Nicole MÜHL / 28. Dezember 2025
© Nicole Mühl
In stabiler Kampfstellung stehen Mutter und Tochter Seite an Seite im neuen Dojang (Trainingsraum) der Taekwondoschule in Oberwart. Jennifer Schermann ist Trägerin des 2. DAN. Tochter Lucy ist Trägerin des 1. Poom (Jugend Schwarzgurt). Beide sind Taekwondo-Trainerinnen – vereint durch Respekt (Ye Ui), Selbstkontrolle (Guk Gi) und die Leidenschaft, den Weg des Taekwondo weiterzugeben.
Der Trainingsraum in der Schulgasse in Oberwart ist kühl. 17 Grad. Mehr ist nicht nötig, denn gleich beginnt der Körper auf Hochtouren zu arbeiten. Taekwondo beginnt mit Haltung – noch bevor sich ein Fuß hebt.
Lucy Schermann steht barfuß auf der Matte. Blond, zierlich, auf den ersten Blick fast zerbrechlich. Doch in ihrem Körper liegt Spannung, eine stille Kraft. Ihre Bewegungen sind präzise, durchtrainiert, athletisch. Man sieht ihr an, dass sie gelernt hat, Widerstand nicht zu fürchten. Sie ist verschnupft, dennoch trainiert sie auch heute. Wer hier steht, steht aufrecht. Nicht nur physisch.
„Die ersten 15 Minuten musst du irgendwie überleben. Und dann weitermachen“, sagt Jennifer Schermann, Leiterin des Trainingscenters „YU Taekwondo“ in Oberwart – und Mama von Lucy. Es ist kein Satz, der antreibt, eher einer, der nüchtern beschreibt, was kommt: der beschleunigte Puls, das Brennen in den Muskeln, das innere Verhandeln darüber, ob man jetzt aufhören soll. Man könnte. Aber man bleibt.
Nicht aufhören, wenn es unbequem wird
Lucy war fünf, als sie mit dem Training begann. Der Vater schlug vor, es einmal auszuprobieren. Polster, klare Abläufe, Schutztechniken von Beginn an: blocken, ausweichen, Distanz halten. Taekwondo macht keinen Hehl daraus, dass der Körper gefordert wird. Schon der Name trägt das Programm in sich: Tae – der Fuß, Kwon – die Faust, Do – der Weg. Der Weg der Fuß- und Fausttechnik. Zusammen ergibt das eine Kampfkunst, die körperliche Techniken mit geistiger Reife verbindet. Es geht nicht ums Kämpfen, sondern um Disziplin, Respekt und Selbstentwicklung.
Für Lucy wurde dieser Weg früh etwas Eigenes. Als sie mit dem Training begann, wollte sie nicht, dass die Eltern zusahen. Das Training war wie ein geschützter Ort, an dem man wachsen darf – unbeobachtet. Was sie dort seither lernt, trägt sie durchs Leben: dass Anstrengung nicht automatisch ein Abbruchsignal ist. Wer bleibt, merkt, wie der Körper einen Rhythmus findet. Der Moment, in dem man denkt, es gehe nicht mehr, ist kein Ende. Er ist ein Übergang. Lucy kennt diesen Punkt genau. Ihre zähe, kontrollierte Art, ihre ruhige Präsenz sind Ausdruck dieser Erfahrung.
Mit der körperlichen Disziplin veränderte sich auch ihre innere Haltung. „Ich war früher schneller aggressiv und ungeduldig“, sagt sie. Heute bleibt sie ruhig. Taekwondo habe ihr beigebracht, nicht impulsiv zu handeln – sondern zu entscheiden.
Haltung statt Anpassung
Diese Wirkung reicht weit über die Halle hinaus. „Früher habe ich oft gemacht, was andere wollten“, erzählt sie. Mitlaufen, um dazuzugehören. Als sie begann, ihre eigene Meinung zu sagen, wurden die Freunde weniger. „Aber mir geht es besser damit.“ Taekwondo hat sie nicht härter gemacht, sondern klarer.
Wer gelernt hat, körperliche Belastung auszuhalten, hält auch soziale Spannungen aus. Ziel ist nicht, zu gefallen, sondern bei sich zu bleiben. Eine Erkenntnis, die sie im Leben vor Gefahren schützen wird, ist ihre Mutter und Trainerin überzeugt. „Taekwondo ist kein Wettkampf. Es geht um Selbstmeisterung.“ Um einen Weg, der nach innen führt.
Was wie ein hartes Trainingsprinzip klingt, ist in Wahrheit eine Haltung, die sich über Jahre entwickelt hat – bei Mutter und Tochter auf unterschiedliche Weise, aber mit demselben Ziel. Jennifer Schermann begann selbst erst mit 36 Jahren mit Taekwondo, lange nachdem ihre Tochter Lucy den ersten Tritt geübt hatte. Heute ist sie Trainerin und Trägerin des 2. DAN (2. Meistergrad). Taekwondo ist für Jennifer und Lucy Schermann keine Freizeitbeschäftigung, sondern eine Lebenseinstellung: Mit Respekt leben, Verantwortung übernehmen und sich selbst stetig verbessern.
Sportpädagogische Studien zeigen, dass Kampfkünste bei Kindern die Selbstregulation fördern können: Aggressionen nehmen ab, das Selbstvertrauen steigt, ebenso die Impulskontrolle. Entscheidend sind Rituale, klare Regeln, Verlässlichkeit. Zum Training gehören auch Selbstschutzübungen als Schule der Wahrnehmung. Kein Handy auf der Straße, keine Kopfhörer. Kopf oben, Blick geradeaus. Aufmerksamkeit als Prävention. Lucy sagt, sie erkenne Gefahren schneller und meide solche Situation bereits im Vorfeld, weil sie gelernt habe, sich selbst wahrzunehmen.
Kontrolle statt Gewalt
Taekwondo wird oft missverstanden, weiß Lucy. Wer es ausübt, lernt nicht, zuzuschlagen, sondern zu kontrollieren. Die Bewegungsabläufe verbinden Konzentration, Gedächtnis und Körpergefühl. Wiederholung schafft Sicherheit. In einer echten Situation bleibt keine Zeit zum Nachdenken, der Körper reagiert.
„Kinder kommen mit unterschiedlichen Temperamenten hierher“, weiß Trainerin Jennifer Schermann. Die einen überschäumend, die anderen ziehen sich zurück. Und dann passiert etwas, das die Trainerin „Selbstregulation“ nennt: Mit der Zeit kommen diese Extreme in die Mitte, weil das Training ihnen eine stabile Achse gibt.
Diese Haltung zeigt sich an einem Punkt besonders: bei der Prüfung zum schwarzen Gürtel. Wenn Lucy davon erzählt, gehen ihre Mundwinkel nach oben und sie redet schneller. Die Prüfung in Lignano war eingebettet in ein Ritual. Ein Sommercamp, eine Woche lang sieben Stunden Training am Tag, wenig Schlaf. Beim Bruchtest zeigt sich, worum es geht: Angst verhindert den Durchbruch. Angst vor dem Schmerz, der einfährt, wenn man das Brett nicht richtig trifft, hatte Lucy nie. „Wenn du vor etwas Angst hast, schaffst du es nicht“, sagt sie.
Technik allein reicht nicht. Es braucht Entschlossenheit und mentale Stärke. Dass sie mit 12 den schwarzen Gürtel trägt und heute bereits selbst unterrichtet, erfüllt sie mit Stolz und Freude, weil es ihr wichtig ist, ihr Wissen weiterzugeben. „Der Gürtel ist nicht das Entscheidende“, sagt Lucy. „Es geht darum, morgen besser zu sein als heute. Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Gemeint ist kein Gegner. Gemeint ist der Moment, in dem man aufhören möchte. Taekwondo lehrt, nicht auszuweichen, wenn es darauf ankommt, sondern aufmerksam zu bleiben, ruhig zu entscheiden und sich selbst treu zu sein. Nicht mitzugehen, wenn es sich falsch anfühlt. Und den Mut zu haben, Nein zu sagen.

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