„Einfach weg“

Kemeten ist eine der wenigen Gemeinden, in denen eine Gedenkstätte an die in der NS-Zeit verfolgten und ermordeten Romnija und Roma erinnert. Das lange diskutierte Gedenkzeichen wird am 3. April eingeweiht. Warum gibt es noch immer so wenige Gedenkstätten, die an einstige Romasiedlungen und an ihre vertriebenen und ermordeten Bewohner*innen erinnern? Walter Reiss stellt diese Frage an Gerhard Baumgartner, den wissenschaftlichen Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW). Der bekannte Historiker ist gebürtiger Südburgenländer und gilt als Experte für Geschichte und Erforschung des Schicksals der Volksgruppe der Roma.
Walter REISS / 25. Februar 2022 / Podcast am Seitenende
Foto: zVg

34 Romasiedlungen gab es um 1930 im Bezirk Oberwart. Auf dem historischen Foto ist die Siedlung in Oberwart zu sehen.

 

Das Burgenland feiert derzeit sehr nachhaltig sein Bestehen seit hundert Jahren. 2001 – also vor gut 20 Jahren – hat der Burgenländische Landtag per Beschluss angeregt, dass Gemeinden mit ehemaligen und ausgelöschten Romasiedlungen Zeichen des Gedenkens setzen sollen. Allein im Bezirk Oberwart gab es vor dem Krieg in 34 Orten Romasiedlungen. Gedenkstätten oder Tafeln für verfolgte, deportierte und ermordete Romnija und Roma gibt es nur sehr wenige.

Gerhard Baumgartner: Im ganzen Burgenland gibt es derzeit 17 Gedenkzeichen. Mehr gibt es leider nicht. Es gab 120 Siedlungen mit jeweils mehr als 10 Bewohnern. Die größte Romasiedlung hatte 300 Bewohner, das ist im burgenländischen Maßstab also schon ein richtiges Dorf. Zählt man aber alle Orte, in denen Romafamilien gelebt haben, zusammen, kommt man auf etwa 140.

Warum gibt es 77 Jahre nach Kriegsende noch immer so wenige Gedenktafeln oder Gedenkstätten?

Gerhard Baumgartner: Das ist ein Versäumnis der Nachkriegszeit. So wie man erheben konnte, wer im Krieg gefallen ist oder vermisst wurde, hätte man auch erheben können, wer in einem Lager umgekommen ist oder Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung geworden ist. Es hat niemanden interessiert und es wurde nicht systematisch geforscht. Für die jüdischen Opfer ist das dann später geschehen, als Österreich sich laut Staatsvertrag dazu verpflichtet hat. In den Finanzämtern wurden die Besitzverhältnisse von Vertriebenen ermittelt und da stieß man dann vereinzelt auch auf Vermögen von Roma. Es gab damals kein digitales Grundbuch. Wenn niemand im Ort sich erinnern konnte, dass eine Romafamilie ein Grundstück besessen hat, dann ist dieses Grundstück verwildert. Und das ist auch mit den meisten Romagrundstücken passiert.

Romasiedlungen sind fast durchwegs verschwunden. Warum sind sie auch aus dem allgemeinen Gedächtnis verschwunden? Auf Kriegerdenkmälern sind Gefallene und Vermisste mit vollem Namen angeführt. Für die ermordeten Roma gibt es das nicht.

Gerhard Baumgartner: Mit einigem Aufwand könnte man die Matriken und Meldelisten durchgehen. Da ein Großteil der Romabevölkerung in der Zwischenkriegszeit durch die Weltwirtschaftskrise sehr verarmt war, mussten die Gemeinden für Schule, Arzt und Armenversorgung hohe Kosten übernehmen. Das ergab große Spannungen in den Dörfern und die Deportation war den Gemeinden eigentlich sehr recht. Daher hat man sich nach dem Krieg gar nicht bemüht, das alles zu rekonstruieren. Und dann geriet es überhaupt in Vergessenheit.

„Nicht darüber reden“

Nun hat man sich in einigen Gemeinden, im Bezirk Oberwart etwa in Jabing, Holzschlag, Pinkafeld oder Kemeten, entschlossen, aus dem Vergessen ein Zeichen der Erinnerung zu machen. Warum ist das in vielen anderen Orten noch immer nicht möglich?

Gerhard Baumgartner: Gedenkzeichen gibt es dort, wo es nicht mehr aufregt. In der Nachkriegsgeneration gab es eine Art Reflex, sich nicht mit der eventuellen oder vermuteten Schuld der Eltern und Großeltern auseinanderzusetzen: Nicht deshalb, weil man genau gewusst hätte, dass die Vorfahren etwas angestellt haben, sondern man hat befürchtet, es könnte so etwas herauskommen. Also redete man lieber gar nicht darüber. Und auch innerhalb der Familie versuchte man, den Generationenkonflikt nicht anzuheizen. Das Thema wurde totgeschwiegen. In der zweiten und dritten Generation danach tut man sich ein wenig leichter.

Zuflucht in der Steiermark und in Niederösterreich

Gab es auch in den oststeirischen Gemeinden Romasiedlungen?

Gerhard Baumgartner: Es hat dort nicht so viele Roma gegeben. Dort wurden sie auch nicht verfolgt. Wie wir heute wissen, sind manche Roma aus dem Burgenland nach Niederösterreich oder in die Steiermark geflüchtet. Im Burgenland haben die Gemeinden und die Polizei Zigeunerlisten angelegt. Diese Listen gab es in der Steiermark und in Niederösterreich nicht. Dort haben die geflüchteten Roma Arbeit gefunden, sie waren nicht als sogenannte Zigeuner registriert und wurden daher auch nicht verfolgt. So haben sie den Krieg überlebt.

Wer setzt eigentlich die Initiative, wenn in burgenländischen Gemeinden Gedenktafeln an das Schicksal der Roma erinnern? Kommen die Impulse von außen oder aus der Ortsbevölkerung?

Gerhard Baumgartner: Die erfolgreichen Initiativen kommen von innen. Auch in Kemeten kam der Anstoß aus dem Ort: Ein Student aus Kemeten hat seine Diplomarbeit (Anm: Dieter Mühl, „Die Roma von Kemeten“, edition lex liszt 12; 1999) publiziert. Das hat Diskussionen ausgelöst und die haben Jahrzehnte gedauert. Heute gibt es ein Erinnerungszeichen an die Opfer der NS-Zeit. Man kann die Entwicklung auch am sozialen Wandel des Landes ablesen: Die nach Bildungsweg und Studium oft in die Dörfer zurückkehrende Jugend nimmt die Dinge anders wahr. Als heute hier Lebende sind sie ja nicht dafür verantwortlich, was vor Jahrzehnten passiert ist. Wenn aber die Geschehnisse von damals verschwiegen oder gar verteidigt werden, dann gilt es doch, sich einer Verantwortung bewusst zu werden. Sich freiwillig dieser Verantwortung zu stellen, ist eine Erkenntnis, die sich erst langsam durchsetzt. Wir sind auf dem Weg dorthin.


Dr. Gerhard Baumgartner
Dr. Gerhard Baumgartner, Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW)

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Romasiedlungen im Bezirk Oberwart
(Stand ca. 1930)

• Althodis • Aschau • Bernstein
• Buchschachen • Glashütten
• Goberling • Grafenschachen
• Grodnau • Günseck • Holzschlag
• Jabing • Kemeten • Kitzladen
• Kleinbachselten • Kleinpetersdorf
• Loipersdorf • Markt Allhau
• Mönchmeierhof
• Neustift/Lafnitz • Oberpodgoria
• Oberwart • Redlschlag
• Rohrbach/Teich • Rumpersdorf
• Schandorf • Schreibersdorf
• Spitzzicken • Sulzriegel
• Unterschützen • Unterwart
• Weinberg • Welgersdorf
• Wiesfleck • Willersdorf


 

Gedenken in Kemeten

„Zum Gedenken an die Frauen, Männer und Kinder aus Kemeten, die von 1938 bis 1945 Opfer des Nationalsozialismus wurden. Das waren Romnija und Roma, Jüdinnen und Juden, Menschen, die politischen Widerstand leisteten und Menschen, denen auf Grund von Erkrankungen und Behinderungen das Lebensrecht abgesprochen wurde und die der NS-Medizin zum Opfer fielen.“

Heftige Diskussionen um sichtbares Gedenken für NS-Opfer gibt es in Kemeten seit mehr als zwei Jahrzehnten. 1999 veröffentlichte Dieter Mühl in seinem Buch „Die Roma von Kemeten“ die Namen der Holocaustopfer. Romavereine forderten mehrmals die Errichtung einer Gedenktafel, Ideen wurden präsentiert und wieder verworfen. Die Ortsbevölkerung war gespalten, der Gemeinderat lehnte ab. 2020 ergab eine Volksbefragung im Ort eine Mehrheit von 53,6 Prozent für die Errichtung einer Gedenkstätte. Bürgermeister Wolfgang Koller (SPÖ): „Es war an der Zeit, mit diesem lang diskutierten Thema abzuschließen. Auf der einen Seite wurde ein würdiges Gedenken an die in der NS-Zeit ermordeten Kemeterinnen und Kemeter geschaffen, auf der anderen Seite soll die Erinnerung an die damaligen Geschehnisse eine Lehre für die Zukunft sein. Mit der Umsetzung der Erinnerungsstätte, samt digitalem QR-Code für weitere Informationen, konnten diese Ziele umgesetzt werden.“

Einweihung des Gedenksteines (Gestaltung: Andreas Lehner),
Sonntag, 3. April 2022; 14.00 Uhr, Friedhof Kemeten


 

BUCHTIPP

Gerhard Baumgartner,
Herbert Brettl

„EINFACH WEG“
Verschwundene Romasiedlungen im Burgenland

Das Buch dokumentiert mit archivarischen Quellen und zahlreichen Bildern die Gründung und Existenz der Siedlungen, das Schicksal ihrer Bewohner*innen, die Verfolgung und Zerstörung zwischen 1938 und 1945 und die Situation in der Nachkriegszeit.

Verlag new academic press
414 Seiten
ISBN 978-3-7003-2187-3


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