Sturmmasken, Fußfessel und dieses surreale Grinsen

Gut ein Jahr und 39 Verhandlungstage hat es gedauert, um ein Urteil im Fall des „Todes-LKW“ zu finden, der am 27. August 2015 bei Parndorf entdeckt wurde - mit 71 Leichen. Rechtskräftig ist es dennoch nicht, in einigen Wochen wird in zweiter Instanz weiterverhandelt, nachdem Staatsanwalt und Angeklagte berufen haben. Redakteurin Jennifer Vass war bei der Schlussverhandlung im südungarischen Kecskemét dabei.
Jennifer VASS / 02. Juli 2018
Foto: View/J.Vass

Hauptverhandlung im südungarischen Kecskemét mit enormem Interesse internationaler Journalisten. 

Samsoor L. grinst und scheint seinen Abgang sichtlich zu genießen, er winkt und verabschiedet sich fröhlich mit einem „Bye Bye“ bei den im Gerichtssaal anwesenden Journalisten, als er in „Ketten“ von einem Polizisten in Sturmmaske abgeführt wird. Lebenslang, wie vom Staatsanwalt gefordert, haben er und die weiteren drei Hauptangeklagten nicht bekommen. Je 25 Jahre Haft in erschwerter Bedingung, ohne Möglichkeit auf vorzeitige Entlassung. Eine sogenannte Zuchthausstrafe. Ein „Erfolg“ für sie, wenn man bedenkt, dass der Staatsanwalt lebenslänglich gefordert hatte.

Samsoor L. ist auch der einzige der Angeklagten, der sein Einverständnis erteilt hat, sein Gesicht medial zu veröffentlichen. Immer wieder sieht er sich im Saal um, wirkt ruhig und gut gelaunt. Gegen das Urteil haben der Afghane und die drei weiteren Hauptangeklagten berufen: Freispruch von der Mordanklage und ein milderes Urteil für den Anklagepunkt der Schlepperei.

Zur Geschichte

Im August 2015 sind 71 Menschen qualvoll in einem Kühl-LKW erstickt, 59 Männer, acht Frauen, vier Kinder. Der „Fall Parndorf“ ging damals schon durch die Weltpresse, bei der Urteilsverkündung am 14. Juni im ungarischen Kecskemét ist es nicht anders. Sogar die New York Times hat berichtet. Verhandelt wurde der Fall in Ungarn, da der „Todes-LKW“ seine Reise dort angetreten und zugelassen war und die Flüchtlinge laut Gutachten bereits auf ungarischem Boden tot waren.

Zwei Reihen voller Täter

Insgesamt wurden 14 Urteile gesprochen, die zehn weiteren Angeklagten wurden zu Haftstrafen zwischen drei und zwölf Jahren verurteilt. Bei diesen handelt es sich um Männer, die unter anderem für die Beschaffung der Schlepperfahrzeuge und das Anwerben von Fahrern zuständig waren. Auch sie haben gegen das Urteil berufen.

Angeklagter Nummer 5 tat dies besonders lautstark. Er solle sofort entlassen werden, denn er verstehe überhaupt nicht, was er hier zu suchen habe, er habe nämlich nichts getan.

Vorsatz war es keiner, erklärt der Richter in der fünf-stündigen Urteilsverlesung. Die Schlepper haben diese 71 Menschen nicht mit der Absicht, sie zu töten in den LKW gepfercht. Allerdings hätten sie jederzeit die Möglichkeit gehabt stehenzubleiben, auf die qualvollen Rufe und das Klopfen zu reagieren.

Dennoch keine Höchststrafe, da die Täter, laut Richter, während des Prozesses tiefste Reue gezeigt hätten, sowohl in Mimik, Gestik als auch in persönlichen Worten. Und da fällt einem wieder Samsoor L. ein, sein Grinsen und die Abhörprotokolle. Seine Stimme, die sagt, „dann sollen sie eben sterben, die 71 Menschen“.

Beitrag aus Ausgabe 07/2018


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