Einfach losgehen – und atmen

Warum lassen Menschen alles hinter sich, steigen aus ihrem gewohnten Leben aus und pilgern hunderte Kilometer auf ein Ziel zu, das der Inbegriff ihrer Erwartungen ist? Die Hoffnungen, die darin liegen, sind so unterschiedlich und einzigartig wie die Menschen selbst, die diesen Weg begehen. Hier die Geschichte von einem, der losging, um sich selbst zu finden.
Nicole MÜHL / 30. September 2019
Foto: zVg

 

Santa Catalina de Somoza.

 

Die Lebenskrise kam mit 45. Schlagartig war sie da. Sie kam so heftig, dass es weder möglich war, ihr zu entkommen noch eine Entscheidung zu treffen. Nichts passte. Weder privat noch finanziell und schon gar nicht beruflich. Dann war er da – „der Tag, an dem ich einfach nicht mehr konnte.“ Peter Haider hatte den Tiefpunkt seines Lebens erreicht.

28 Jahre war der Oberwarter als Kellner tätig. Hatte in bekannten Lokalen in Wien und der Oststeiermark gearbeitet und sich spät nachts, nach Dienstschluss, nach unzähligen Small Talks mit unzähligen Gästen immer wieder die Frage gestellt „Was tu‘ ich da eigentlich?“ Privat lief auch nichts rund. Nicht einmal Freundschaften, die gepflegt werden konnten. Finanzielle Sorgen führten zu schlaflosen Nächten. „Ich saß regelrecht in einem Loch“, blickt Peter Haider zurück. Er hatte nur noch den Gedanken, weg zu müssen.Weit weg. Es war das Jahr 2013.

Ein halbes Jahr zuvor hatte er einen Diavortrag der Jerusalempilger Johannes Aschauer, Otto Klaer und David Zwilling besucht. Die drei hatten im Jahr 2010 den Weg von Österreich nach Jerusalem zurückgelegt. Viereinhalbtausend Kilometer. „Sie sind am 24. Juni in Österreich gestartet und am 24. Dezember zur Mitternachtsmette in Betlehem angekommen“, erzählt Peter Haider. An diese drei Pilger musste er in seiner Lebenskrise immer wieder denken. „Ich war schließlich davon überzeugt, dass ich meine Probleme in meinem Umfeld daheim nicht lösen konnte. Ich wollte das Leben von einer anderen Seite sehen“, sagt er.

Beim Einkaufen in einem Supermarkt hat er zufällig einen Trekking-Rucksack gesehen – und gekauft. Das war für mich wie ein Zeichen“, sagt Peter Haider. Er hat sich ins Auto gesetzt und ist nach Südfrankreich gefahren. 1.800 Kilometer. Völlig unvorbereitet. Dort begann sein Jakobsweg.

Der Beginn

Viele Wege führen nach Santiago di Compostela – dorthin, wo der Jakobsweg endet – bzw. nach Finisterre, die rund 80 Kilometer weiter, wo angeblich alle Wege an ihr Ende kommen. Peter Haider entschied sich für die 820 Kilometer von Saint-Jean-Pied-de Port in Frankreich bis Santiago. Die erste Nacht schlief er im Auto. Am nächsten Tag brach er auf.

Die Erwartungen

Zwei Dinge wollte er erreichen: „Ich wollte den Weg zu Ende gehen und nicht wieder eine Sache in meinem Leben abbrechen. Ich wollte es schaffen. Aufgeben war keine Option.“
Und Peter Haider wollte wieder offener werden für die Menschen. „Ich war völlig zurückgezogen, und das sollte sich ändern“, erzählt er.

Das Tränental

Der Zusammenbruch kam am Abend des dritten Tages im spanischen Ort Pamplona. Ich hatte gleich zu Beginn meiner Wanderung eine kleine Pilgergruppe getroffen. „Diese Gemeinschaft hat mir unendlich gut getan. Wir sind gemeinsam diese ersten Tage gegangen und abends noch in den Herbergen zusammengesessen“, erinnert sich Peter Haider. Doch am dritten Tag kamen die Zweifel. „Ich zog mich von der Gruppe zurück, lief stundenlang durch das Dorf und in meinem Kopf drehte sich alles um die Frage: ‚Was tust du da? Du kannst doch hier nicht deine Probleme lösen!‘ Ich war körperlich und mental völlig am Ende. Man sagt, dass jeder Pilger auf seinem Weg mindestens einmal zweifelt und Tränen vergießt. Diese Nacht in Pamplona war mein tiefes Tal auf meinem Jakobsweg“, sagt Peter Haider.

Am nächsten Morgen war für ihn ziemlich klar, dass er abbrechen würde. „Meine Pilger-Kameraden haben mir in diesem Moment über meine Zweifel geholfen“, sagt er. Ganz leicht sei es im Grunde gewesen. „Sie meinten, dass wir einfach losgehen sollten. Einfach nur gehen, ohne eine Entscheidung zu treffen. Raus aus dem Dorf. Abbrechen könne ich dann noch immer.“ Und so war es dann auch. Ein Schritt nach dem anderen. Losgehen – und atmen. „Und die Sonne kam zwischen den Wolken hervor, und alle Zweifel und negativen Gedanken waren plötzlich weg“, sagt Peter Haider, während seine Finger den Pilgerstock neben ihm umklammern. „Ich musste durch dieses Tränental.“

Der Wandel

Etwa 40 Tage braucht ein Pilger für den 820 km langen Weg von Frankreich nach Santiago. „So steht es zumindest in den Pilgerführern“, sagt Peter Haider. Er hat ihn in 28 Tagen zurückgelegt. Weite Strecken ging er allein. Andere mit Pilgern, die er traf. Nach etwa zehn Tagen spürte er die Veränderung. Er konnte loslassen. Zeit spielte keine Rolle mehr für ihn. Der Kopf war frei. Die Probleme weit weg. Es ging nur darum zu gehen, zu atmen und auf den Körper zu hören.

„Irgendwann kamen Dinge aus meiner frühesten Kindheit in mein Bewusstsein. Ich habe mich an Erlebnisse erinnert, die tief in mir gespeichert waren“, sagt er. Doch die bedeutendste Veränderung merkte er am Ende des Weges. Als er feststellte, dass sich viele Probleme relativiert hatten und plötzlich völlig unwichtig waren. „Ich war eins mit der Welt und glücklich über jeden schönen Moment.“

Das Ziel

Wer in Santiago ankommt, will meist noch die 90 Kilometer nach Finisterre, dem westlichsten Punkt Spaniens zurücklegen. Kurzfristig traf er die Entscheidung, sich zwei Pilgerinnen anzuschließen, diese Etappe mit dem Bus zurückzulegen und danach zu Fuß nach Santiago zurückzugehen. Als Peter Haider dort ankam und aus dem Bus stieg, standen jene drei Jerusalempilger vor ihm, die er Jahre zuvor bei einem Diavortrag gehört hatte und die den Stein für seine Pilgerreise ins Rollen gebracht hatten. Sie drehten einen Beitrag für das Fernsehen. Für Peter Haider war nach dieser Begegnung klar, dass sein Weg hier zu Ende ist. „Ich musste nicht mehr zu Fuß nach Santiago zurückgehen. Ich hatte meinen Weg bereits geschafft.“

Das Leben von Peter Haider hat sich seither völlig verändert. Er arbeitet längst nicht mehr in der Gastronomie. Heute ist er verantwortlich für die Rad- und Wanderwege im Südburgenland für den Tourismusverband Region Oberwart. Und er organisiert Wanderungen für Interessierte.

Seine Erfahrungen hat er in seinem Buch „1.000 Kilometer westwärts“ niedergeschrieben, das seit Ende September im Morawa Verlag erhältlich ist. Jedes Jahr pilgert er an die 1.000 Kilometer. Auf Facebook berichtet er von seinen Erlebnissen. Der „grüne Pilger Peter“, nennt er sich seither selbst.

Vor seinem Jakobsweg war er aus der Kirche ausgetreten. Heute ist er wieder Teil davon. „Auch wenn ich vieles nicht gutheiße, aber ich will mich dieser Gemeinschaft nicht ausschließen“, sagt er.
Wenn er heute eine Auszeit braucht, packt er seinen Rucksack, nimmt seinen Pilgerstock und geht. Mehr ist nicht zu tun, um zum Wesentlichen zurückzufinden, sagt er. Einen Schritt vor den anderen setzen. Losgehen und atmen.


Peter Haider
Der Oberwarter Peter Haider ging im Jahr 2013 in nur 28 Tagen seinen Jakobsweg von 820 km von Südfrankreich nach Santiago de Compostela.

Peter Haider, der „grüne Pilger Peter“ – am Ziel angekommen, am Ende seines Jakobsweges.

Ein besonderer Platz vor Astorga.

Interessante Internet-Seiten zum Thema:

www.jakobsweg-wien.at

www.quovadis.or.at

www.pilgerwege.at

www.weitwanderwege.com

www.martinuswege.eu

www.viasanctimartini.eu

www.pilgern.at

Regelmäßige Pilgertreffs / Veranstaltungen zum Thema:
  • Jeden 1. Donnerstag offenes Pilgertreffen in Lokal Da Filippo, Thaliastraße, 1160 Wien
  • Jeden 3. Donnerstag Pilgertreffen des Verein Jakobsweg-Wien im Quo Vadis? Stephansplatz 6, 1010 Wien
  • Jeweils Freitag im zwei-Wochen-Rhythmus von 16-18 Uhr

Pilger-Cafe (Infocafe für Neulinge mit erfahrenen Pilgern) im Quo Vadis


Hier ein paar Gedichte von Pilger Peter:

Auf einem neuen Weg

Einst bin ich gegangen einen ganz neuen Weg,
so unbekannt, – und ohne zu wissen, was ich dort soll,
wußte nur, ich hab mich irgendwie selbst verloren,
dort soll ich nun gehen, – Tag für Tag.

Einst bin ich gegangen einen ganz neuen Weg,
bin geirrt auf einem neuen Pfad mit gelben Pfeilen,
wußte nur, ich hab mich irgendwie selbst verloren,
bin gegangen, – täglich, so lange ich mag.

Einst bin ich gegangen einen ganz neuen Weg,
hab einmal gejubelt, war dann zu Tode betrübt,
wußte nur, ich hab mich irgendwie selbst verloren,
Danke! – ihr Kameraden, ihr habt mich weiter-getragen.

Einst bin ich gegangen einen ganz neuen Weg,
hab alles an schlechten Gedanken fallen gelassen,
wußte nur, ich hab mich irgendwie selbst verloren,
immer weiter nach Westen, – haben mich die Füße getragen.

Einst bin ich gegangen einen ganz neuen Weg,
hab mit jedem Atemzug neue Kraft gesammelt,
wußte nur, ich hab mich sonst irgendwie selbst verloren,
hab geatmet aus und ein, komm weiter mit jedem Schritt.

Einst bin ich gegangen einen ganz neuen Weg,
hab die Kraft dieses uralten Pfades gespürt,
wusste nur, ich bin irgendwie nicht mehr verloren,
bin gegangen mit neuer Zuversicht.

Einst bin ich gegangen einen ganz neuen Weg,
hab mich gewundert, was mit mir plötzlich geschieht,
wußte nur, ich bin irgendwie nicht mehr verloren,
denn jemand geht mit, hat mich berührt.

Einst bin ich gegangen einen ganz neuen Weg,
war plötzlich beseelt, fand eine neue Mitte,
wußte nur, ich bin überhaupt nicht verloren,
hab gebündelt Glaube und Kraft, denn – es geht.

Einst bin ich gegangen einen ganz neuen Weg,
voller Kraft und Stolz kam ich dann an,
wußte nur, ich bin ganz und gar nicht verloren,
Danke, – an Ihn und die Anderen, – bin wie neu geboren!

…der grüne Pilger Peter

 

Das Buch von Peter Haider „1000 Kilometer westwärts“ ist ab 28. September wieder über den MORAWA-Verlag erhältlich.



Kommentare

Toller Artikel und ein wenig Gänsehaut. Man weiß genau, worum es eigentlich geht wenn man das hier liest und auch ich plane schon wieder meinen nächsten Camino.

Danke für diesen Bericht. 😉
…der grüne Pilger Peter ist gerade mit den Jerusalempilgern unterwegs auf türkischen Jerusalemweg-Abschnitten.
Buen Camino 🥰

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