„Die beste Investition meines Lebens“

Ingrid Taucher aus Oberschützen ist keine, die die Dinge mit Samthandschuhen angreift. Disziplin und Menschlichkeit erwartet die AHS-Professorin von anderen und beginnt damit bei sich selbst. Und wäre sie nicht auch stur, hätte sich das Leben so mancher nicht derart positiv verändert. So wie jenes von Shapoor. Als 17-Jähriger ist er aus Afghanistan vor den Taliban geflohen. Ein Zurück hätte seinen Tod bedeutet, sagt er. Ingrid Taucher und die Frage: Was ist ein Menschenleben wert?
Nicole MÜHL / 1. März 2021 / Podcast am Seitenende
Foto: Lexi

„Jetzt holen sie ihn“, schießt es Ingrid Taucher durch den Kopf, als es an der Tür läutet. Vom Fenster aus sieht sie die Umrisse der Polizei. Zu zweit sind sie gekommen. Ingrid Taucher überlegt fieberhaft, aber sie merkt, dass sie jetzt nichts mehr tun kann. Sie gibt sich einen Ruck, geht zur Tür und öffnet. „Ja bitte?“, sagt sie. Sie kennt die beiden Polizisten gut. In Oberschützen kennt jeder jeden. Die Frage nach ihrem Auto erstaunt sie. Es gehe um eine Überprüfung der Automarke, die sie fahre. Ingrid Taucher merkt, wie ihr Herz wieder zu schlagen beginnt. Ein kurzer Blick der Polizisten auf den Wagen in der Garage. Wenige Minuten später sind sie weg.

Ingrid Taucher geht durch den Garten und läutet bei der Wohnung ihres Patensohnes Shapoor. Verängstigte Augen blicken ihr entgegen, als die Tür langsam aufgeht. „Es ist alles gut“, sagt sie. „Sie nehmen dich nicht mit.“ „Noch nicht“, denkt sie. Aber sie schwört sich, dass sie es nicht so weit kommen lässt. Das war im Jahr 2016.

Noch heute erinnert sich die AHS-Lehrerin an diese Situation bis ins Detail. Begonnen hat alles im Sommer 2015. Von der Flüchtlingswelle war allerorts die Rede. Auch in Oberschützen wurde ein Grundversorgungsquartier für Asylwerber errichtet. Im Juni ist Ingrid Taucher dann erstmals eine Gruppe junger Pakistaner und Afghanen im Ort aufgefallen. Beim Schulfest. Die Burschen sind am Rand gestanden und haben zugeschaut. Das Lachen und die vielen fröhlichen Menschen haben sie etwas mutiger gemacht und näher kommen lassen. „Die Bevölkerung hat zum Teil nicht gewusst, wie sie damit umgehen soll. Auch die Schulkinder nicht“, erinnert sich Ingrid Taucher. Einen Erstklässler hat sie schreien gehört, dass er jetzt hingeht und den Ausländern eine reinhaut.

Ingrid Taucher ist AHS-Professorin für Englisch und Spanisch am Gymnasium Oberschützen. Sie lebt auch in dieser Gemeinde. Unmittelbar nach dem Schulfest im Juni 2015 ging sie zum Bürgermeister – damals war das Günter Toth. „Wir müssen etwas tun“, hat sie zu ihm gesagt. Menschlich habe dieser reagiert, sagt sie. „Und effizient in seinen Entscheidungen.“ Innerhalb weniger Tage hat sich eine Gruppe von Freiwilligen gefunden. Deutschunterricht, Fahrtendienste, „da sind so viele Dinge angefallen, wo diese traumatisierten Menschen Hilfe gebraucht haben“, erzählt Ingrid Taucher.

Shapoor

Er kam als 17-Jähriger von Afghanistan nach Österreich. Den halben Weg legte er zu Fuß zurück. Geflohen vor den Taliban. Er wusste, dass sie ihn bereits im Visier hatten. Dann, in Österreich, kam er nach Traiskirchen, Braunau, Redlschlag, Oberschützen. Grundversorgungszentren heißen die Unterbringungen für Geflüchtete. Jahrelang keine Perspektive, Angst vor einer Ablehnung des Asylantrages. „In Oberschützen konnte ich dann irgendwann nicht mehr. Alles in meinem Leben war negativ. Ich wusste nur, wenn ich nicht in Österreich bleiben darf und zurück nach Afghanistan muss, werde ich sterben“, erzählt Shapoor. Mittlerweile war er bereits knapp fünf Jahre in Österreich. Dann lernte er Ingrid Taucher kennen. Wäre sie nicht Lehrerin, wäre sie wahrscheinlich Feldwebel geworden, hat eine Klasse einmal in einer Maturazeitung über die AHS-Professorin geschrieben. Darüber muss Ingrid Taucher heute noch lachen. Aber Disziplin ist nun einmal wichtig, sagt sie. Und Menschlichkeit. Mit dieser Haltung hat sie auch das Schicksal von Shapoor in eine andere Richtung gebogen.

Ein Spießrutenlauf

Zwei Jahre hat Shapoor bei Ingrid Taucher gewohnt – in der Einliegerwohnung ihres Hauses. Nicht nur mietfrei. Sie bezahlte auch Strom und alle Kosten, die anfielen. Freundeskreis und Kollegenschaft der Lehrerin halfen finanziell mit, damit er Lebensmittel kaufen konnte. Dann der Tiefpunkt: Der Asylantrag wurde abgelehnt. „Rückkehrentscheidung nennt man das. Die Polizei hätte ihn jederzeit abholen und in ein Flugzeug setzen können“, erzählt Ingrid Taucher. Aber sie gab nicht auf. „Weil ich es ihm versprochen habe und weil ich wusste, dass er in Afghanistan wahrscheinlich keine Überlebenschance hat“, sagt sie. Während sie alle Behördenwege für ihn erledigte, musste Shapoor lernen. So war die Abmachung. Und das tat er. Bei der VHS machte er seinen Pflichtschulabschluss. Dann legte er auch die B1 Deutschprüfung ab. „Weil Sprache das Wichtigste ist“, sagt er. Letztlich übernahm Ingrid Taucher die Patenschaft für Shapoor. Drei Jahre lang war sie für ihn vollkommen verantwortlich. Haftete für sämtliche Kosten, Krankenversicherung, Unterkunft und verpflichtete sich, für den gesamten Unterhalt aufzukommen. „Ich habe nicht immer gut geschlafen“, sagt sie heute. Aber sie empfand so viel Mitgefühl. „Ich würde es wieder tun.“ Der Spießrutenlauf durch sämtliche Behörden ist nicht in Worte zu fassen. Aber die Sturheit der Lehrerin zahlte sich aus. Shapoor bekam die Rot-Weiß-Rot Karte. „Keine Abschiebungsgefahr mehr. Kein Zusammenzucken, wenn es an der Tür läutet. Keine Angst, dass die Polizei kommt und ihn abholt“, erklärt Ingrid Taucher den Moment des Aufatmens.
Heute lebt Shapoor in einer eigenen Wohnung in Oberwart. Er arbeitet in einem international tätigen Tischlereibetrieb in Großpetersdorf und ist stolz auf seine Arbeit. Vor wenigen Wochen hat er die Führerscheinprüfung absolviert. Für ein eigenes Auto hat er fleißig gespart. Österreich ist seine Heimat, betont er. Worte für Ingrid Taucher findet er keine. Der Begriff Mama kommt dem Ganzen ziemlich nahe.

Shapoor war nicht der einzige Geflüchtete, der von Ingrid Taucher betreut wurde. Der syrische Flüchtling Hamed Abboud hat ebenfalls über ein Jahr in der Wohnung der Lehrerin gelebt. Nach seinem positiven Asylbescheid ging er nach Wien, wo er als Schriftsteller arbeitet und bereits zwei Bücher veröffentlicht hat.

Wenn Ingrid Taucher heute an Shapoor und Hamed denkt, muss sie lächeln. Sie blickt über den Garten zur Einliegerwohnung. Bereut hat sie ihre Hilfsbereitschaft nie. Keinen Cent. „Es war die beste Investition“, sagt sie. „Es ging um Menschenleben. Was könnte wertvoller sein?“


Mag. Ingrid Taucher

Sie ist AHS-Professorin am Gymnasium Oberschützen und ist seit 2015 aktiv in der Flüchtlingshilfe tätig. Mit ihrem Freundeskreis hat sie den Verein „Miteinander in Oberschützen“ gegründet. In den Jahren 2016-2019 hat sie Geflüchtete in der Einliegerwohnung ihres Hauses aufgenommen. Sie ist außerdem im Verein „Omas gegen Rechts“ tätig und freiwillige Helferin bei der Team Österreich Tafel des Roten Kreuzes.

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