Heinz Grünauer:„Wenn man Talent hat, hat man viel Arbeit“

Die Feder liegt ruhig in der Hand, leicht geneigt. Behutsam geführt von kräftigen Fingern gleitet sie über das Papier. Auf und ab. Tinte fließt, wird zur Schrift, zur Kunst. Stille, nur ein leises Kratzen der Spitze – in einem Haus, in dem sonst oft die Musik den Ton angibt.

Nicole MATSCH / 27. Jänner 2026

Heinz Grünauer wurde bekannt als Teil von „Die Weltpartie“. Neben der Musik ist die Kalligrafie ein Steckenpferd des Multitalents.

Heinz Grünauer sitzt am Küchentisch und schreibt eine Karte. Im Büro, das zugleich Schreibstube, Atelier und Musikstudio ist, türmen sich die Projekte – ein kreatives Chaos. Darum zeigt er hier, wie es geht. Er schreibt in seiner Lieblingsschrift Anglaise. „Zwölf bis fünfzehn Jahre, bis du die beherrschst“, sagt er, während die Hand sicher weiterarbeitet. Kalligrafie erfordert höchste Konzentration. Kein Radio, keine CD läuft. „Wenn ich Musik höre, dann will ich zuhören. Die Ablenkung wäre zu groß“. Seine Frau Regina stellt ihm einen Teller mit selbst gebackener Mehlspeise und ein Kaffeehäferl hin. „Trink was“, stößt sie ihn an. Heinz nickt, hebt kurz den Blick. „Danke!“ Alltag im gemeinsamen Zuhause in Drumling.

Vollblutkünstler und bequemer Mensch

Heinz Grünauer ist 69 Jahre alt, Sohn eines Gendarmen und einer Bäuerin, geboren in Oberwart. Er gehört zu jenen, die nie nur eine Sache gemacht haben. „Wenn man Talent hat, hat man viel Arbeit“, meint der pensionierte HTL-Lehrer pragmatisch. Er ist ein künstlerisches Multitalent, komponiert und spielt Musik, fotografiert, ist Mitglied beim Allhauer Kunst- und Kulturverein kukma, stellt aus, veröffentlicht seine pointierten satirischen Ansichten im Stadtschlaininger Gemeindekurier. Und doch sagt er von sich: „Ich bin ein bequemer Mensch“. Einer, der trotzdem immer wieder Antrieb findet und viel schafft, wenn er „im Flow“ ist. Einer, der sich nicht leicht aus der Ruhe bringen lässt. Einer, der nie wollte, dass großes Aufheben um seine Person gemacht wird. „Du, hallo, ich bin nicht so wichtig“, betont er, mit Nachdruck. Und doch war sein Leben vom Rampenlicht geprägt – ist es noch.

Die Weltpartie

Bekannt wurde Heinz Grünauer als Teil von „Die Weltpartie“, jenem Duo, das er Mitte der 1980er-Jahre gemeinsam mit dem bereits verstorbenen Gitarristen und Sänger Franz Eder gründete. Wienerlieder, Unterhaltungsmusik, Schmäh, aber auch Anspruchsvolles. „Wir haben uns blind verstanden“, erzählt Grünauer. „Franz konnte ein Lied so singen, dass es einen ganz woandershin trug. Wie der Vico Torriani oder der Adriano Celentano“, lobt er die stimmliche Anpassungsfähigkeit seines 17 Jahre älteren Bühnenpartners. Während Franz im Publikum badete, hielt sich Heinz mit seinem Akkordeon bewusst im Hintergrund, unterstützte harmonisch, rhythmisch, gesanglich, schrieb Lieder. Bescheiden, aber nicht minder wichtig. Zusammen waren sie eine Einheit, erfolgreich. „Eine Weltpartie eben“, erinnert sich Grünauer.

„Die Weltpartie“ führte die Freunde weit über das Burgenland hinaus: in Wiener Kaffeehäuser, auf Tourneen nach Amerika, Australien, Südafrika, China, in den Norden Europas – und sogar in den Musikantenstadl. Fans. Applaus. Ein Hype. Für Heinz Grünauer war es einfach Arbeit. Gute Arbeit. Viel Arbeit. Und wenig Zuhause. Regina erinnert sich daran. „Es war halt so“, sagt sie ohne Vorwurf, eher feststellend, dass viel an ihr hängen blieb. Und doch schwingt Stolz mit. „Ganz weg war er ja nie“, sagt sie. „Aber oft unterwegs.“ 

Als die Musik verstummte

Franz’ Tod änderte alles. Es war der 26. Juni 2019. Heinz war unterwegs, in Oberwart eingeladen, hatte zuvor noch versucht, seinen Freund zu erreichen – vergeblich. Dann lag das Handy im Auto. Der Abend war heiter – bis die Stimmung kippte. Auf einmal stand Regina vor ihm. „Der Franz ist gestorben.“ 

Als Grünauer davon erzählt, legt sich ein Schatten über sein Gesicht. „Es war schwer“, sagt er leise. „Der Franz war wie ein Bruder.“

35 Jahre gemeinsame Musik, 35 Jahre Freundschaft hinterlassen Spuren. Der Schmerz ist noch da. Mit seinem neuen Partner Paul Varga macht er wieder Musik. Doch: „Es gibt ein Lied, das ich bis heute nicht singen kann“, sagt er, und kurz bricht ihm die Stimme. „Mama, geh bitte schau oba“, eine Paradenummer von Franz. Ein Lied mit traurigem Ende. „Das geht nicht“, sagt Grünauer.

Rückzug als Kraftquelle

Heinz Grünauer weiß, wann es Zeit ist, innezuhalten. Dann zieht er sich zurück. Einmal ging er zu Fuß bis nach Bregenz, seit Jahren fährt er regelmäßig in ein Franziskanerkloster nach Schwaz. „Da kann man viel lernen“, sagt er. Vor allem Langsamkeit, klare Strukturen, Konzentration. Dort tankt er Kraft, findet seine Mitte. 

Diese Ruhe prägt auch seine Arbeit mit der Schrift. Zur Kalligrafie kam er nicht plötzlich, das Interesse war immer da. Gelernt hat er sie über Jahre, in Kursen, Schreibwerkstätten und im Kloster. Heute gibt er sein Wissen gern weiter, etwa in Workshops der Krippenfreunde Pinkafeld. Misslingt etwas, beginnt er neu. Das macht ihm nichts. 

Zuschauer stören ihn dabei nicht – zumindest nicht im kleinen Rahmen. „Gerne kann mir jemand über die Schulter sehen“, sagt er, „aber wenn mir halb Österreich fernsehformatgroß auf die Finger schaut, ist das eine andere Sache.“ Deshalb sagte er ab, als ihn das ORF-Frühstücksfernsehen einmal filmen wollte und ist froh, dass ihm dieser Auftritt erspart geblieben ist. 

Die Arbeit hört nicht auf

Im Juli wird Heinz Grünauer 70. Jeden runden Geburtstag hat er bisher groß gefeiert. Beim 50er stand plötzlich das Stoakogler Trio mit einem ORF-Team vor der Tür – eine Überraschung. Wie es diesmal werden wird, weiß er noch nicht. Bis dahin ist Zeit. Und mit Zeit weiß er umzugehen. Er komponiert, textet. Schnell stimmt er eines der neuen Lieder an. Vor Kurzem hat er einen Kalender gestaltet: zwölf Monate, zwölf Schriftarten, streng limitiert. Auch die Naturfotografien darin stammen von ihm. „Den Kalender kann man natürlich auch bei mir kaufen“, sagt er und lacht. „Ein paar hab ich noch.“

Opa ist er inzwischen auch. Die Enkel, zwei Buben, bringen Bewegung ins Haus, sind eine eigene kleine „Weltpartie“. In der Scheune steht sein Auto, das Wunschkennzeichen „Welt 1“ – eine Erinnerung. Zurück am Küchentisch schreibt Heinz Grünauer weiter. Die Feder geht auf und ab. Ein prüfender Blick, ein zufriedenes Nicken, während die Tinte langsam trocknet. 

Rotem Doppeldecker in Hongkong mit zwei lachenden Männern vorne, städtische Szenen im Hintergrund, ideal für Prima Magazin.
© Heinz Grünauer

Heinz Grünauer (li.) und Franz Eder kamen als „Weltpartie“ in der ganzen Welt herum, etwa 2002 nach Hongkong

Geselliges Beisammensein in einem gemütlichen Café mit Livemusik und gut gelaunten Gästen, geeignet für Prima Magazin.
© Heinz Grünauer

„Die Weltpartie“ Heinz Grünauer (re.) und Franz Eder beim Gschnas der Wienerliedervereinigung „Robert Posch“ im legendären Konzertcafe Schmid Hansl im 18. Wiener Gemeindebezirk, 2014.

Kalligrafie

Begriff: aus dem Altgriechischen; „Kunst des schönen Schreibens“ mit der Hand
Kalligrafie: langsam, konzentriert, handwerklich-künstlerisch
Schulschrift: funktional, schnell, automatisiert
Lettering: Buchstaben werden gezeichnet, nicht in einem Zug geschrieben
Material: Feder oder Pinsel, Tinte und Papier prägen das Ergebnis stark
Schriften: historische Schriftarten mit festen Regeln und Proportionen
Schwierig, weil jeder Fehler sichtbar und kaum korrigierbar ist; Druck, Winkel und Tempo müssen exakt zusammenspielen
Warum die Schrift Anglaise besonders schwierig ist: extremer Linienkontrast (zwischen fein und kräftig), präzise Druckkontrolle mit der Spitzfeder und sehr strenge Vorgaben zu Neigung, Abständen und Proportionen
Körper und Ruhe: Haltung, Atmung und innere Ruhe beeinflussen die Schrift
Lernen: in Kursen und Workshops, im Privatunterricht oder über Online-Kurse
Praxis: Fortschritt braucht Zeit – mit Übung entsteht ein eigener Stil

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