„Starke Männer“ führen Länder in Katastrophen

Er kennt sie alle gut, die meisten von ihnen sogar persönlich: die bedeutendsten politischen Persönlichkeiten der letzten Jahrzehnte. Mit spitzer Feder und sonorer Stimme beschreibt er präzise, was die Mächtigen in Europa und weltweit geschaffen, aber auch zerstört haben. Als profunder Osteuropaexperte und Buchautor brilliert er ausgerechnet im von Jungstars dominierten TV-Business: Der neunzigjährige Publizist moderiert nach wie vor das Europastudio des ORF. Seinen ersten Bericht für die „Financial Times“ schrieb er über das Burgenland. Im Jahr 2000 ging übrigens der Burgenländische Journalistenpreis an Paul Lendvai und Walter Reiss. Zwei Preisträger trafen einander zu einem prima! Gespräch.
Walter REISS / 30. Oktober 2019
Foto: LEXI

Walter Reiss hat den mehrfach ausgezeichneten und international anerkannten Journalisten Paul Lendvai in dessen Wohnung in Wien zum Gespräch getroffen.

 

Herr Prof. Lendvai, Sie zählen zu den letzten Überlebenden der Shoah. Was geht Ihnen durch Kopf und Seele, wenn Sie von rechtsextremistischen und antisemitischen Vorfällen und Morden wie zuletzt in Halle in Deutschland hören?

Paul Lendvai: Ich bin nicht überrascht. Verschiedene Berichte und Studien in Ländern der Europäischen Union zeigen, dass Rassismus und Antisemitismus leider noch nicht aus der Welt geschafft und in verschiedenen Varianten immer noch vorhanden sind. Kein Land bleibt davon verschont. Niemand hat das Recht, andere Staaten zu belehren. Man hat kein Recht, gegen moslemischen Extremismus aufzutreten, wenn man selbst ein weißer Rassist ist. Das gilt auch umgekehrt.

Auch für Israel gilt: Wer Palästinensern keine Rechte gewähren und die liberale Demokratie zu Hause nicht anwenden will, hat kein Recht, ein Urteil über andere Länder zu fällen. Besonders besorgniserregend ist die Lage in der ehemaligen DDR, denn dort gab es einen krassen Übergang vom Dritten Reich zu einer roten Diktatur. Gegen Ignoranz und Rassismus kann man nur ankämpfen mit einer Mischung aus Bildung und Härte.

Sie selbst haben beides in Ungarn erlebt und erlitten: eine braune und eine rote Diktatur. Und was kommt jetzt in Europa und weltweit: die politische Dominanz der „starken Männer“?

Paul Lendvai: Ja, sicher. Es ist eine Phase, die wir nun erleben. Das sieht man besonders deutlich von Ägypten bis Ungarn. Und dann gibt es eine Art „Reservemannschaften“ wie Matteo Salvini in Italien, der geglaubt hat, mit seinem Redeschwall und vielen Phrasen alles bewältigen zu können. Vielleicht ist das eine Welle, geprägt von Populismus und Nationalismus. Man hätte längst lernen sollen, dass die „starken Männer“ und Herrscher nicht notwendigerweise besser sind, sondern dass sie die Länder in Katastrophen führen. Das hat man ja in Deutschland und in Italien erlebt.

Weltmacht in Händen eines Scharlatans

Apropos „starker Mann“: Wie sehen Sie die Entwicklung in den USA?

Paul Lendvai: Wir wissen nicht genau, ob Donald Trump wirklich so stark ist. Stark an ihm ist das Mundwerk. Es ist aber tatsächlich besorgniserregend, dass eine Weltmacht in den Händen eines Scharlatans und Steuerhinterziehers ist. Ich habe überhaupt kein Vertrauen und große persönliche Sorge. Noch fünf oder gar sieben Jahre Trump könnten in einer Zeit der digitalen Kommunikation brandgefährlich sein. Wenn ein verantwortlicher Präsident, Regierungschef oder Ministerpräsident sozusagen über Nacht Twitter, Facebook oder SMS schickt, das ist unfassbar. Zudem hat Trump noch Verstärker, nämlich TV-Sender wie Fox News. Viele Menschen glauben ihm. Aber das ist eine alte Geschichte, die wir immer wieder erleben.

Dass viele Menschen einem „starken Mann“ folgen, sehen wir ja in Ungarn. Sie haben immer wieder Viktor Orbán und sein Regime in mehreren Büchern und Artikeln scharf kritisiert. In Ihrem Buch „Orbans Ungarn“ schreiben Sie: „Ungarn ist zu einem Fremdkörper im demokratischen Europa geworden.“ Wird diese Entfremdung weitergehen?

Paul Lendvai: Es wird nicht dramatisch schlimmer werden. Aber die Situation wird sich verfestigen. Es ist nämlich keine Ablöse von Orbán in Sicht. Er verfügt über persönliche Ausstrahlung, raffinierte Taktik und politische Begabung, aber auch über ein unglaubliches Maß an Zynismus. Er ist ein Wendehals erster Klasse. Durch Zersplitterung und Zerfall der Opposition, durch Kontrolle über Medien und Justiz wird ein Wandel immer schwieriger. Als Hoffnungsschimmer sehe ich, wenn bei den Kommunalwahlen Orbáns Partei FIDESZ in Budapest verliert. Aber es wird ein langer Weg sein.

Orbán, Doskozil und ein Dolchstoß

Ungarn und das Burgenland als ehemaliges Westungarn haben eine lange gemeinsame Geschichte. Zum aktuellen Verhältnis der Nachbarn haben Sie während des Nationalratswahlkampfs einen Kommentar in der Tageszeitung „Der Standard“ unter dem Titel „Hofer, Doskozil und Orbán“ verfasst. Sie kritisieren darin die Sympathien des Putin-Freundes Norbert Hofer für Orbán und einen offiziellen Besuch des mit der FPÖ regierenden Landeshauptmannes Hans Peter Doskozil in Budapest: „Sein demonstratives Techtelmechtel mit FPÖ und mit Orbán dürfte als Dolchstoß in den Rücken von Pamela Rendi-Wagner und der SPÖ gelten.“

Paul Lendvai: Wer weiß, ob er überhaupt noch Platz im Rücken Rendi-Wagners gefunden hat, es gab ja so viele Dolchstöße… Ich fand das unglaublich. Ich habe einen Brief aus Kreisen der Landesregierung bekommen, worin betont wird, dass ein offizieller Besuch zu den guten politischen Gepflogenheiten und normalen Beziehungen von Nachbarländern gehört. Aber das ist ja nicht die Frage.

Das Problem ist das Timing! Inmitten eines Wahlkampfes aus dem Burgenland – in dem dank Hans Niessl das rot-blaue Experiment gestartet wurde – im Stil eines Staatsbesuches zu Orbán zu fahren, das ist nicht sehr konstruktiv. Auch nicht konstruktiv seiner eigenen Partei gegenüber. Ich habe keine persönliche Animosität gegen Doskozil, aber ich bin kein begeisterter Anhänger der Regierungsbeteiligung einer Partei, die solche Probleme hat, wie sie im Ibiza-Video offensichtlich wurden.

Sie haben ja den Ausbruch der Causa Strache als „einen der schönsten, überraschendsten Tage meines Lebens“ bezeichnet und gemeint, dieser Skandal habe in Österreich „eine heilende Krise entfesselt.“ Sehen Sie – nach alldem, was nach Ibiza-Video und Nationalratswahl passiert ist, immer noch die Chance auf Genesung der Republik?

Paul Lendvai: Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Partei nie aus der Geschichte lernt.

Sie sind 1956 über Warschau und Prag aus Ungarn geflohen und 1957 nach Österreich gekommen. Sie haben als Wiener Korrespondent der „Financial Times“ gearbeitet und dabei das Burgenland kennengelernt.

Paul Lendvai: Ja, schon deshalb habe ich ein besonderes Verhältnis zum Burgenland: Ich habe nämlich Anfang der 1960er-Jahre als Korrespondent einen meiner ersten Berichte über Investitionen im Burgenland verfasst. Wenn ich die Situation von damals mit der heutigen vergleiche, muss ich sagen: Es ist unglaublich positiv, wie sich das Land entwickelt hat.

Das Burgenland hat einen großen Teil seiner Entwicklung den Förderungen aus EU-Mitteln vor allem in der Ziel-1-Periode zu verdanken. Aber gerade die Europäische Union kann auch hierzulande nicht mehr mit geradezu euphorischer Zustimmung wie 1995 rechnen. Wie sehen Sie als Europakenner diesen Image- und Vertrauensverlust?

Paul Lendvai: Es war Bruno Kreisky nicht der Erste, der gemeint hat, Dankbarkeit sei keine politische Kategorie. Übrigens ist sie das oft auch in menschlichen Beziehungen nicht. Es scheint schon psychologisch begründet zu sein: Wenn man etwas hat, möchte man mehr davon haben. Und ich glaube, auch in der Politik gibt es den Wunsch, den vorhandenen Aufbauprozeß noch mehr zu beschleunigen.

Mächtige im Porträt

Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „Die verspielte Welt“. Wer sind die Spieler, wer die Verlierer?

Paul Lendvai: Da muss ich sagen, dass es weder um Spieler noch um Verlierer geht. Dieser Titel war die Idee des Verlages. Ich habe einen Titel über Macht, Machtmissbrauch und deren Folgen für die Menschen bevorzugt. Aber wie so oft wollte der Verlag einen griffigen Titel, der sich gut verkauft. Und wie sich schon nach der zweiten Auflage zeigt, war das eine gute Idee. Ich zeige darin anhand von Porträts die verschiedenen Wirkungen von Macht: Positive und negative. Und ich schreibe auch darüber, wie man Chancen verspielen kann, etwa in Osteuropa.

Das Wichtigste in diesem Buch ist, dass ich die Bedeutung von Personen beschreibe. Zum Beispiel erwähne ich die sehr zerstörerische Haltung von Peter Handke in seiner Sympathie für Serbien und Slobodan Milošević oder die verdienstvolle Tätigkeit des in Wien geborenen britischen Verlegers Lord Weidenfeld, der so viel zur Versöhnung von Österreich und Deutschland mit dem Judentum beigetragen hat. Ich schreibe auch über George Soros, den ich persönlich kennengelernt habe. Sie finden darin auch Porträts von Persönlichkeiten aus Polen oder Mazedonien, die man vielleicht schon vergessen hat. Besonders interessant finde ich auch die Bedeutung Albaniens für Europa. Es ist – ähnlich wie die Ungarn – ein gespaltenes Volk mit bewegter Geschichte, historischen Belastungen und aufkeimendem Nationalismus.

Albaner leben nicht nur in Albanien, sondern im Kosovo, in Mazedonien, Montenegro und sogar in der Schweiz. Es sind interessante Menschen und Völker, die ich darzustellen versuche. Und das in einer Form, die nicht langweilig ist. Man muss nicht unbedingt in einem pseudowissenschaftlichen Jargon schreiben, damit ein Buch von Bedeutung ist. Es kommt darauf an, dass die Menschen auch verstehen, was man sagen will. Das zählt für mich in meiner Tätigkeit als Journalist und Zeithistoriker.

Guter Journalismus bleibt wichtig

Stichwort Journalismus: Sie gelten – ich zitiere den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch – als „einer der klügsten Köpfe Österreichs“ und sind einer der angesehensten und vielfach mit Auszeichnungen und Preisen bedachten Journalisten dieser Republik. Wie geht es Ihnen, wenn Sie von „Lügenpresse“ hören und dem pessimistischen Befund, dass man Qualitätsjournalismus bald mit der Lupe suchen muss?

Paul Lendvai: Ich halte den Journalismus und die Medien für ein Fundament der Demokratie. Ohne freie Presse, ohne freie Medien ist der Weg für die schlimmsten Systeme offen. Das erleben wir in Russland, das erleben wir in China. Das kann man auf Dauer nicht ignorieren, weil es zum Zusammenbruch von Strukturen und zu gefährlichen Situationen führt. Ich persönlich sehe im Journalismus einen faszinierenden Beruf, der nie langweilig wird. Leider wird der Beruf nicht sehr geschätzt, wie wir aus Umfragen wissen. Ein bekannter italienischer Historiker hat vor 30 Jahren gemeint, die Politik habe so abgewirtschaftet, dass sogar die Journalisten geschätzt würden.

Es gab immer Persönlichkeiten wie Hugo Portisch, der so viel für Erziehung und Aufklärung der Österreicher getan hat wie es der Leistung von mehreren Universitäten entspricht. Natürlich gibt es die Gefahr der Nivellierung, der Provinzialisierung und des Niveauverlustes durch die sozialen Medien. Journalisten bleiben genauso wichtig wie unabhängige Zeitungen, Radio und Fernsehen.

Wer so leidenschaftlich für journalistisches Wirken in Freiheit plädiert, wird wohl seine Passion nicht so schnell aufgeben. Werden Sie also weiter Analysen, Kommentare und Bücher schreiben?

Paul Lendvai: Ja, solange mein Kopf in Ordnung ist. Friedrich Torberg hat einmal in einer autobiografischen Skizze gesagt: „Ich mache alles weiter, bis mir etwas überzeugend misslingt.“ Das versuche ich auch. Der große Philosoph des Managements Peter F. Drucker hat als Neunzigjähriger noch Bücher und für den „Economist“ geschrieben, und der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, er wird im November 90, hat im Vorjahr drei Bücher und heuer eines mit 500 Seiten verfasst.

Die Grundlage meines Schaffens ist die Neugier. Solange man Interesse hat, neugierig ist und sich aufregt, ist es völlig unwichtig, wie alt man ist.
Bad Tatzmannsdorf


PAUL LENDVAI
Der heuer zu seinem Neunziger vielgefeierte und gewürdigte Journalist aus Passion schreibt unermüdlich weiter. Seine profunde Kenntnis der weltweiten und europäischen Zeitgeschichte, die Begegnungen mit politischen Größen, seine anhaltende Neugier und seine Kunst des verständlichen Schreibens haben ihn zu einem der prominentesten Journalisten Österreichs gemacht.

Der 1929 in Budapest als Sohn jüdischer Eltern geborene Paul Lendvai wurde 1944 mit seinem Vater verschleppt und hat dank eines Schweizer Schutzpasses in Budapest überlebt. 1953 wurde er verhaftet und erhielt drei Jahre Berufsverbot.

1956 floh er über Warschau nach Prag und kam 1957 nach Wien. Hier schrieb er für mehrere Zeitungen unter Pseudonym, um seine in Budapest verbliebene Mutter zu schützen.

Seit 1959 ist Paul Lendvai österreichischer Staatsbürger. Er war u.a. Korrespondent der Financial Times, gründete die Europäische Rundschau und war Leiter der Osteuroparedaktion des ORF und Intendant von Radio Österreich International und ist Moderator der Diskussionsreihe Europastudio im ORF.

Zu seinen unzähligen Ehrungen gehört auch der im Jahr 2000 verliehene Ehrenpreis des Burgenländischen Journalistenclubs.

Das Buch „Die verspielte Welt – Begegnungen und Erinnerungen“ ist das jüngste von bisher 18 Büchern, die Prof. Paul Lendvai als exzellenter Kenner der Entwicklung Europas, Biograf von Bruno Kreisky und scharfer Kritiker des Orbán-Regimes verfasst hat. Er ist wie kaum ein anderer in der Lage, selbst erlebte Historie vor aktuellem Hintergrund zu analysieren.

Veranstalter: Concentrum, Klangherbst Stadtschlaining, Büchertraum Bad Tatzmannsdorf, Verein Zukunft Stadtschlaining

Di, 12. November 2019, 19.30 Uhr
REDUCE Kultursaal

Paul Lendvai gilt als profunder Kenner Ost- und Südosteuropas. Nach wie vor leitet er die Sendung Europastudio des ORF.

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