Sexpositiv – frei, aber achtsam

Alles kann, nichts muss passieren. Sexualität im 21. Jahrhundert bringt den Begriff „Sexpositiv“ hervor. Tabus werden gebrochen. Alle dürfen sexuell selbstbestimmt sein. Sexualität wird als bereichernder Teil der Lebensenergie gesehen, die Menschen in unterschiedlichen Facetten ausleben. Gleichwertigkeit, Selbstbestimmung und eine bejahende, positive Haltung zu Sexualität bilden die Grundlage der sexpositiven Haltung.
Silvia MESSENLEHNER / 2. Juni 2020
Foto: shutterstock_sunshine-seeds

Sie werden sich jetzt wahrscheinlich fragen, was das eigentlich ist. Denn ist man nicht auf der Suche nach sexueller Freiheit, weiß kaum jemand den Begriff „Sexpositiv“ zuzuordnen.

Respekt steht im Mittelpunkt einer sexpositiven Haltung. Respekt hinsichtlich der sexuellen Orientierung in all ihren Ausdrucksformen. Die Grundlage dabei ist aber immer das Einverständnis aller Beteiligten. Daher ist neben dem Respekt auch die Achtsamkeit ein wesentlicher Begriff der sexpositiven Haltung. Sich selbst und anderen gegenüber. Und vor allem der sexuellen Gesundheit gegenüber.

Was bedeutet sexpositiv?

Neu ist der Begriff nicht. In den siebziger und achtziger Jahren wurde er vor allem von Feministinnen geprägt. Sie lehnten sich gegen die frauenfeindliche, patriarchalische Darstellung in der Pornographie auf. Heute ist der Begriff vor allem in Zusammenhang mit Sexpositiv-Partys wieder aufgetaucht. Dabei ist alles möglich. Von gar keinem Sex bis Blümchensex oder solchem, wo es ordentlich zur Sache geht. Homo-Hetero-Transgender – jeder ist willkommen und hat Platz sich zu entfalten und zu experimentieren.

Alle Grenzen müssen geachtet werden. Das Wohlbefinden der Teilnehmerinnen und Teilnehmer steht im Vordergrund. Wie unterschiedlich die Menschen sind, zeigt sich bereits an ihrem Outfit. Ob in Jeans und Shirt, im Fetischkostüm oder nur in Turnschuhen. Wer eine solche Party besucht, der will seine Perspektiven erweitern, sexuelle Freiheit erleben und seinen Körper und seine Lust ausleben.
Kommt Ihnen die Richtung ein wenig aus der Flower Power Bewegung der 60er/70er-Jahre bekannt vor? Dabei ging es auch darum, die Grenzen erweitern zu wollen, um Freiheit in vollen Zügen zu genießen. Die Sicherheit der Frauen steht bei einer Sexpositiv-Party im Vordergrund. Kondome werden ausgeteilt, und ein Team überpüft, ob auch die Grundregeln der Achtsamkeit und des Respekts eingehalten werden.
Für manche, die an einer solchen Party teilnehmen, geht es nicht immer nur um Sex, sondern darum, Normen aufzubrechen und sich freier auszudrücken. Damit will sich die Bewegung auch von dem Begriff Swinger Party abgrenzen. Wem es nur um sexuelle Befriedigung geht, der wird gar nicht hineingelassen.

Paare, Singles, Suchende

Wer meint, dass sich hier vor allem Singles herumtreiben, der irrt. Auch Pärchen besuchen regelmäßig solche Events, haben Spaß miteinander oder daran, sich anderen gegenüber frei und ungehemmt zu zeigen und ihre Sexualität anders zu erleben.

Für viele, die diese Kolumne gerade lesen, ist dieser Gedanke unvorstellbar, denn in unserer Prägung sind wir auf eine monogame Beziehung ausgerichtet und haben oftmals sogar Probleme, dem Partner bzw. der Partnerin gegenüber die sexuellen Phantasien und Wünsche auszudrücken.

Bewerten Sie nicht! Sexpositive Partys sind eine von vielen Möglichkeiten, sich auszuleben und dies in einem respektvollen und sicheren Umfeld zu tun. Wer also auf der Suche ist, der findet hier sicherlich einen „gesunden“ Rahmen.

Die Sichtweise, dass Tabus aufgebrochen werden, ist gerade in der Sexualität wichtig. Wer neugierig ist auf eine solche Party, wird aber aufgrund des Coronavirus noch warten müssen.

Sexpositiv 2020 will aber vermitteln, dass alles möglich ist – aber nichts sein muss. Ihre Grenzen bestimmen nämlich immer Sie selbst. Auch die Entscheidung, ob Sie einen solchen Rahmen für eine Erweiterung Ihrer Sexualität brauchen. Oder ob Sie dort, wo Sie sind, schon gut angekommen sind.

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beratung@silviamessenlehner.at


Silvia Messenlehner
Klinische Sexologin und Sexualtherapeutin

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