Aus dem Leben einer Landwirtin

Ihre Stimme ist so laut, dass eine Diskussion mit ihr für Zartbesaitete eine Herausforderung sein kann. Maria Portschy gilt auf gut burgenländisch als „goschert“. Eine, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Was sie sagt, sagt sie mit Nachdruck. Die Landwirtin aus Podler bewirtschaftet mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn rund 300 Hektar Land. Nur bei einem Thema versagt ihr die Stimme: wenn sie von der Liebe ihres Lebens erzählt.
Nicole MÜHL / 1. November 2023
Foto©Nicole Mühl

Maria Portschy aus Podler ist Bezirksbäuerin und Vorsitzende des Pflanzenbauausschusses in der Landwirtschaftskammer Burgenland. Die Landwirtin führt den Betrieb mit 300 Hektar gemeinsam mit ihrer Tochter Lisa und ihrem Schwiegersohn David. 

 

 

Mit den kurz geschnittenen hochgestylten Haaren würde Maria Portschy genauso gut auf ein Rock Konzert passen. Die Bühne, die sie bespielt, ist aber eine völlig andere: Ackerland, auf dem Weizen, Raps, Soja, Mais angebaut werden. Kein Tag vergeht, an dem sie nicht auf dem Feld ist. „Einen Spaten hast du als Landwirtin immer mit im Auto. Man muss ja schauen, wie es dem Boden geht.“ Seit Jahren ist die Begrünung der Felder ein großes Thema im Betrieb. „Die mischen wir selber. Wegen dem Humusaufbau“, sagt sie. Gepflügt wird schon seit vielen Jahren nicht mehr. Was früher als typisches Bild des Landwirtes galt, ist längst überholt. Das Bodengefüge und das Bodenleben würden durch den Pflug massiv gestört werden, erklärt die Bäuerin. Nach der Ernte bleiben die Wurzeln, Stoppeln und Blätter auf dem Feld. Als Begrünung kommen Sonnenblumen, Hirse, Phacelia und bis zu acht weitere Mischungen dazu. Biodiversität ist das Ziel. Die Blütenvielfalt ist wichtig. „Damit ist auch die Vielfalt im Boden gegeben. Der wertvolle Stickstoff kommt hinein. Der Boden wird gelockert und aktiviert“, erklärt die Landwirtin. 

Dennoch gilt der Betrieb als konventionell geführter, „weil wir Pflanzenschutz verwenden“, sagt Maria Portschy mit Nachdruck. Auf den Begriff „Pestizid“ reagiert sie verärgert. „Da würde ich mir mehr Vertrauen in die Landwirte wünschen. Die wissen, was sie tun“, sagt sie. 

 

Widrigkeiten

Auch die Bio-Schiene des Landes stößt ihr bitter auf: „Weil Regionalität wichtiger sein muss als Bio“, kritisiert sie. Zu viele Vorschriften würden die Versorgungssicherheit gefährden. „Alles was früher gut war, ist heute verboten“, klagt sie.

Ihre Stimme erhebt sie als stellvertretende Bezirksbäuerin und Vorsitzende des Pflanzenbauausschusses in der Landwirtschaftskammer Burgenland auch an anderer Stelle. „Das Getreide aus der Ukraine für die Versorgung von Entwicklungsländern landet derzeit in Österreich, weil die üblichen Transportwege durch den Krieg unterbrochen sind. Dieses Getreide verursacht bei uns einen enormen Preisverfall“, sagt sie. Auch jene Landwirte, die fixe Verträge haben, können laut Portschy nicht aufatmen. „Durch diesen Überschuss an Getreide wird die Ware nicht abgeholt, obwohl sie vertraglich abgesichert ist. Die Silos sind voll und die nächste Ernte wartet schon“, zeigt Maria Portschy auf. Gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer fordert sie von der EU eine Versiegelung der Getreidetransporte, die aus der Ukraine stammen. Schlaflose Nächte habe sie zur Zeit viele, sagt sie. Aber sie hat gelernt, dass man als Landwirtin immer flexibel sein muss. Kein Jahr ist wie das vorige. 

 

Der Weg

Als vierte Tochter wurde sie in den Landwirtschaftsbetrieb ihrer Eltern in Unterkohlstätten hineingeboren. „Wir waren Nebenerwerbsbauern. Die Eltern gingen arbeiten. Der Vater im Drei Schicht-Betrieb im nahe gelegenen Antimonbergwerk. Die Mutter hat im Zwei-Schicht-Betrieb in der Krankenhausküche in Oberwart gearbeitet“, blickt sie auf ihre Kindheit. Wenn die Eltern in der Arbeit waren, mussten die Kinder anpacken. Futter holen, Stall ausmisten, Kühe melken. „Nicht mit der Maschine. Mit der Hand“, sagt sie und lacht. In Frage gestellt hat sie dieses Leben nie. In Oberwart hat sie dann Floristin gelernt und später in der Fleischerei ihrer Schwester mitgearbeitet. Dann hat sie „die Liebe ihres Lebens“ getroffen: Helmut Gottfried. Dass er Landwirt war, hat zusammengepasst wie Topf und Deckel. „Wir waren quasi 24 Stunden am Tag zusammen, haben alles gemeinsam gemacht und entschieden. Jede Weiterentwicklung im Betrieb gemeinsam getragen“, erzählt sie. Auch die hundertprozentige Ausrichtung auf den Ackerbau oder den Bau einer großen Halle zur Lagerung. Was sie heute über die Landwirtschaft weiß, verdanke sie ihm. Die gemeinsamen Töchter Viktoria und Lisa seien immer ihr größtes Glück gewesen.

2015 dann die Diagnose bei ihrem Mann, die der Familie den Boden unter den Füßen wegriss: Speiseröhrenkrebs. Der Kampf endete zwei Jahre später. Helmut Gottfried starb im Alter von nur 53 Jahren. Seine drei Enkelkinder durfte er nicht mehr kennenlernen. Über diese Zeit kann Maria Portschy heute, sechs Jahre später, immer noch nicht gut reden. Sein Wunsch, dass seine Tochter Lisa in seine Fußstapfen tritt, ging aber in Erfüllung. „Er wäre unfassbar stolz auf sie“, sagt Maria Portschy mit gebrochener Stimme. 

Aufgeben war für sie nie eine Option. Dennoch gibt es immer wieder Tage, wo der Schmerz übermächtig wird. Wenn sie dann auf dem Feld ist bei der Arbeit und hinaufblickt, dann nimmt aber ein anderes Gefühl Raum ein. Jenes zwischen Glauben und Hoffen und dass es weitergehen muss – wie immer. 


Kommentare

Aus dem Leben einer Landwirtin

Einen Kommentar hinterlassen: