Der Hundertjährige, der gar nicht so alt werden wollte

Er wurde geboren, als das Gebiet des heutigen Burgenlandes noch zu Ungarn gehörte. Mit 20 wurde er im Zweiten Weltkrieg zum Kampfflieger ausgebildet. Später war er Direktor des Gymnasiums Oberschützen. Am 19. März wird Johann Werthner 100 Jahre alt. Als Pilot wurde er als draufgängerisch bezeichnet. Als Direktor zeigte er Ecken und Kanten. Aus dem Leben eines Hundertjährigen.
Nicole MÜHL / 27. Februar 2020
Foto: Lexi

Der ehemalige Direktor des Gymnasiums Oberschützen, Hofrat Johann Werthner im Gespräch mit prima! Herausgeberin Nicole Mühl über sein 100-jähriges Leben. Johann Werthner wurde mit 20 Jahren zum Krieg einberufen und meldete sich freiwillig zum Jagdflug. Bis zu seinem Abschuss Anfang 1945 absolvierte er 60 Feindflüge. Nach dem Krieg studierte er Biologie und Physik und wurde 1969 Direktor des Gymnasiums Oberschützen. Diese Funktion hatte er 13 Jahre inne – bis zu seiner Pensionierung 1983.

 

„Ich träume fast jede Nacht davon“, Johann Werthners Blick geht ins Leere. Seine Hände, mit denen er das gesamte Gespräch über gestikuliert, ruhen ineinander verschränkt vor seiner Brust. Er sieht heute noch den gegnerischen viermotorigen englischen Bomber unter sich. „Mein Mechaniker sagte ‚Lass sie leben. Der Krieg ist eh bald aus‘.“ Johann Werthner redet so langsam, dass man seine Worte mitschreiben könnte.

20 Jahre war er alt, als die Einberufung kam. Das war im Jahr 1940. Von da an absolvierte er eine Flugausbildung nach der anderen. Damit er nicht an die Front musste, habe er es hinausgezögert, sagt er. Bis zur Nachtjagdausbildung.

Ab September 1943 war er dann im Einsatz als Fernnachtjäger. Die JU88 war seine Maschine. Seine Gegner waren die Engländer. „Viermotorige Bomber“, fügt er hinzu. „Dass wir den Krieg verlieren, war mir bewusst, als ich an die Front kam. Die Engländer waren uns weitaus überlegen.“ Dennoch seien sie, die deutschen Jagdflieger, gefürchtet gewesen, sagt er. In Frankfurt habe er vor Jahren an einem Treffen mit den einstigen englischen Gegnern teilgenommen. Dort habe er von einem Engländer eine Fliegerjacke der Royal Airforce geschenkt bekommen. Eine freudige Begegnung soll es gewesen sein.

Erklärungen

An seinen ersten Abschuss hat Johann Werthner noch jede Erinnerung. Westlich von Hannover war es. Die gesamte englische Besatzung kam dabei ums Leben. Wer nach zehn Einsätzen keinen Abschuss hatte, wurde zur gefürchteten Luftwaffe nach Russland abkommandiert. Immer wieder hat er später nach englischen Soldaten gesucht. Johann Werthner klopft mit seinen langen, dünnen Fingern auf ein Foto in dem Album vor sich. „Eine englische Besatzung“, erklärt er. Er habe ihre Maschine über England abgeschossen. Nur einer überlebte. 1996 sei dieser verstorben. Er habe lange nach ihm gesucht. Ja, fast jede Nacht träumt er vom Krieg.

Politik habe ihn und seine Kameraden nicht interessiert, betont er. „Wir waren keine Nazis. Hätten wir von den Konzentrationslagern gewusst, wären wir desertiert. Aber es gab die Sippenhaftung. Die gesamte Familie wäre dann ermordet worden.“

„Eigentlich wäre ich gern Arzt geworden“

Im Jänner 1945 wurde er dann selbst abgeschossen. Armbruch. „Da war dann für mich der Krieg vorbei“, sagt er. Im Luftwaffenhospital war er bis Kriegsende 1945. Genau zum Muttertag sei er heimgekommen nach Neustift und hat sich vor den Russen versteckt. Ein Mädchen aus dem Ort hat ihn verraten. Nur knapp konnte er fliehen.

Als die Russen abzogen, ging er nach Wien, um Medizin zu studieren. „Da waren aber schon 14.000 angemeldet. Also hab ich mich für Biologie und Physik eingeschrieben“, sagt er. Flink springt er auf und holt ein kleines Buch, während er leise vor sich hin murmelt. Sein Studienbuch. „Damals mussten wir für jede Vorlesung und Übung bezahlen. Ich hatte ja während des Krieges als Pilot ein Gehalt bekommen. Das habe ich mir zusammengespart und konnte damit mein Studium finanzieren“, erzählt er.

In Mindestzeit hat er es geschafft. Danach begann er im Gymnasium Oberschützen als Lehrer. Oberschützen sei die Brutstätte der illegalen Nazis gewesen. „Das Anschlussdenkmal“, sagt er plötzlich und blickt auf. „Haben Sie es gesehen?“ Als Schüler habe er selbst Steine rauftragen und mitarbeiten müssen.

Nicht lange herumgefragt

1969 wurde er Direktor. Das möchte er heute nicht mehr sein. „Zu viel Bürokratie“, erklärt er. Der Zubau der Schule fiel in seine Ära. Zehn Millionen Schilling habe er vom Land dafür bekommen. „4,5 Millionen habe ich wieder zurückgeschickt. Den Turnplatz und Tennisplatz habe ich mir selbst bewilligt. Da habe er nicht lange gefragt. Dafür kam ein Tadelbrief vom Land“, erzählt er. „Den habe ich nicht einmal beantwortet. Wenig später folgte ein Belohnungsscheck von 5.000 Schilling. Für den sparsamen Zubau“, seine Mundwinkel verziehen sich zu einem leichten Schmunzeln nach oben.

1983 ging er in Pension. Seit dem Tod seiner Frau lebt er allein. Eine Haushälterin kommt täglich, um zu kochen und für die Erledigungen des Alltags. Wenn es schön ist, verbringt er heute noch jeden Tag am Flugplatz in Pinkafeld. Bis vor zehn Jahren ist er selbst geflogen. Jetzt lassen die Augen nach, aber oft wird er von einem der Sportflieger mitgenommen.

Zwei Söhne hat er. Der älteste ist an Krebs verstorben, erzählt er und schweigt dann für ein paar Augenblicke. Aber zwei Enkelkinder und fünf Urenkerl hat er. Und stolz berichtet er dann von ausgezeichneten Schulerfolgen der Jüngeren und von der Karriere seines Sohnes als Dekan.

Am 19. März wird er 100. „Leider“, sagt er. So alt wollte er nie werden. Auf die Feierlichkeiten könne er verzichten. Bereuen tut er vieles in seinem Leben. Dass er zu früh geheiratet hat, etwa. Die Jahre als Nachtjagdflieger bereut er nicht. Das waren für ihn die prägendsten, sagt er und blickt wieder ins Leere.

Wünsche an das Leben hat er keine mehr. „Was soll ich mir noch wünschen?“, meint er und zieht seine Schultern kurz hoch. Was wohl der perfekte Tag für den hundertsten Geburtstag wäre? Vielleicht im Flieger zu sitzen, die Maschinen starten und abheben. Einfach verschwinden.


Johann Werthner

Bei einem Treffen mit den einstigen englischen Gegnern erhielt Johann Werthner von diesen eine Fliegerjacke der Royal Airforce als Geschenk.

Das Foto der englischen Besatzung, die Johann Werthner über Tilburg abgeschossen hat.

Die JU88 von einem desertierten Freund von Johann Werthner. Fotograf LEXI hat die Maschine in Hendon (RAF Museum) aufgenommen. Die Maschine hatte das neueste deutsche Radarsystem an Bord.

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