Editorial

Der Wert der kleinen Dinge

Österreichs Wirtschaft scheint wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Nicht im Sinne eines kraftvollen Aufbruchs, nicht als Rückkehr zu alten Wachstumsraten, sondern als vorsichtiges Stabilisieren nach Jahren, die das Land wirtschaftlich wie gesellschaftlich zermürbt haben. Und doch ist allein die Richtung eine gute Nachricht, denn die vergangenen Jahre waren geprägt von einer Abfolge an Erschütterungen, wie sie selbst robuste Volkswirtschaften selten erleben. Viele Haushalte mussten ihre Prioritäten neu ordnen, Gewissheiten aufgeben und lernen, mit weniger auszukommen. Wirtschaftliche Kennzahlen beschreiben diese Zeit nur unvollständig – sie erzählen nichts von der psychischen Last, vom Gefühl, dass sich Krisen nicht mehr abwechseln, sondern überlagern.

Dass sich nun eine langsame Entspannung abzeichnet, ist daher mehr als eine statistische Bewegung. Es ist ein vorsichtiger Atemzug nach langer Anspannung. Und vielleicht auch eine Gelegenheit, den Blick neu auszurichten.

Genau hier setzt unsere neue Serie über Sammler an. Menschen, die in einer beschleunigten, unsicheren Welt bewusst innehalten. Die sich Dingen widmen, die keinen unmittelbaren Nutzen haben müssen, keinen schnellen Gewinn versprechen, aber Bedeutung tragen. „Sammler sind glückliche Menschen, denn sie wissen die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen“, heißt es in unserem ersten Porträt über Kurt Balazs, einen Mann, der bisher 13.000 Bierdosen gesammelt hat. In einer Zeit, in der vieles größer, teurer und komplizierter geworden ist, liegt darin eine stille Gegenbewegung. Sammeln heißt bewahren, sich Zeit nehmen. Es ist eine Form von Aufmerksamkeit in einer Welt der Ablenkung. Vielleicht erklärt das, warum solche Leidenschaften gerade jetzt wieder sichtbar werden. 

Nicole Mühl

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen