Nicole MÜHL / 28. Dezember 2025
© Nicole Mühl
Kurt Balazs in seinem Bierarium, in einem der sieben Räume. Er zeigt eine Bierdose, die eigentlich ein Fotoapparat ist. Ein skurriles Stück, selbst unter den mehr als 13.000 Dosen, die ihn umgeben. Daneben seine älteste Dose, eine amerikanische, fast achtzig Jahre alt.
Es war ein Sonntag, etwa sieben Uhr in der Früh, erinnert sich Kurt Balazs, als bei ihm das Telefon läutete. Draußen war Oberwart noch still, im Haus schliefen die beiden Katzen irgendwo zwischen Sofa und Fensterbank. Am Apparat: ein Mann aus Bhutan – oder genauer gesagt: ein Österreicher, Optiker aus Wiener Neustadt, der vor Jahrzehnten in den Himalaya ausgewandert war und meinte, dass er jetzt wieder da wäre.
Vor rund dreißig Jahren hatte Kurt Balazs ihm einen Brief geschrieben. Er kannte nur den Namen und das Land, keine Straße, keine Postleitzahl. Aber er hatte in der Sonntagskrone gelesen, dass eben dieser Österreicher nach Bhutan auswanderte und Kurt Balazs dachte sich: Das wäre doch eine Gelegenheit, um zu Bierdosen aus dem Himalaya zu kommen. Jahrzehntelang bekam er keine Antwort auf seinen Brief – bis eben zu jenem Sonntag. Da stand dieser Mann dann ein paar Stunden später plötzlich am Bahnhof in Oberwart (ja, damals gab es den noch) und zog eine volle Bierflasche aus Bhutan aus der Tasche. Bierdosen, die eigentliche Sammelleidenschaft von Kurt Balazs, gab es dort nicht, aber das war an diesem Tag egal. Diese Flasche ist der Beweis dafür, wie weit Sammelleidenschaft tragen kann – geografisch und menschlich.
Kurt Balazs, ehemaliger Leiter der Bezirksblätter Oberwart, hat immer schon Menschen begleitet und Verbindungen geschaffen. Doch der Ort, an dem sich heute seine Welt verdichtet, liegt im Keller seines Hauses. Auf rund 150 Quadratmetern hat er dort das eingerichtet, was er selbst mit einem Augenzwinkern das „wahrscheinlich größte Privatbrauerei-Souvenir-Museum Österreichs“ nennt: das Bierarium. Dass all das Platz findet, war nicht selbstverständlich. Mehr als 13.000 Bierdosen stehen dort in Regalen, die noch sein Vater für ihn nach Maß gebaut hat. Sieben Räume sind es insgesamt. Wer hier zum ersten Mal ist, könnte sich schon verlaufen. Keine Dose fällt aus der Reihe. Alle sind mit der Vorderansicht dicht nebeneinander angeordnet. Alle außerdem abgespeichert im Kopf des Sammlers. Oft reicht ein Blick, und Kurt Balazs weiß, ob er eine Dose schon hat und wo sie steht. Daneben über 6.000 Bierflaschenöffner, unzählige Gläser, Krüge, Schilder, Merchandising-Artikel. Dinge, die andere längst weggeworfen hätten – und die bei ihm zu Trägern von Geschichten werden. Abgestaubt werden seine Schätze von ihm permanent. „Immer ein anderer Raum, immer ein anderes Regal“, erzählt er. Denn Ordnung ist ihm auf allen Ebenen wichtig.
Der Anfang einer lebenslangen Leidenschaft
Begonnen hat alles vor fünfzig Jahren auf der Maturareise in El Arenal, heute besser bekannt als Ballermann 6. Eine reine Bubenklasse, Sonne, Meer, Freiheit – und ein Lokal, in dem man eine Stiege hinunterging und an dessen Wänden Bierdeckel klebten. Etwas, das im Gedächtnis von Kurt Balazs hängen blieb. Danach kamen Bundesheer, Studium in Wien, ein Zimmer im Haus Burgenland 2 im sechsten Bezirk. Im „Kurier“ las er dann zufällig von einem Mann, der in Wien den ersten österreichischen Bierdosensammlerclub gründen wollte: den First Austrian Beer Collectors Club, FABCC. Kurt rief an, stellte fest, dass der Initiator nur zwei Minuten zu Fuß entfernt wohnte – und lernte den Mann kennen, der damals die Nummer eins in Europa war, mit rund 5.000 Dosen.
Sammler sind glückliche Menschen, denn sie wissen die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen.
Von da an hatte sein Freitag einen neuen Fixpunkt. Wenn Kurt Balazs von Wien heimfuhr, hatte er einen Sack voller Bierdosen im Gepäck. Die ersten paar hundert kamen so zusammen. Keine plötzliche Obsession, eher ein stetig wachsendes Geflecht aus Kontakten, Tauschgeschäften und Neugier.
Geschichten, die man nicht planen kann
Mit dem Internet öffnete sich die Welt noch weiter. Amerikanischer Sammlerverein, afrikanischer Verein – bei letzterem stammen die meisten Mitglieder nicht aus Afrika, sondern aus aller Welt. Kurt schreibt Briefe, verschickt Fotos, markiert Dosen, die andere wollen, und bekommt im Gegenzug, was ihm fehlt. Er sagt, er sei noch nie „eingefahren“ – noch nie enttäuscht worden. Vielleicht, weil man einander in diesem Kosmos anders begegnet. Sammler verstehen sich.
Inzwischen hat Kurt Balazs Bierdosen aus 181 Ländern. Dass neue Länder dazukommen, ist oft eine Geschichte für sich. Als seine Nachbarn auf den Seychellen Urlaub machten, standen sie danach vor der Tür mit drei vollen Bierdosen, zwei Öffnern, Bierdeckeln – als Mitbringsel für das Bierarium. Die Freude war riesig. „Sammler sind glückliche Menschen, denn sie wissen die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen“, betont Kurt Balazs.
Ein anderer Tauschpartner sitzt in Russland. Der schickte nicht nur Dosen, sondern gleich die traditionellen Puppen seines Landes mit – Matrjoschkas, die heute zwischen Dosen, Gläsern und Öffnern ihre eigene, stille Präsenz haben.
Und dann ist da noch jener Deutsche, der eines Tages von München nach Oberwart durchfuhr, vor dem Haus von Kurt Balazs den Kofferraumdeckel aufmachte, zwei riesige Schachteln mit Flaschenöffnern heraushob und sagte: „Kurt, nimm dir, was du brauchen kannst“, einen Kaffee trank – und wieder nach München zurückfuhr. Für Außenstehende wirkt das verrückt. Für Kurt Balazs ist es schlicht ein weiterer Beweis: Sammler sind eine eigene Spezies. Und sie nehmen Umwege in Kauf, ohne dass sie sich wie Umwege anfühlen.
Solche Begegnungen gibt es viele. Etwa das Ehepaar aus Wien, das eine Sommerresidenz in Lutzmannsburg hatte, leidenschaftlich gern reiste und Bier trank. Nach ihrem Besuch im Bierarium bekam Kurt viermal im Jahr ein Paket mit der Post. Dosen aus der Türkei, aus Schweden, von irgendwoher – für ihn jedes Mal kleine Signale: „Aha, dort waren sie jetzt.“ Die beiden sind inzwischen verstorben, doch ihre Dosen stehen noch in Oberwart. Menschen wie sie haben Spuren hinterlassen in den Regalen.
Was den Sammler am meisten fasziniert, ist das Design, die Ideen der Brauereien. Vom Bierdeckel über Feuerzeuge, Kugelschreiber, Aschenbecher bis zu Sesseln und Uhren: Merchandising als eigene Welt. Einmal rief die Bitburger Brauerei bei ihm an und fragte, was er brauchen könne. Kurt sagte nur: „Alles.“ Eine Woche später standen zwei große Kartons vor der Tür, vom Sessel bis zur Dart-Pfeile-Uhr. So etwas passiert jemandem, den man in der Branche kennt und schätzt, weil er nichts wegwirft und nichts am Flohmarkt verscherbelt, sondern herzeigt. Werbung im besten Wortsinn.
Seine Frau Monika hat das alles mitgetragen – die Ausrichtung der Urlaube nach Brauereibesuchen, die vielen Gäste im eigenen Haus, die Zeit ihres Mannes im Bierarium. Vor eineinhalb Jahren ist sie gestorben. Ein schwerer Schicksalsschlag für Kurt Balazs. Nach ihrem Tod waren es die Menschen, die ins Bierarium kamen, die ihm Trost spendeten. Unten in der Sitzecke, wo schon immer viel Privates geredet wurde. „Es ist ein besonderer Ort“, sagt er. Ein bisschen was von einem Wohnzimmer zwischen Regalen. Was hier erzählt wird, bleibt hier. Selbst wenn Politiker bei ihm sitzen, reden sie über alles Mögliche, nur nicht über Politik. Hier lernt Kurt Menschen anders kennen, als man sie von außen einschätzen würde. Die Sammlung ist dabei nur der Anlass. Das Eigentliche sind die Begegnungen.
Die Welt denkt an ihn
Fernsehteams waren auch schon da, viele Male. ORF, ATV, ServusTV, auch Ö3 – dort wurde das Bierarium zum zweitskurrilsten Museum Österreichs gekürt. Auch STS stehen im Gästebuch. Neben Boris Bukowski, Opus, Thomas Stipsits, Klaus Eckel, Ulli Bäer, Gary Lux – und natürlich Bierpapst Conrad Seidl, für Kurt Balazs eine besondere Auszeichnung.
Und doch ist für den Sammler Kurt der unspektakulärste Moment der schönste: wenn die Post kommt, ein Paket dabei ist, er es öffnet und nicht weiß, was ihn erwartet. „Es ist ein bisschen wie Weihnachten“, sagt er. Gerade, wenn darin Dinge sind, mit denen er nicht gerechnet hat. Eine Dose aus einem Land, das ihm noch fehlt. Ein Öffner mit ungewöhnlichem Motiv. Etwas, das ihm zeigt: Jemand, irgendwo auf der Welt, hat an ihn gedacht.
Was er gerne noch haben möchte: eine Bierdose aus Monaco. „Denn angeblich gibt es dort gar keine Dosen“, schmunzelt er.
Ein Sammler wie Kurt Balazs weiß, dass das Glück oft in kleinen Dingen liegt. Manchmal in einer Dose. Manchmal in einem Gespräch. Denn seine Sammelleidenschaft ist ein Netz aus Begegnungen, das von Oberwart aus in die Welt reicht.


Was Kurt Balazs besonders fasziniert, ist oftmals das Design der Dosen und die Kreativität der Brauereien.

Kurt Balazs in der Sitzecke in seinem Bierarium – ein Platz für besondere Gespräche.

Der Sammler hat rund 13.000 Bierdosen und rund 6.000 Bieröffner aus 181 Ländern.

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