Der Gutshof an der Grenze

Schachendorf – an der ungarischen Grenze. Es ist eine sehr mystische Gegend und der passende Rahmen für die Gebäude mit einer bewegten Geschichte: das Kastell und der Meierhof.
Wilhelm HODITS / 2. Jänner 2020
Foto: Willi Hodits

 

Das Kastell in Schachendorf wird heute von drei Generationen der Familie Berlakovich bewohnt.

 

Wann das Kastell genau erbaut wurde, ist heute nicht feststellbar. Vermutet wird das Jahr 1760, doch es gibt keine konkreten Belege dafür. Was jedoch erwiesen ist, ist dass die Geschichte dieses Gebäudes eng verbunden ist mit der Geschichte des Güssinger Adelsgeschlechts Batthyány.

Die Spuren der Batthyány

Die Familie erhielt die Burg Güssing 1524 von König Ludwig II. Um 1527 wurde Franz Batthyány auch Besitzer der Domäne Rechnitz. Eine weitere Schenkung um 1550 machte die Familie Batthyány endgültig zum mächtigsten Grundherren des Südburgenlandes.

Schachendorf gehörte vor 1540 zu der Domäne Rechnitz und damit zu den Batthyánys. Diese holten um 1532 in die – durch die Türken und die Pest – entvölkerten Gebiete zahlreiche Kroaten zur Neubesiedelung ins Land. So wurde auch Schachendorf 1548 besiedelt. Der erste Schachendorfer Meierhof taucht in der Chronik bereits 1634 auf. 1676 werden sogar zwei Meierhöfe (landwirtschaftliches Gebäude) genannt.

Neben dem Haupthof in Schachendorf gab es einen Vorhof in Narda und einen zweiten, den Lichtenfurter Hof, der an der Straße Schachendorf -Schandorf lag. Der Lichtenfurter Hof diente der Viehhaltung. Es waren etwa 60 Rinder hier untergebracht. Der Hof wurde während des Krieges im Jahr 1945 so beschädigt, dass er abgetragen werden musste.

1860 verkaufte die Familie Batthyány das Gut Rechnitz und damit auch ihren Besitz in Schachendorf an die Gutsherren in Bernstein. 1870 übernahm ein gewisser Advokat Julius von Szájbály das Anwesen und bewirtschaftete es bis 1906. In diesem Jahr wurde der Besitz von Baron Heinrich Thyssen-Bornemisza übernommen, der bis 1936 im Schloss Rechnitz lebte.

Die dunklen Jahre

Baron Thyssen-Bornemisza verpachtete das Gut Schachendorf mit etwa 600 Hektar ab 1914 an die jüdische Familie Ungar. 1938 übernahm die „Deutsche Ansiedelungsgesellschaft“ unter den Nazis das Gut und den gesamten Betrieb. Der neue Verwalter, der von den Nationalsozialisten eingesetzt wurde, war ein gewisser Hugo Holzgethan. Er wurde für seine Schandtaten und sadistischen Handlungen gegen die Juden nach dem Zweiten Weltkrieg von den Russen verurteilt und erschossen.

Mit den Nazis begann die dunkelste Geschichte des Meierhofes. In dieser Zeit wurde im Magazin des Meierhofes ein Arbeitslager für Juden, Kriesgefangene und politisch Gefangene eingerichtet. Vor allem die Juden wurden hier besonders gequält. Sie wurden zur Errichtung des Südostwalls gezwungen und mussten unmenschliche körperliche Anstrengungen durchführen. Nachts wurden sie auf engstem Raum zusammengepfercht.

Krank oder schwach zu werden, bedeutete automatisch den Tod. Laut Zeitzeugenberichten wurden besonders die ungarischen Juden von den Nazis grausam geschlagen und erniedrigt. Sie bekamen nur wenig zu essen, sodass viele diese harte Arbeit nicht überlebten. Wenn ihnen die Bewohner des Meierhofes (Arbeiter, die hier wohnten) etwas zu essen bringen wollten, wurden sie von der Wachmannschaft mit dem Erschießen bedroht. Die Kinder der Arbeiter waren weniger furchtsam. Sie steckten oft Brot in ihre Taschen und ließen es neben den Zwangsarbeitern fallen.

Wie groß das Leid und der Nahrungsmangel waren zeigt die Geschichte eines Zeitzeugen: Die Bewohner des Meierhofes stellten eines abends einen Leiterwagen mit rohen Zuckerrüben und ein anderes Mal einen Leiterwagen mit rohen Kartoffeln vor das Tor des Arbeitslagers. Beide Male war die Anhänger in der Früh leer.

Margot, die Tochter von Baron Thyssen-Bornemisza war mit Ivan Batthany verheiratet. Diese Gräfin ging in die Geschichte ein. Sie war in den letzten Kriegstagen Gastgeberin einer Gruppe von SS-Offizieren im Schloss Rechnitz. Es war in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945, kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee. In der nahe gelegenen Scheune Kreuzstadl in Rechnitz wurden etwa 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter von Teilnehmern des Festes in einem Blutrausch ermordet. Ihre Leichen werden heute noch gesucht.

Die Befreiung

Besonders grausam waren für die Gefangenen im Arbeitslager die Zeit im April 1945, während der Befreiung des Meierhofes durch die Russen. Die Gefangenen konnten das versperrte Lager nicht verlassen und verhungerten hier elendlich. 500 Zwangsarbeiter waren im Arbeitslager eingepfercht. Wie viele tatsächlich überlebt haben, ist nicht bekannt.

Ein jüdischer Kriegsgefangener konnte aus dem Gefangenenlager fliehen, bevor die Russen den Meierhof befreiten. Er kletterte auf einen der mächtigen Eichenbäume und versteckte sich in der Krone. Erst zwei Tage später kam heruter, als die Russen den Meierhof endgültig von der Naziherrschaft befreit hatten. Mit dieser Aktion hatte er sich das Leben gerettet.

Nachdem die Russen den Meierhof in den Besitz genommen hatten, war ein unangenehm süßlicher Geruch zu merken. Die Bewohner des Anwesens öffneten mit Gewalt das Tor zum Arbeitslager. Was sie dort sahen, kann laut Zeitzeugen an unfassbarer Grausamkeit und Leid nicht in Worten ausgedrückt werden. Hinzukam, dass die Leichen der Zwangsarbeiter nicht sofort bestattet werden konnten, was zu einem Ausbruch einer Typhusepidemie führte.
Das Kastell war nach dem Auszug der russischen Soldaten nicht mehr bewohnbar. Es war stark beschädigt.

Nach den Kriegswirren kehrte Ferdinand Ungar, der seine Frau und seine Söhne in Dachau verloren hatte, als Pächter zurück und übernahm den Gutsbetrieb in Schachendorf. Seine zweite Frau, eine Jüdin aus Szeged, wollte jedoch in der Stadt leben, weshalb Ferdinand Ungar einen Pächter für das Anwesen suchte.

Die neuen Besitzer

Ein gewisser Robert Berlakovich, der Offizier in der K und K Armee war, suchte nach dem ersten Weltkrieg eine Stelle als Lehrer. Nachdem keine frei war, ging er zum österreichischen Bundesheer. Nach dem Abschluss des Studiums an der Universität für Bodenkultur hörte er davon, den Meierhof in Schachendorf pachten zu können und bewarb sich. Er zahlte an Ferdinand Ungar eine Ablöse und übernahm 1951 das Anwesen mit dem Meierhof und dem Kastell. Nachdem dieses unbewohnbar war, musste er es mit hohem finanziellem Aufwand sanieren.

Als die Familie Berlakovich im Jahr 1951 nach Schachendorf zog, war der aus Nikitsch stammende Pfarrer Vrba, der die Familie aus Kindheitstagen gut kannte, so erfreut, dass er der Familie die zweite Reihe in der Kirche auf der rechten Seite reservierte. Seither ist dies in Schachendorf ein ungeschriebenes Gesetz, das heute noch Gültigkeit hat.

Als Robert Berlakovich 1951 den Gutshof übernahm lebten hier 109 Personen. Sie wurden Deputatisten genannt. Zum Deputat gehörten unter anderem kostenlos die tägliche Milch, Brennholz, Weizen, Gerste und etwa 5.700 m2 Acker. Diese Familien wohnten in einer Art kleinem Reihenhaus. Das Leben spielte sich meist im Freien vor diesen Häusern ab. Jede Familie hatte einen Gemüsegarten und einen Schweinestall für zwei Tiere und einen Stall für Hühner und Hasen. Auf dem Acker und dem Gemüsegarten wurde alles angebaut, was man zur Selbstversorgung benötigte.

Die Schweine wurden täglich außer sonn- und feiertags von einem Schweinehirten abgeholt, auf die Felder getrieben und abends wieder in die Ställe zurückgebracht. Das Leben, so berichten Zeitzeugen, war damals am Meierhof ein gutes. Die Bewohner der Siedlung waren eine eingeschworene Gemeinschaft. Es wurde gemeinsam gefeiert und zusammengehalten. Der obligate Sautanz oder das Federschleißen waren willkommene Anlässe , die zelebriert wurden. Neben den fix Angestellten gab es auch etwa 20 Saisonarbeiter und etwa 20 Tagelöhner.

Sogar ein Teich zum Abkühlen im Sommer war vorhanden. Die Bewohner des Meierhofes sprachen ungarisch. Sie konnten zum Großteil weder deutsch noch kroatisch.
Während der Erntezeit halfen die Kinder am Feld mit. Dafür bekamen sie Geld und waren mächtig stolz darauf.

In den 50-er und 60-er Jahren war die Viehzucht ein starker Wirtschaftszweig. So waren damals immer mindestens sechs Pferde, 100 Rinder, Milchkühe, Ochsen und Stiere, 60 Zuchtschweine und 600 Mastschweine sowie Hühner zur Selbstversorgung am Meierhof vorhanden.

Wenn im Herbst die Zuckerrübern zur Umladestation am Bahnhof Schachendorf mit Ochsen, Graurindern und den Lanz Bulldog-Traktoren geliefert wurden, war das auch für die Dorfkinder ein interessantes Schauspiel. Bevor die Traktoren in der Früh gestartet wurden, musste unter dem Motorblock ein Lagerfeuer angezündet werden, um das Motoröl anzuwärmen. Erst dann konnte diese Art von Traktoren mit dem Lenkrad an der Vorderseite gestartet werden. Dann stieg ein schwarzer Rauch aus dem großen, nach oben ragenden Auspuff.

In Spitzenzeiten waren zwölf solcher Traktoren am Schachendorfer Meierhof aktiv. Eine Sensation war nach 1952 der Einsatz der ersten mit einem Lanz Bulldog Traktor gezogenen Mähdrescher. Die Bauern der Umgebung konnten es nicht glauben, dass auf einmal ein Gerät die schweren Feldarbeiten erledigte. Bei den Bauern in den Dörfern wurden diese Landwirtschaftsmaschienen aber erst viel später eingesetzt.

Im Jahr 1981 kaufte Ivan Berlakovich, der Sohn von Robert, 242 Hektar des 408 Hektar großen Anwesens von Heinrich Thyssen-Bornemisza – inklusive das Kastell und den Meierhof. Der Rest des Grundstücks ging an die umliegenden Bauern.

Als 1979 die letzte Deputatistenfamilie Janzsö aus dem Meierhof auszog, blieb diese Anlage leer. Später wurde ein Teil abgetragen. Heute wird eine Wohnung vom pensionierten katholischen Pfarrer Nikola Juracec bewohnt. Eine weitere Wohnung von einer Mieterin. Der südliche Teil wurde von der Tochter des Hauses als Wochenend-Domizil ausgebaut. Der Rest der ehemaligen Wohnanlage wird als Lagerraum genutzt.

Im sanierten Kastell wohnen heute drei Generationen. Im nördlichen Teil wohnen der „Senior-Chef“ Ivan Berlakovich und seine Frau Monika. Im südlichen Teil, der heutige Eigentümer Stefan Berlakovich mit seiner Frau Kinga und seinen drei Kindern, die dreisprachig aufwachsen.

Das Kastell liegt geschützt in einer Parklandschaft, sodass das Anwesen von der Straße aus kaum sichtbar ist. Im Jahr 2008 wurde der Betrieb auf moderne biologische Landwirtschaft umgestellt. Heute arbeiten nur mehr drei ständige Facharbeiter und ein Saisonarbeiter am Meierhof.

Die Gemeinde Schachendorf und Joe Omischl haben wichtige Details aus der Chronik für diesen Artikel zur Verfügung gestellt.

 


Eine Ansichtskarte mit dem Kastell aus dem Jahr 1950.

Im Speicher des Meierhof wurden während des 2. Weltkrieges rund 500 Gefangene eingepfercht.

Heute wird nur mehr ein Teil des Meierhofes bewohnt

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