Eltern werden – ein Liebespaar bleiben – Teil 2

Die Rolle als Elternteil kann man nicht ablegen. Es ist wichtig, sich dabei nicht als Paar zu verlieren. Doch daran muss man bewusst arbeiten.
Silvia MESSENLEHNER / 26. November 2021
Foto: Shutterstock / Syda Productions

Neun Monate dauert die Schwangerschaft und eben so lange braucht der weibliche Körper, um sich von der Anstrengung zu erholen. So manche Frau geht in der Mutterrolle komplett auf. Die Rolle als Geliebte und Frau verschwindet oft unbemerkt, das Bedürfnis nach Sex rückt in den Hintergrund. Den Muttermantel trägt sie durchgehend.

Dieses Phänomen verändert sich idealerweise nach einiger Zeit, aber bei manchen bleibt es auch bestehen. Und sehr oft sehe ich diese Paare bei mir in der Beratung sitzen. Beide sind verzweifelt. ER, der wieder eine ,,normale“ Sexbeziehung wie vor dem Kind haben will und SIE, die es nicht geben kann, da sie in der Mutterrolle aufgeht.

Das Leben neu definieren

Für alles was neu ist, gibt es keine Erfahrungswerte. Das schafft oft Unsicherheit und schürt Ängste. Machen Sie sich bewusst, dass Sie sich als Paar nun neu definieren sollten.
Jede Beziehung ist individuell und hat spezifische Voraussetzungen. Nutzen Sie Ihr Netzwerk – Großeltern, Onkeln, Tanten etc.
Manche Eltern entwickeln ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihr Kind für ihre Paarzeit auslagern. Das sollten Sie nicht haben. Bedenken Sie: Ein Kind ist nicht Ihr Eigentum. Sie begleiten es unter dem Motto: Wenn es klein ist, gib ihm Wurzeln und wenn es größer wird, Flügel!

Geht es den Eltern gut – geht es dem Kind gut!

Wie können Eltern nun also einen achtsameren Umgang als Liebespaar forcieren? Eine wichtige Grundbasis gilt immer, nämlich die drei wichtigsten Dinge in einer Beziehung (egal auf welcher Ebene): Bitte, Danke und Entschuldige! Diese drei Worte entschärfen Spannungen und beugen Konflikten und Kränkungen vor.

Kinder raus aus dem Ehebett!

Ein Thema, das sich bei den meisten Eltern durchzieht:
Das Kind schläft im Ehebett! Das ist bei Eltern der Sex-Killer Nummer eins. Im Grunde hat das Kind im Ehebett der Eltern nichts verloren. Es sollte ein eigenes Bett haben und zum Kuscheln darf es am Morgen auch gerne kommen. In der Paarberatung ist das immer wieder ein großes Thema: Der Mann schläft im Kinderzimmer, das Kind bei der Frau im Schlafzimmer. Kinder gehen in der Regel nicht von selbst aus dem Bett der Eltern ins eigene. Da müssen die Eltern gemeinsam an einem Strang ziehen. Je früher, umso besser.

Miteinander reden

Eine regelmäßige, wertschätzende, offene und ehrliche Kommunikation kann Missverständnisse verhindern.
Die Betonung liegt auf regelmäßig – denn es kann passieren, dass sich Werte und Prioritäten beim einen ändern, beim anderen aber nicht.
Ein Paar, das sich darüber unterhält, was sich jeder von dieser Partnerschaft und vom Leben wünscht, hat die besten Chancen, gemeinsame Nenner in vielen Bereichen zu finden.

Aufmerksamkeiten

Lassen Sie gewisse Regelmäßigkeiten und Rituale als Paar in den Alltag einfließen. Eine tägliche Umarmung, ein bewusster Blick in die Augen, ein liebevolles Lächeln. So bleiben Sie als Paar in Verbindung.
Das Gefühl, nicht gesehen zu werden, kann sehr weh tun.
Oftmals herrscht abends, wenn die Kinder im Bett sind, Müdigkeit. Ein müder Körper kann oft nichts mehr geben. Aber kuscheln geht immer! Es muss nicht immer High Intensity sein.

Achten Sie aufeinander!

Wechseln Sie sich am Wochenende ab mit dem Ausschlafen.
Wechseln Sie sich auch ab beim Ins-Bett-Bringen der Kinder. Der andere kann inzwischen Ordnung schaffen.
Achten Sie darauf, dass jeder Zeit für sein Hobby hat. Die meisten Eltern vernachlässigen diese. Wechseln Sie sich als Paar in der Kinderbetreuung ab, damit jedem ein wenig Zeit nur für sich selbst bleibt. Nehmen Sie sich diese Zeit, aber gestehen Sie sie ebenso Ihrem Partner bzw. Ihrer Partnerin zu.

Familien- und Paarzeit

Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit füreinander, ohne Kinder! Ein Ortswechsel tut manchmal gut. Oft reicht schon ein Wochenende. Wenn die Kinder nicht bei den Großeltern bleiben, ist die Paarzeit dennoch nicht verloren. Einfach als Familie wegfahren! Viele Hotels bieten auch untertags Kinderbetreuung an! Haben Sie als Eltern kein schlechtes Gewissen, wenn Sie diese nutzen. Die Kinder haben Spaß.

Putzen Sie sich heraus!

Achten Sie auf sich – für Ihren eigenen Selbstwert. Aber tun Sie es auch für Ihren Partner bzw. Ihre Partnerin. Das nährt die Erotik.

Die Sache mit dem Sex

Eltern dürfen und sollen Sex haben. Der Sex gehört ihnen und geht den Sprössling nichts an. Leben Sie also Ihre sexuellen Wünsche aus – im Schlafzimmer! Das Kind braucht sein eigenes Zimmer, was im Schlafzimmer der Eltern vor sich geht, geht das Kind nichts an und ist auch von ihm fernzuhalten.
Werden Sie von Ihrem Kind beim Sex überrascht, dann keine Panik. Ihr Kind ist meistens so auf sich selbst bezogen, dass es die Lage vielleicht gar nicht erkannt hat. Antworten Sie nur bei aufkommenden Fragen und überschütten Sie Ihr Kind nicht mit zu viel Informationen. Bleiben Sie locker und authentisch. Je stabiler Sie in Ihrer Rolle und Haltung sind, umso entspannter ist Ihr Kind.

Kindern geht es gut, wenn sie wissen, dass sich die Eltern lieben und auf sich achten. Das gibt ihnen die nötigen Wurzeln, um sicher und selbstbewusst eines Tages das Nest zu verlassen.


Silvia Messenlehner
Klinische Sexologin und Sexualtherapeutin
www.silviamessenlehner.at

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