Im Rhythmus der Weiblichkeit

Er ist schön, sinnlich und er kann Leben schaffen – der weibliche Körper. Der monatliche Zyklus ist dabei ein Wunderwerk. Und dennoch ist die Menstruation schamhaft besetzt. Dabei ist sie der Beweis, dass Frauen in einer ganz besonderen Weise in den Rhythmus der Natur eingebunden sind.
Silvia MESSENLEHNER / 30. September 2020
Foto: Shutterstock - JRJfin

Stolz zu sein auf die Weiblichkeit und den Körper beginnt schon in der Kindheit. Frauen wurden über alle Generationen jedoch dazu erzogen, dass es tabu ist, ihre Vulva und ihre Vagina zu erforschen.

Noch schlimmer ist es mit dem Menstruationszyklus. Obwohl die Menstruation jedes weibliche Wesen Monat für Monat viele Jahrzehnte lang begleitet, ist dieses Thema vollkommen schamhaft besetzt. Dabei ist sie für viele Frauen sehr belastend, da sehr oft auch schmerzhafte Symptome einhergehen. Aber Frauen sind es gewohnt, still vor sich hinzuleiden.

Anita hatte während ihrer Tage stets körperliche schmerzhafte Symptome. Sie wurde dazu erzogen, dass man als Frau immer funktionieren muss. Den Körper während der Menses zu schonen, kam ihr gar nicht in den Sinn. Jahrelang quälte sie sich damit. Dann kam für sie die rettende Lösung: Nehmen wir die Gebärmutter einfach raus! Aber leider erfüllte sich die Prognose nicht. Anita kam in den vorzeitigen künstlichen Wechsel. Die Symptome hatten sich verschoben. Sie hatte zwar keine Menstruation mehr, hatte aber nun mit beschwerlicheren Symptomen zu tun. Auch Lustlosigkeit stellte sich ein. Sie bereute den Eingriff und war mindestens so verzweifelt wie vorher. In der Sexualtherapie haben wir einen guten Zugang zum eigenen Körper geschaffen – unterstützt mit verschieden Interventionen – achtsam und respektvoll. Jedes Geschlechtsorgan hat seinen Platz und ist wichtig im Körper. Dem sollten wir auch endlich mehr Wertschätzung entgegenbringen.

Ruhe und Rückzug

Die sexuelle Entwicklung einer Frau lässt sich in drei große Etappen einteilen: die Kindheit, die fruchtbare Etappe und die Zeit der Reife.
Frauen verbringen ungefähr dreißig Jahre im Menstruationszyklus. Viele fühlen sich vor und während der Menstruation schlecht und ,,unwohl“ . Im Grunde führen die meisten einen Kampf dagegen und verwehren sich das Bedürfnis nach Rückzug. Oftmals, meistens vom eigenen Umfeld, ist die Reaktion während dieser Zeit keine gute. Und viele Frauen unterlassen es daher, sich mitzuteilen, wie sie sich fühlen und was sie brauchen würden – nämlich dem Körper die Ruhe und die Achtsamkeit zu geben, die er in diesen Tagen benötigt.

Positiver Zugang

Vielen jungen Mädchen wird die erste Regelblutung – die Menarche – auch als sehr schmerzvoll in Aussicht gestellt und sie erleben den Moment dann in voller Ängstlichkeit. Es fehlt ihnen das Wissen darüber.

Sophie war 12 bei der ersten Blutung. Sie dachte, sie müsse jetzt sterben. Zusätzlich war die Scham sehr groß, sich mitzuteilen. Doch die Angst siegte und sie vertraute sich der Mutter an. Diese gab ihr eine Binde und meinte: „So, jetzt bist du auch gestraft. Das kriegst du jetzt jeden Monat und pass auf, dass du nicht schwanger wirst.“ Aus. Keine weitere Information. Ja, Sie lesen richtig. Sophie ist heute 25 und ihre sexuelle Entwicklung ging so ähnlich weiter. In die Therapie kam sie, weil sie keinen Geschlechtsverkehr vollziehen konnte. Die Angst vor Schwangerschaft hat sich gut implementiert.

Viele Mädchen erhalten noch immer keine angemessene Information und Erziehung, was auch daran liegt, dass viele Mütter eine schlechte Beziehung zu ihrem eigenen Geschlecht und ihrer eigenen Regel haben. In Folge fehlt auch ihren Töchtern das Wissen, das ihnen ermöglichen würde, dieselben weiblichen Prozesse später einmal positiv zu erleben. Ein Mädchen, dessen Familie den Menstruationszyklus versteht, die Befindlichkeiten und Bedürfnisse einer Frau in dieser Phase respektiert, wird auf ihre Menarche positiv reagieren.

Vorstellungen und Wissen prägen unsere Handlungen und unsere Wahrnehmung. Eine positive, wertschätzende Einstellung und auch Wissen über die Funktionalität des eigenen Körpers und der weiblichen Organe gehören zur sexuellen Entwicklung, um in weiterer Folge eine lust- und genussvolle Sexualität zu leben. Wer seine eigenen Bedürfnisse kennt, achtet und respektiert, wird auch von anderen respektiert werden.

Beobachten Sie Ihren Zyklus in jeder Phase und achten Sie darauf, wie Sie sich fühlen und welche Bedürfnisse sich melden. Akzeptieren Sie Grenzen, die Ihnen Ihr Körper aufzeigt und gönnen Sie ihm die Ruhe oder was auch immer er braucht in dieser besonderen Zeit. Aber vor allem: Seien Sie sich Ihrer Einzigartigkeit als Frau bewusst und seien Sie stolz darauf.

www.silviamessenlehner.at


Silvia Messenlehner
Klinische Sexologin und Sexualtherapeutin

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