Vom Leben, Sterben und Weiterleben

Man ist binnen einer halben Sekunde hellwach und bei vollem Verstand, wenn mitten in der Nacht das Telefon läutet. Es ist der 20. Feber 2020. Und es ist 1:42 Uhr. Der Blick auf den Wecker erfolgt automatisch. Details, wie die sekundengenaue Zeitangabe prägen sich nachts besonders ein. Am anderen Ende der Leitung ist Willi Hodits. Seit vier Jahren schreibt er für das prima! Magazin über besondere Plätze in Oberwart. Sein Artikel für die März Ausgabe ist eigentlich abgeschlossen. Aber eine Korrektur habe er noch, sagt er. Es ging um den Austausch eines Wortes von Singular auf Plural. Kurze Stille am Telefon. Ob das eventuell bis morgen früh warten könne, scheint um diese Zeit eine berechtigte Frage. „Leider nein“, sagt Willi Hodits. In 15 Minuten werde er von der Rettung abgeholt und nach Wien ins AKH gebracht. Er habe soeben den Anruf bekommen, dass er eine Spenderniere erhalte. Willi Hodits ist dabei völlig ruhig. Ob er Angst habe? „Er lacht. „Nein“, sagt er vollkommen klar. „Was soll mir passieren? Ich habe keine Angst vorm Sterben. Ich weiß ja, was mich dann erwartet. Aber falls was bei der Operation schiefgeht – meinen Nachruf schreibst du“, mit diesen Worten legt er auf.
Diese Geschichte wird glücklicherweise kein Nachruf. Willi Hodits ist dem Tod zum zweiten Mal von der Schaufel gesprungen. Das erste Mal hatte er eine Nahtoderfahrung. Seither ist er furchtlos.
Nicole MÜHL / 2. Juni 2020 / Podcast am Seitenende
Foto: Willi Hodits

Vor seiner Anstellung als Bauhofleiter in Oberwart war er Techniker beim Land Burgenland. Ing. Willi Hodits hat außerdem eine theologische Ausbildung absolviert (Ausbildung zum Diakon), und er ist gewerblicher Reiseleiter.

 

Wenn Wilhelm Hodits etwas hasst, dann ist es Unordnung. Wäre er ein Gegenstand, wäre er wahrscheinlich ein Aktenordner. Jeder Zettel muss an seinem Platz sein. Sofort griffbereit. Und akribisch genau. Deshalb gilt auch morgens um 1:42 Uhr, vor einer Operation, die ihn das Leben kosten könnte, sein Gedanke der Korrektur eines einzigen Buchstabens in seinem Artikel. Alles muss korrekt sein. Alles muss seine Ordnung haben.

Ereignisse, die Jahrzehnte zurückliegen, hat Willi Hodits bis auf die Minute abgespeichert. Er ist eben Techniker. Sein Leben orientiert sich an Fakten.

Neugierig auf das Leben

Am 1. Juni 1977 übernahm Wilhelm Hodits die Leitung des Bauhofes in Oberwart. Der gebürtige Schachendorfer, der kurz nach Kriegsende auf die Welt kam und bis zu seinem sechsten Lebensjahr kein Wort Deutsch sprach, wehrte sich lange gegen diesen Job. Immerhin war er beim Land Burgenland als Techniker angestellt und hatte dort quasi eine unkündbare Stelle. Der damalige Bürgermeister Ferdinand Hatvagner holte ihn dann doch in die Gemeinde, und Willi Hodits wurde somit im Alter von 31 Jahren Bauhofleiter der Stadtgemeinde Oberwart. Das blieb er auch über drei Jahrzehnte bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2009. Aber als er seine Stelle antrat, hatte er nur „einen halben Schreibtisch“, weil er sich sein Büro mit dem damaligen Stadtrat Böcskör teilen musste.

„Genauso trist sah der Bauhof selbst aus“, sagt Willi Hodits heute. Für 40 Mitarbeiter standen ein Traktor, ein Pritschenwagen, zwei Rasenmäher und ein paar Schaufeln und Krampen zum Arbeiten zur Verfügung. „Das Werkzeug war etwa auf fünf Stellen in Oberwart verstreut gelagert“, erinnert sich Willi Hodits. Technische und elektrische Ausrüstung fehlten völlig. „Einmal kam es zu einem gewaltigen Rohrbruch in der heutigen Weinhebergasse, und ich musste bei den umliegenden Häusern bitten, dass wir uns an die Stromleitung anschließen dürfen“, erzählt Willi Hodits. Danach ging ich zum Bürgermeister und setzte durch, dass wir ein Notstromaggregat bekommen. Fünf Bürgermeister hat Wilhelm Hodits während seiner Zeit als Bauhofleiter erlebt. Sich da durchzusetzen, sei nicht immer einfach gewesen. Die Inform Oberwart wurde sein Projekt, das ihn persönlich herausforderte.

„Einen Tag nach meinem Amtsantritt als Bauhofleiter, bekam ich die Anweisung, mich zusätzlich auch um die Inform zu kümmern. Das war am 2. Juni 1977. Die Messe wurde damals gerade von der Rotunde auf das heutige Areal verlegt. Statt Hallen gab es Zelte. Ich war für die gesamte Infrastruktur der Aussteller verantwortlich“, erinnert sich Willi Hodits. Zum Schluss übernahm er auch noch die Einteilung der Stände. Dass die Gemeinde die Inform im Jahr 1990 an Arnold Henhapl übergeben hat, nimmt er den Verantwortlichen heute noch übel. „Bei der letzten Inform habe ich 463 Aussteller betreut. Etwa 60 Aussteller musste ich vertrösten, weil einfach schon jeder Quadratmeter belegt war. Die Gemeinde hätte diese Messe niemals aus der Hand geben dürfen“, sagt Willi Hodits auch heute noch.
Als er am 1. Juli 2009 in Pension ging, legte er bei seiner Abschiedsfeier einen Rechenschaftsbericht ab. Der Applaus danach dauerte über drei Minuten.

Sterben tut nicht weh

In ein „Pensionsloch“ fiel er nicht, weil er inzwischen als gewerblicher Reiseleiter immer wieder unterwegs war. Dann kam der 18. Feber 2011. Willi Hodits hatte bis spät in die Nacht eine Reise nach Assisi vorbereitet. Um 7 Uhr morgens weckte ihn seine Frau zum Frühstück, und als er aus dem Bett stieg, gaben seine Füße nach. Erst Stunden und zahlreiche Untersuchungen später wurde der Riss der Aorta diagnostiziert. „Ein Todesurteil“, weiß Willi Hodits heute. Nur fünf Krankenhäuser in Österreich kamen für einen derartig komplizierten operativen Eingriff in Frage. Vier davon schieden aus, da aufgrund der Wetterbedingungen ein Transfer unmöglich war. Nur im AKH Wien wäre ein Anflug per Hubschrauber möglich gewesen, doch dort stand kein Ärzteteam für den Eingriff zur Verfügung, da alle bereits in einer OP steckten.

„Mich sterben zu lassen, war für den damaligen Primar Heinrich Kiss aber keine Option. Er orderte trotzdem den Hubschrauber, um mich ins AKH zu bringen. Ich kann mich noch erinnern, dass mir der Pilot versprach, dass er mich dort abliefert. Egal, was dazu nötig sei“, erinnert sich Willi Hodits. Dann reisst seine Erinnerung ab. Neun Stunden dauerte seine Operation. Sieben Tage lag er im Koma. „Klinisch war ich bereits tot“, erzählt er emotionslos. „Ich habe plötzlich gemerkt, dass ich mich aus meinem Körper löse und über meinem Bett schwebe“, erzählt er. Er habe diesen Zustand als selbstverständlich angesehen. Es gab keine offenen Fragen für ihn.

„Ich habe auf mich hinuntergeschaut, aber mein Körper war mir vollkommen egal. Raum und Zeit hatten keinerlei Bedeutung. Ich hatte keine Schmerzen und war vollkommen zufrieden“, erzählt er. Der Zustand ließe sich nicht beschreiben. Wie soll man Glück und vollkommene Zufriedenheit denn auch beschreiben? Zweifel hat er an diesem Erlebnis nie, denn er, der immer korrekte Techniker, hat auch hier Fakten, die seine Erfahrung untermauern. „Ich habe von dieser Position aus im Raum eine Tür wahrgenommen. Zwei Ärzte, asiatischer Abstammung, kamen herein, unterhielten sich und gingen zu meinem leblosen Körper. Das alles war mir gleichgültig. Ich war einfach nur vollkommen eins mit mir.

Das Leben geht weiter

Willi Hodits kam wieder ins Leben zurück. Als er aus dem Koma erwachte, waren ihm sofort Dinge im Zimmer vertraut, genauso, wie er sie während seines Nahtods wahrgenommen hatte. Er erkannte auch sofort den asiatischen Arzt wieder. Heute erzählt Willi Hodits sehr klar über diese Erfahrung. An einem Leben nach dem Tod hat er nicht den geringsten Zweifel. „Weil ich erlebt habe, wie es sich anfühlt.“

Dass seine Nieren durch den Aortariss irgendwann versagen würden, dessen war sich Willi Hodits bewusst. Seit Monaten hat er auf eine Spenderniere gewartet. Heuer, am 20. Feber war es so weit. Acht Wochen lag er nun im AKH Wien. Sein Körper hat die neue Niere gut aufgenommen. Doch sein Immunsystem ist gleich Null. Corona hat die Sache noch verschlimmert. Seine Kinder und Enkelkinder hat er seit Monaten nur von Weitem gesehen. Nur seine Frau darf in seine Nähe. Aber Willi Hodits ist nicht verzagt. Auch wenn er es nicht gewohnt ist, den Tag so ruhig und planlos anzugehen. Radfahren könne er halt im Moment nicht, aber er freut sich über das Leben und dass er noch Zeit bekommen hat. „Das Sterben ist aber auch in Ordnung“, sagt er, denn es gibt ein Weiterleben.

Und dann kommt wieder sein spitzbübisches Lachen durch. Weil er dem Tod doch wieder flink entwischt ist. Zum zweiten Mal. Ja, Willi, der Nachruf, der muss hoffentlich noch lange warten.

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Willi Hodits
Willi Hodits im Alter von 19 Jahren (Foto aus seinem Wehrdienstbuch).

Ing. Wilhelm Hodits
Ing. Wilhelm Hodits wurde 1946 in Schachendorf geboren. Er war drei Jahrzehnte der Leiter des Bauhofes in der Stadtgemeinde Oberwart

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