„Ich habe endlich meinen inneren Frieden gefunden“

Vor sechs Jahren hat Dr. Albin Glauninger einen Schritt gesetzt, von dem vielleicht viele Menschen träumen, den aber nur wenige wagen. Er hat sein gesamtes Hab und Gut verkauft und ist ohne Wiederkehr nach Thailand ausgewandert. Davor war er 33 Jahre lang der Hausarzt für viele Menschen aus dem südburgenländischen Raum um Kemeten und Litzelsdorf. Auch privat hat er ein bewegtes Leben geführt und viel erlebt. Schon vor seiner Auswanderung ist er zum Buddhismus konvertiert und sagt selbst, dass er heute gelassener ist. prima! hat den Mediziner im Ruhestand in seinem asiatischen Domizil per Videocall erreicht.
Eva Maria KAMPER / 4. Jänner 2021 / Podcast am Seitenende
Foto: zVg

Dr. Albin Glauninger war über drei Jahrzehnte praktischer Arzt in Kemeten und Litzelsdorf. Vor sechs Jahren ist er nach Thailand ausgewandert. Die Freundlichkeit der Menschen weiß er besonders zu schätzen.

 

Finster ist es schon am anderen Ende der Leitung, als wir uns am Nachmittag mit Dr. Albin Glauninger im Internet treffen. Sechs Stunden Zeitverschiebung nach hinten muss man rechnen, wenn man in Thailand anruft. Der Mediziner sitzt gerade auf der Terrasse, Grillen zirpen im Hintergrund: „Etwas kühl war es hier heute für die Jahreszeit, nur 20 Grad“, schickt er als Begrüßung ins winterliche Südburgenland, bevor wir starten.

Gleich zu Beginn zeigt er uns Bilder von seiner Umgebung, die er liebevoll „Dschungel“ nennt. Er wohnt 600 Kilometer nördlich von Bangkok zwischen den Städten Uttaradit und Sukhothai, komplett abseits der Touristengegenden, in einer kleinen 1.000-Seelen-Ortschaft. In einem neuwertigen Holzhaus, das auf Stelzen steht und auf einem großzügigen Wohnraum von 250 m2 spärlich eingerichtet ist. Die Klimaanlage sei das wichtigste Inventar, da es zwischen März und Mai 46 Grad Lufttemperatur bekommen kann. Sein Ausblick richtet sich auf Reis-, Mais- und Zuckerrohrfelder und in 20 Kilometern Ferne kann er die Berge erspähen. Und in diesem neuen Zuhause lebt der 71-Jährige in den Tag hinein, lässt die Seele baumeln, liest viel, lässt sich mit Fernsehdokumentationen berieseln und bildet sich auch in der Medizin weiter. Mehrmals die Woche gibt er Englischunterricht an junge Menschen aus Thailand. Wenn er mal Ausgleich vom „Dschungel“ braucht, dann setzt er sich aufs Motorrad, um die Gegend zu erkunden oder er besucht die 200 Kilometer entfernte Stadt Chiang Mai. Und er betont immer wieder, wie sehr er jeden Tag genießt, da er vor allem den zwischenmenschlichen Umgang der Menschen in Thailand schätzt.

prima!: Herr Dr. Glauninger, wie geht es Ihnen?

Dr. Glauninger: Danke, es geht mir hervorragend. Thailand ist ein wundervolles Land, mit wundervollen Menschen und vorzüglichem Essen. Ich habe meinen Entschluss noch kein einziges Mal bereut. Natürlich war es am Anfang eine gravierende Umstellung. Circa ein Jahr hab ich gebraucht, bis ich mich an die Hitze gewöhnt habe, anfangs schwitzt man erst mal 24 Stunden am Tag. Aber ansonsten hatte ich keine Probleme. Thailand ist ideal für einen Alterswohnsitz!

prima!: Wo definieren Sie die grundlegenden Unterschiede in der österreichischen und thailändischen Mentalität?

Dr. Glauninger: Die Menschen in Thailand sind grundsätzlich zufriedener. Sie leben zum Teil sprichwörtlich von der Hand in den Mund und machen sich nicht so viele Sorgen, was morgen kommen könnte. Hier schließt niemand eine Lebensversicherung ab oder so. Sie sind genügsame Menschen. Und immer freundlich. Auch der Umgang mit den alten Menschen ist ganz anders. Die Jugend kümmert sich um die Alten. Oft sieht man einen alten Mann mit Rollator und ein junges Mädchen daneben. Im Westen würde dieser Mensch ins Altenheim abgeschoben werden, in Thailand kann er sich an der Jugend an seiner Seite erfreuen.

prima!: Ihre Lebensgefährtin ist viel jünger als Sie? Wie gehen Sie mit Vorurteilen diesbezüglich um?

Dr. Glauninger: Diese Vorurteile herrschen nur im Westen. In Thailand ist es ein gewohntes Bild, da spielt der Altersunterschied keine Rolle. Meine Freundin ist 36 Jahre alt, fleissig und hübsch und umsorgt mich 24 Stunden, wenn es sein muss. Sie kocht mir auch ein ausgezeichnetes Ungarisches Gulasch oder Wiener Schnitzel. Junge Frauen in Thailand werden sehr oft mit 17 schwanger, müssen die Generationen der Großfamilie versorgen und haben dann nur die Möglichkeit, für einen Tageslohn von 350 Baht, also 9,50 Euro, am Feld zu arbeiten oder in einer Bar oder einem Massagesalon. In einer Partnerschaft liefert man sich die perfekte Illusion, eine Symbiose, in der beide versorgt sind. Man muss aber auch akzeptieren, dass dies keine Liebe ist, sondern ein Deal. Beide sind glücklich.

prima!: Das Jahr 2020 war von einer globalen Pandemie geprägt. Wie haben Sie Corona in Thailand erlebt?

Dr. Glauninger: Wir hatten im März sehr früh einen Lockdown, die Grenzen wurden dicht gemacht. Aber die Menschen sind hier sehr diszipliniert. Sie kennen das Prozedere schon aus der Vergangenheit mit beispielsweise SARS oder der Schweinegrippe. Man ist hier auch Ausgangssperren gewöhnt. Es herrscht immer noch Maskenpflicht und Ausnahmezustand. 90 Prozent der Bars und Massagesalons haben bereits für immer geschlossen, der Tourismus ist eingebrochen. Aber auch das nimmt man, wie es kommt. Es wird auch medial keine Angstmacherei betrieben so wie in Österreich, denn Angst drückt auch die Immunität. Aktuell (Stand Mitte Dezember) sind es in Thailand 4.086 kranke (nicht nur positive) Fälle und insgesamt 60 Todesfälle. Und das bei 69 Millionen Einwohnern und 30 Millionen Besuchern pro Jahr. Irgendwie machen sie es hier schon richtig.

prima!: Wie würden Sie als Arzt generell das Gesundheitssystem in Thailand beurteilen?

Dr. Glauninger: Die Gesundheitsversorgung ist sehr gut, jede kleine Ortschaft hat einen niedergelassenen Arzt, da die jungen Ärzte am Land ordinieren müssen. Jedes größere Dorf hat ein Versorgungsspital, jede größere Stadt hat eine Klinik mit allen Fachabteilungen. Das ist für Thailänder kostenlos und für Ausländer günstig. Aber die Wartezeiten sind enorm lang. Daher gehen viele in eine Privatkinik. Die medizinische Ausbildung der Ärzte ist am höchsten Stand. Nach einem schweren Motorradunfall 2016 wurde ich mehrere Stunden operiert und hab die Behandlung als sehr kompetent und die Versorgung als überaus freundlich empfunden. Auch lag ich als Ausländer in einem Einbettzimmer, einfach als Wertschätzung darüber, dass ich österreichischer Arzt bin.“

prima!: Wenn Sie noch einmal Ihre lange Zeit im Südburgenland reflektieren, gibt es etwas, das Sie vermissen? Und: Werden Sie eines Tages zurückkehren?

Dr. Glauninger: Ich bin hier sehr glücklich und vermisse nichts. Natürlich würde man gerne mal mit dem einen oder anderen Freund aus dem Burgenland ein Bier trinken, aber es gibt ja die Videotelefonie. Ich hab hier meinen inneren Frieden gefunden, dem ich mein ganzes Leben nachgelaufen bin, jetzt ist er da. Ich mach mir keine Sorgen, was morgen ist, ob ich krank werde oder ähnliches. Ich hab diese Mentalität schon von den Thailändern übernommen und leb jeden Tag so, als ob es der letzte ist – oder versuche es zumindest. Eine Rückkehr? Nein, sicher nicht, nicht mal zur Visite. (Lacht) Zum Abschluss möchte ich Worte von Buddha als Gruß ins Südburgenland richten: „Wenn es kommt, lass es kommen, wenn es bleibt, lass es bleiben, wenn es geht, lass es gehen.“

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Dr. Albin Glauninger
Vor sechs Jahren ist er nach Thailand ausgewandert.

Vor zwei Jahren hat er seine heutige Lebensgefährtin kennengelernt.

In Thailand bewohnt Dr. Albin Glauninger ein 250 m2 großes Haus mit seiner Lebensgefährtin und deren Eltern.

Es sei hier „wie im Dschungel“, sagt er im Interview, das er mit prima! per Vidokonferenz führt. Zurück nach Österreich will er nicht mehr.

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