Genügen wir uns?

Monogame oder offene Beziehung? Der Drang nach mehr. Aber immer höhere Reize führen nicht immer zur Befriedigung. Im Gegenteil sie drängen sich auf, um immer mehr zu wollen. Das Geheimnis der Zufriedenheit liegt in der Qualität und nicht in der Quantität. In einer Bewusstheit dem eigenen Körper gegenüber. Doch nur eines zählt: das, was Sie wollen.
Silvia MESSENLEHNER / 1. Juli 2020
Foto: Shutterstock Antonio Guillem

Helmut und Nina waren ein langjähriges Paar. Für Nina war Sex ein Teil, der zur Beziehung gehörte und den sie nur mit ihrem Partner ausleben wollte. Helmut war da offener. Er wollte was erleben, und mit der Zeit stieg auch seine sexuelle Unzufriedenheit. Zuerst brachte er Sextoys ins Liebesspiel ein. Andere Praktiken und Stellungen wurden ausprobiert, aber die Unzufriedenheit blieb. Sein Bedürfnis nach immer höheren Reizen stieg. Nina machte alles mit. Aber dennoch reichte es Helmut nicht. Ungestillte Sehnsüchte in ihm suchten ihre Befriedigung.

Je höher seine Anspannung wurde, umso mehr Reize brauchte er.
Zuerst schlug er Nina vor, die Beziehung zu öffnen. Das lehnte Nina aber ab. Als Alternative schlug er den Besuch von Swinger Clubs vor. Nina ging mit, um ihrem Mann einen Gefallen zu tun, auch ein bisschen aus Neugier, aber mittlerweile verstärkte sich die Angst immer mehr, dass er sie verlässt. Sie hatte immer mehr das Gefühl, ihm nicht mehr zu genügen und seine Bedürfnisse auf Dauer nicht erfüllen zu können. Jeder wollte etwas anderes und hatte eine andere Vorstellung von Beziehung und Sexualität. Um der Harmonie willen und um den anderen nicht zu enttäuschen, verbiegt man sich.

Ninas Unzufriedenheit und auch die Eifersucht wuchsen. Sie verstand ihren Mann nicht, weshalb er nicht mehr mit ihr alleine zufrieden war. Er wiederum suchte immer höhere Reize, immer mehr. Der Sex zwischen ihnen war inzwischen unbefriedigend. Zwischen Nina und Helmut war ein Graben aufgebrochen. Sie konnten einander nichts mehr geben und wollten voneinander auch nichts mehr bekommen. Wenn das der Fall ist, beginnt üblicherweise ein Kreislauf von Vermeidungsstrategien.

Eigene Wege

Helmut brauchte immer mehr Reize und begann auch alleine aktiv zu werden. Er besuchte Sexpositiv-Partys, suchte permanent sexuelle Freiheit. Woher sein Drang kam, ist ein eigenes Thema. Ist der Leidensdruck groß und der Wunsch nach einer stabilen Beziehung vorhanden, ist es an Helmut, die Quelle dieser permanenten Suche zu finden, hinzusehen und daran zu arbeiten. Manche sind aber auch mit der Situation zufrieden und verspüren gar nicht das Bedürfnis nach einer monogamen Beziehung. Das ist auch in Ordnung. Aber mit einem monogamen Partner an der Seite ist der Weg vorgezeichnet: Die Beziehung von Nina und Helmut zerbrach.

Sich aus Liebe oder aus Verlustangst für den anderen zu verbiegen, schafft irgendwann Frustration. Das führt zu Schieflagen in der Beziehung. „Jedem das Seine“, heißt es in einem Sprichwort. Dazu gehört auch, auf der sexuellen Ebene seine Freiheit und Lust auszuleben. Aber in einer Paarbeziehung muss es für beide passen.

Es ist gut, wenn beide das Gleiche wollen und die gleichen Vorlieben haben. Welche Art und Weise dabei auch immer praktiziert wird – ob es eine monogame Beziehung oder eine offene ist – und für viele passt es auch, wenn es keinen Sex gibt. Nichts ist besser oder schlechter. Aber beide sollten damit zufrieden sein. Alles andere führt irgendwann zu Frustration oder auch zur Lustlosigkeit.
Achten Sie daher gut auf Ihre Bedürfnisse und verbiegen Sie sich nicht für den anderen. Wenn Sie die Vorlieben Ihres Partners akzeptieren wollen, sollte das in Ihr Beziehungsschema passen und integrierbar sein. Sexualität ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Seien Sie ruhig neugierig auf Neues, aber wenn Sie darunter leiden, ist es nicht gut für Sie – und wahrscheinlich der falsche Partner an Ihrer Seite.

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Silvia Messenlehner
Klinische Sexologin und Sexualtherapeutin

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