Aber es ist nach wie vor so, dass man sich kaum mit jemandem trifft. Wir haben eine große Familie und die meisten haben meinen Sohn in den ersten sechs Wochen noch nicht einmal gesehen oder gehalten, das ist natürlich auch schade und ein trauriger Aspekt.“ Dabei warnt sie auch vor den Gefahren eines möglichen Babyblues: „Für viele Mütter ist der soziale Austausch, vor allem auch mit anderen Müttern, sehr wichtig, damit da keine Einsamkeit aufkommt mit so einem kleinen Baby.“

Prinzipiell gäbe es aber ein großes Angebot an virtueller Beratung und Online-Foren für Schwangere und Stillende, damit man sich auch in dieser Zeit nicht alleine fühlt. „Wichtig ist, dass man zwar mit Corona lebt, aber dennoch nicht verzweifelt. Und wenn jetzt das Frühjahr startet, dann ist es auch leichter, sich im Freien zu treffen und das schöne Wetter mit dem Kleinen zu genießen“, sagt Verena Seidler-Leirer und macht sich mit dem Kinderwagen auf den Weg in den Park.


Geburten im Bezirk Oberwart

Die Geburtszahlen im Bezirk Oberwart sind eher konstant. Ein Ausreißer à la Babyboom verzeichnet sich nicht.

Dezember
12/2019: 51 Geburten
12/2020: 45 Geburten

Jänner
01/2020: 41 Geburten
01/2021: 60 Geburten


Dr. Verena Seidler-Leirer
Die Verwandtenbesuche nach der Geburt bleiben in Corona-Zeiten aus. Das ist schade, bringt aber auch Ruhe für die Familie. Dr. Verena Seidler-Leirer mit ihrem Sohn im Park.

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Primar Dr. Gerhard Berger

Abteilungsleiter Geburtshilfe u. Gynäkologie sowie ärztlicher Direktor LKH Hartberg

Ein Babyboom zeichnet sich auch in der Steiermark nicht ab. Seit dem Zeitraum der COVID-Phase hat es massive Veränderungen in der Geburtshilfe betreffend Begleitung und Besuche gegeben. Wir haben unsere Häuser hermetisch abgeriegelt, um die Sicherheit der Mütter und Kinder bestmöglich gewährleisten zu können. Wir haben nach wie vor striktes Besuchsverbot. Der Vater kann bei der Geburt dabei sein, muss das Haus allerdings nach wenigen Stunden verlassen. Die Mütter haben mit dem ausbleibenden Besuch aber spürbar kein Problem, sie sind sehr konzentriert auf ihre Kinder. Die Mutter-Kind-Beziehung, die in den ersten Tagen stattfindet, ist dadurch sehr intensiv und unabgelenkt. Wenn man bedenkt, dass früher zahlreiche Freunde und Verwandte die – natürlich gut gemeinte – Aufwartung gemacht haben, und die frischgebackene Mutter das Kind nur von Besuch zu Besuch weitergereicht hat, herrscht hier im Moment völlige Ruhe. Die Auswirkungen davon merken wir in stark vermindertem Auftreten von z.B. Brustentzündungen. Auch das Stillen funktioniert viel besser. Diese Beobachtung machen auch andere Primare in den Häusern. Einige werdende Eltern wandern allerdings in Sanatorien ab, wo es Einzelzimmer und andere Besuchsrechte für Väter gibt.


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