Gefallen fern der Heimat

Im November, wenn der Herbst seine volle Kraft entfaltet und Nebelschwaden über der Landschaft liegen, haben Friedhöfe eine besondere Anziehungskraft auf uns. In der Gemeinde Oberwart gibt es ihrer gleich sechs. Der Friedhof der Sowjetarmee ist der jüngste. Umgangssprachlich wird er kurz der „Russenfriedhof“ genannt. Die hier begrabenen Soldaten hatten einen langen Weg hinter sich, bis sie hier bestattet wurden. Ab und zu besuche auch ich diesen Ort.
Wilhelm HODITS / 30. Oktober 2019
Foto: Prima

 

Friedhof der Sowjetarmee in Oberwart.

 

Ein wenig versteckt findet man ihn. Am Ende der Röntgengasse neben dem Gesundheitszentrum. Einst war hier der Truppenübungsplatz. Will man das Datum der Entstehung des Russenfriedhofes wissen, muss man schon im Landesarchiv Eisenstadt nachforschen. Gesagt – getan.

Am 5. April 1945 marschierten die Sowjettruppen in unser heutiges Gebiet ein. Bis zum 14. April hielt die deutsche Divisionsgruppe „Krause“ mit dem Volkssturm (deutsche militärische Formation in der Endphase des Zweiten Weltkrieges) die Widerstandslinie zwischen Markt Allhau und Oberwart. Dabei wurden auf beiden Seiten viele Soldaten getötet.

Die russischen wurden nur provisorisch in Massengräbern bestattet. Nach dem Kriegsende wurden diese Massengräber geöffnet, um sie am eigens dafür angelegten Friedhof der Sowjetarmee in Oberwart umzubetten. Zeitzeugen berichten, dass für das Einsammeln der gefallenen russischen Soldaten im Bereich der Widerstandslinie Markt Allhau – Oberwart sogar Jugendliche vom Sportplatz zur Unterstützung geholt wurden. Der Anblick der von Granaten zerrissenen Körper der toten russischen Soldaten war für diese Jugendlichen schwer zu bewältigen. Das gesamte Gebiet war überdies vermint.

Die Leichname der gefallenen Russen wurden dann erst Wochen später auf dem Russenfriedhof im Zuge einer imposanten Zeremonie beigesetzt. Die Gräber dafür mussten die ehemaligen Nationalsozialisten schaufeln, die in Stadtschlaining interniert waren und jeden Tag zu Fuß nach Oberwart gehen mussten.
Elf in der Kaserne Oberwart verstorbene russische Soldaten wurden im heutigen Stadtpark begraben. Sie sollten erst 1965 hier am Russenfriedhof ihre Grabstätte finden.

In den Jahren 1957/58 wurde der Russenfriedhof erweitert. Der Grund dafür war der Fund eines Massengrabes sowjetischer Soldaten am Areal des heutigen Friedhofs. So wurde das Massengrab ein Teil des Friedhofes. Es sollte jedoch nicht das letzte Massengrab sein, das entdeckt wurde.

Das Denkmal am Russenfriedhof

Dieser Grabstein hat seine eigene Geschichte. Er wurde vom Geschwisterpaar Krismanits in Oberwart bei der Steinmetzfirma Fiedler in den Kriegsjahren in Auftrag gegeben. Da sie keine näheren Angehörigen in Oberwart hatten, wollten sie noch zu Lebzeiten dieses Grabmal im evangelischen Friedhof aufstellen lassen. Der fertige Grabstein – ohne Gravur – stand lange Zeit am Lager- und Ausstellungsplatz der Firma Fiedler in der heutigen Steinamangererstraße. Heute befindet sich an dieser Stelle der Parkplatz des Stadtwirts.

Nach Einmarsch der russischen Soldaten im April 1945 wurde dieser große Grabstein von den Russen konfisziert und zuerst an der Südseite und dann an der Nordseite des heutigen großen Kriegerdenkmals im Stadtpark aufgestellt – elf Gräber der in der Kaserne verstorbenen russischen Soldaten wurden vor diesem Grabstein angelegt.

Weder von diesem großen Grabstein noch von den Gräbern ist heute im Stadtpark etwas zu sehen. Die elf russischen Soldaten wurden 1965 vom Stadtpark in den Russenfriedhof umgebettet. Ebenso wurde der Grabstein anstelle eines verfallenen Obelisk in den Russenfriedhof versetzt.Er trägt heute die Inschrift „Ehre den gefallenen Helden im Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit unserer Heimat“, in russischen Buchstaben und den Namen der elf russischen Soldaten.

Auch zum Kriegdenkmal im Stadtpark gibt es eine interessante Geschichte aus dieser Zeit: Die Inschrift „Pro Patria“ missfiel dem russischen Kommandeur. Darunter waren und sind es heute noch die Gefallenen des Ersten Weltkrieges verewigt.

Er missbilligte, dass die gefallenen deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges unter dem Titel „Pro Patria“ hier nun ebenfalls aufgelistet würden und stellte der Stadtführung die Frage, für welche Heimat die deutschen Soldaten denn gestorben seien? „War Hitlerdeutschland euer Vaterland?“, soll er sie gefragt haben. Er hatte vor, diese Inschrift entfernen zu lassen. Doch soweit kam es nie. „Pro Patria“ ist heute noch auf dem Mahnmal zu lesen.

Sechs Birken als Begleiter

Im Herbst des Jahres 1965 wurden auch weitere Maßnahmen am Russenfriedhof vorgenommen, wie die Einzäunung, die Bepflanzung und die Anlegung der Wege.

Außerdem wurde der Russenfriedhof an der nordöstlichen Seite zu einem Rechteck erweitert. Die Stadtgemeinde Oberwart erklärte sich dazu bereit, die gärtnerische Betreuung des Friedhofes „für immerwährende Zeit“ zu übernehmen. Ende Oktober 1966 waren alle Baumaßnahmen am Friedhof der Sowjetarmee abgeschlossen.

Sechs Birken wurden links und rechts vom Eingang gepflanzt – und dessen Bedeutung habe ich erst Jahre später erfahren.

Es war Anfang 1980 an einer Baustelle in der Steinamangererstraße. Ich war als Bauhofleiter vor Ort und achtete darauf, dass die Baustelle mit den Dienstfahrzeugen der Stadtgemeinde abgesichert war. Dabei fiel mir ein PKW mit einem Diplomatenkennzeichen auf. Ein sehr elegant gekleideter Herr stieg aus und fragte höflich mit slawischem Akzent, ob ich ihm sagen kann, wo sich der Friedhof der Sowjet-Armee befindet.

Also brachte ich ihn dorthin. Beim Betreten des Friedhofes fiel der Blick des Diplomaten auf die Birken. Dabei wurde er ganz ruhig und ergriffen und erklärte mir mit leiser Stimme, dass die Birke für die Slawen als heiliger Baum gilt. Die Birke sei ein Nationalbaum und Symbol des Landes. Er meinte, dass die Slawen diesem Baum die Fähigkeit zusprechen, Menschen vor bösen Mächten zu schützen.

Symbolisch könnte man wohl auch meinen, dass die hier fernab ihrer Heimat gefallenen und begrabenen russischen Soldaten von den Birken wohl beschützt werden.

Verschollen aber nicht vergessen

Bei einer Besichtigung des Soldatenfriedhofes im September 2019 habe ich in einem leeren Blumentopf ein in Folie verschweißtes Soldatenbild eines gewissen Michael Juk gefunden. Er stammt aus der Ukraine und war am 7. April 1945 in Unterwart gefallen. Anscheinend haben Angehörige hier am Soldatenfriedhof in Oberwart nach ihm gesucht und bewusst dieses Bild mit ihrer Mail-Adresse hinterlassen. Sicherlich in der Hoffnung, etwas über den gefallenen Soldaten zu erfahren.

Das letzte Begräbnis am Russenfriedhof fand im Juni 2016 statt. Man hatte in Welten bei St. Martin an der Raab ein Massengrab 38 russischer Soldaten gefunden. Sie wurden in Oberwart bestattet. Jährlich wird vor dem 1. November im Namen des Schwarzen Kreuzes und der Stadtgemeinde Oberwart je ein Kranz am Hauptgrabstein niedergelegt.

Teil eines Freizeitparks?

Im Jahr 1982 gab die ÖVP Oberwart sogar im Zuge einer Aussendung an die Haushalte Einblicke in die Pläne am Areal des ehemaligen Truppenübungsplatzes, der auch den Russenfriedhof umfasst. Konkret ging es dabei um die Schaffung einer Parkanlage und eines Campingplatzes.
Die Parkanlage sollte als Erholungsort für die Bevölkerung und vor allem für die Bediensteten und mobilen Patienten des Krankenhauses dienen. Der Soldatenfriedhof sollte als Mittelpunkt dieser Parkanlage fungieren. Doch es kam anders. Heute stehen an dieser Stelle das Gesundheitszentrum und eine Wohnhausanlage.

Im Jahr 2010 hat der damalige Bundespräsident Heinz Fischer im Vorwort des Gedenkbuches „Sowjetische Tote des Zweiten Weltkrieges in Österreich“ unter anderem den Satz geschrieben: „Dieses Gedenkbuch dokumentiert die Angehörigen der Roten Armee, die im Kampf um die Befreiung unseres Landes von der Hitlerdiktatur ihr Leben ließen.“ In diesem Sinne sollten wir bedenken, dass der Erhalt und die Pflege des Russenfriedhofs eine Verpflichtung ist, der es nachzukommen gilt.

Quelle: Burgenländisches Landesarchiv
Fotos zur Beisetzung: Wolfgang Wilderer, Oberst i.R.

Stadtführungen Oberwart
Ing. Wilhelm Hodits
0664/50 44 554


Bevor der große Grabstein im Jahr 1965 auf den Friedhof der Roten Armee verlegt wurde, war er im Stadtpark Oberwart rechts ...

... und dann wiederum links vom großen „Pro Patria“ Kriegerdenkmal zu finden. Davor sind die Gräber der elf russischen Soldaten.


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