Da leg ich meinen Hobel hin…

Woody Allen hat einst gemeint: „Ich fürchte mich nicht vor dem Tod, ich möchte nur nicht zuhause sein, wenn er kommt.“
Feri TSCHANK / 29. Oktober 2020

Jetzt um Allerheiligen, wenn die Gräber geschmückt sind, die Kerzen brennen und die Menschen, manche mit Tränen in den Augen, vor den Gräbern ihrer verstorbenen Lieben stehen, denkt man wieder vermehrt an all die, die man zurückgelassen hat. Die Freunde, die nicht mehr sind und von denen man geglaubt hat, sie würden ewig leben. Geschwister, von denen man geglaubt hat, sie würden einem immer beistehen in Zeiten der Not – auch Eltern und Verwandte. Mit jedem von ihnen ist unsre Welt etwas kleiner geworden. Das Leben endlich, der Tod vielleicht nicht mehr so fern.

Ich habe mich bis heute noch nie getraut, jemanden im fortgeschrittenen Alter zu fragen, wie er es denn mit dem Tod halte. Gar nicht so sehr aus Angst vor der Antwort, sondern weil ich glaube, dass der Tod letztendlich etwas sehr Intimes ist, das wohl jeder mit sich selbst klären muss. Interessieren würde mich aber schon, was all die Nazis gedacht haben, die Juden vergast, ganze Dörfer in Kirchen getrieben haben, die Türen verrammelt und die Kirchen angezündet haben. Kann sich jemand das Leid dieser Menschen vorstellen? Mit welchen Gedanken liegt so jemand auf dem Sterbebett? Möglicherweise noch versehen mit der letzten Ölung.

Also wenn ich eines weiß, sollte es wirklich so was wie einen Himmel geben, dort wird man nicht auf ihn treffen. So ein Leben nach dem Tod hat für mich schon was, denn diese Menschen müssten dann, wenn nicht schon zu Lebzeiten, dann doch danach für ihre Taten zahlen. Nicht so, dass die ganzen Arschlöcher in der Hölle unter sich sind, die große Masse ein paar tausend Jahre das Fegefeuer schürt und der kleine Rest im Himmel Harfe spielt.

Viel eher so, dass die Zündler jeden Tag in der abgefuckten Kirche den Tod eines jeden Einzelnen sterben müssen, mit Angst, Schmerzen und Verzweiflung. Und wenn dieser Zündler das einmal durchlebt hat, darf er wieder von vorne beginnen und wieder und wieder. So stell ich mir eine Hölle vor.

Den Gierigen und Neidern, den Mobbern und Dieben, den Vergewaltigern und Misshandlern ins Tagebuch geschrieben: Auch wenn eure Taten unentdeckt bleiben, eure Sünden sind nicht vergessen und niemand kann euch davon freisprechen. Auch, wenn man täglich Gutes tut, das Schlechte hat Bestand. Die Energie, die dafür aufgewendet wurde, bleibt ebenso bestehen wie das Gute, das man getan hat.

Vielleicht ist die Summe all dieser Taten und die Energie, die dafür aufgewendet wurde, das, was man Seele nennt. Die buddhistische Version, dass man so lange als Lebewesen auf dieser Erde wieder geboren wird, bis man aufgrund eines außergewöhnlichen Lebens in eine vierte Dimension absteigen kann, gefällt mir eigentlich recht gut. So finden sich möglicherweise manch besonders grässliche Exemplare der Menschheit als Maikäfer wieder und werden alle vier Jahre vergast, um als Engerling wieder einen neuen Zyklus zu starten und der Weg vom Engerling zurück ins menschliche Dasein kann schon etwas dauern. Beinahe eine Ewigkeit, um es genau zu sagen.

Also versuche ich – und ich bin bei Gott nicht Zeit meines Lebens ein Heiliger gewesen – ein halbwegs wohlgefälliges und sündenfreies Leben zu führen, um einst auf dem Totenbett keine Angst vor dem Jenseits zu haben, sondern nur die Angst (und die wiegt schwer genug), nicht mehr für meine Lieben da sein zu können.

Ein jüdischer Fluch lautet: Ich wünsche dir, dass du nicht sterben kannst. Viele Ungustl werden ja oft sehr alt, sind alleine, bösartig und gemein und voll Angst vor dem Tod und dem, was danach vielleicht kommt. Wir – „die Guten“ – halten es so, wie ein Mönch einst gesagt hat: Sterben ist das Einfachste der Welt, man atmet aus und nicht mehr ein.

Der griechische Philosoph Epikur hat gemeint, der große Schmerz dauert nie lange. Darum versuche ich es so zu halten, wie der Valentin in seinem Hobellied: „Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub und zupft mi: ‚Brüderl, kumm!‘, da stell‘ ich mich am Anfang taub und dreh mi goa ned um. Doch sogt er: ‚Lieber Valentin, moch‘ kane Umständ‘, geh!‘, da leg ich meinen Hobel hin und sag der Welt ade.“

Bis dahin aber uns allen noch viele schöne Jahre in Freude und Gesundheit!

Ihr Feri Tschank


Feri Tschank

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