Das Glück kommt mit dem Kehrbesen

Das Erkennen, ein kurzer Aufschrei des Entzückens – und schon läuft die Frau auf ihn zu. Noch bevor er weiß, wie ihm geschieht, hat sie ihn umarmt. Die alte Dame strahlt, als sie ihn wieder loslässt und dreimal an ihrem Knopf dreht – zur Sicherheit, denn doppelt hält besser. „Jetzt hab ich wirklich einen erwischt, und das gleich am 2. Jänner. Das kann ich gut brauchen“, sagt sie zufrieden, bedankt sich und geht beschwingt weiter. Der Mann schaut ihr nach und lächelt. Glück ist nicht greifbar. Außer man trifft einen Rauchfangkehrer.

Nicole MATSCH / 28. Dezember 2025

Bei offiziellen Anlässen tragen Rauchfangkehrer:innen ihre Galauniform, wie hier beim Bundeskongress in Feldkirch. Mit dabei Innungsmeister Anton Zolles (4. v. li.) und Jung-Meister Josef Bernath (7. v. li.)

Es ist gerade erst hell geworden, als kurz nach sieben Uhr die Motoren im Hof der Firma Zolles anspringen. Ein Mitarbeiter kratzt Eis von der Windschutzscheibe. Mit seiner schwarzen Arbeitskleidung und dem weißen Käppi hebt er sich nur wenig von der grauen Winterkulisse ab, der Atem steht weiß in der Luft, der Frost sitzt in den Fingern. Er steigt ein, fährt los. Vor ihm haben bereits zwei Firmenautos das Gelände verlassen und sind auf der Hauptstraße von Unterwart verschwunden. Auf dem Weg zum ersten Termin des Tages. 

Ein Besuch, der Sicherheit bedeutet

Dass Rauchfangkehrer bis heute als Glücksbringer gelten, ist historisch bedingt. „Früher war das kein Brauch, sondern Überlebenssache“, erklärt Rauchfangkehrermeister und Firmenchef Anton Zolles. Offene Feuerstellen, schlecht gemauerte Kamine und ungeeignete Brennstoffe machten Kaminbrände zur ständigen Gefahr. „Wenn der Rauchfangkehrer rechtzeitig gekommen ist, war das für die Familie tatsächlich Glück“, betont Zolles, der in Großwarasdorf noch ein zweites Kehrgebiet betreut und seit April 2025 burgenländischer Innungsmeister ist.

Sein Mitarbeiter Josef Bernath, seit 1994 Teil der Firma und frischgebackener Meister, ist auch heute noch gerne Glückssymbol. „Ich wurde schon öfter berührt oder umarmt. Besonders ältere Leute tun das gern und freuen sich, wenn ich ihnen den Kalender bringe“, erzählt er mit einer Leidenschaft, die auch nach 31 Jahren im Beruf nicht abgekühlt ist. 

Drei Jahrhunderte Verantwortung

Brandschutz ist noch immer die zentrale Aufgabe der Rauchfangkehrer, doch neue Heizformen wie Pelletsanlagen und Wärmepumpen haben die Arbeit verändert. In der Firma Zolles, deren Wurzeln bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, hat Josef Bernath den Wandel seines Berufsbildes hautnah miterlebt. „Kehren macht nur mehr die Hälfte aus“, sagt er, rollt den Stoßbesen – das wohl bekannteste Kehrwerkzeug – ein und hängt ihn sich über die Schulter. „Dazu kommen Feuerstättenbeschauen, Abgasmessungen, Dichtheitsprüfungen und Gefahrenbeurteilungen.“ „Der Beruf verlangt heute mehr technisches Know-how, aber die Verantwortung ist gleich geblieben“, ergänzt Zolles und deutet auf moderne Messgeräte im geöffneten Arbeitskoffer.

Ein wichtiger Teil dieser Verantwortung beginnt oft schon, bevor überhaupt geheizt wird. „Am besten ist, die Leute fragen uns, bevor sie einen Ofen kaufen“, rät Zolles. Nicht jedes Modell passt zu jedem Kamin, nicht jede moderne Heizung harmoniert mit alter Bausubstanz. „Dann erspart man sich viel Ärger – und auch echte Gefahr.“

Manchmal bleibt trotzdem nur eine unbequeme Entscheidung. „Wenn etwas nicht sicher ist, müssen wir den Betrieb einer Feuerstätte untersagen“, sagt Zolles. Das komme selten vor, sei aber notwendig. „Lieber ein kaltes Wohnzimmer als ein brennendes Haus.“

Feuer und Flamme 

Lukas Schimkowitsch, Lehrling aus Pinkafeld, ist der Jüngste im Team und bei der Freiwilligen Feuerwehr. Seine erste Frage im Betrieb war, ob er fahren dürfe, wenn während der Arbeit ein Einsatz ist. „Da haben wir gleich gemerkt, wie ähnlich unser Beruf dem eines Feuerwehrmannes ist“, sagt Zolles. Vorbeugender Brandschutz, Verantwortung, Ruhe im Ernstfall. Der 15-Jährige wollte ursprünglich Maurer werden, durchlief mehrere Lehrlingscastings – und blieb schließlich hier hängen. Drei Schnuppertage reichten. „Gefällt mir voll“, sagt Lukas heute und bereut seine Wahl nicht. 

Zolles wünscht sich dennoch mehr Nachwuchs – auch abseits klassischer Lehrlingswege. „Quereinsteiger sind für uns ein großes Thema“, sagt er. Der Beruf habe sich verändert, biete heute viele Einstiegsmöglichkeiten für Menschen, die sich neu orientieren wollen.

Gefahr ist geblieben – aber anders

Das Bild vom Rauchfangkehrer auf dem Dach gehört zwar noch immer dazu, ist aber seltener geworden. „Früher waren wir viel öfter oben“, erzählt Bernath. Heute wird vieles von innen erledigt, über Reinigungsöffnungen und moderne Systeme. Wenn es dennoch aufs Dach geht, dann gut gesichert: mit Geschirr, Seilen, klaren Vorschriften.

Die wahren Gefahren liegen in Fahrlässigkeit oder Unwissenheit von Kunden. Falsches Heizen, falsches Holz, und es dauert nicht lange, bis Ruß und Pech den Kamin verstopfen. Akute Brandgefahr ist die Folge. Das sogenannte „Ausschlagen“ ist dann unerlässlich. Es wird mit Fräsköpfen gearbeitet. „Ein paar Mal im Jahr machen wir das noch“, sagt Bernath. „Früher deutlich öfter.“

(K)ein dreckiges Gewerbe

Am Ende des Arbeitstages lenken die Mitarbeiter ihre Fahrzeuge zurück in den Hof. Umziehen, duschen. Wie lange ein Rauchfangkehrer braucht, um sauber zu werden? „Nur eine Viertelstunde, wenn’s ein normaler Tag war“, lacht Josef Bernath. Doch der Ruß ist hartnäckig – sitzt in den Ohren, unter den Fingernägeln. „Ganz weg ist er oft erst am Wochenende“, gibt der Chef Anton Zolles zu. Die „Schwarzarbeit“ ist aber längst nicht mehr so schwarz wie noch vor 50 oder 100 Jahren. Moderne Technik, Werkzeuge und neue Feuerstätten haben den Beruf sauberer, strukturierter und technischer gemacht. 

Im Flur des Firmengebäudes hängt ein altes Bild. Zwei Rauchfangkehrer in Arbeitskleidung aus einer anderen Zeit, an den Füßen noch Holzschlapfen. Einer von ihnen ist vor wenigen Jahren gestorben, über neunzig Jahre alt.

Das Foto erzählt von einem Beruf, der sich verändert hat und doch gleich geblieben ist: Rauchfangkehrer sorgen noch immer dafür, dass Wärme sicher bleibt. Sie sind keine magischen Figuren – aber wahre Glücksbringer.

Handwerker bei der Wartung einer Heizungsanlage im Keller. Regionale Berichterstattung von Prima Magazin.
©zVg

Josef Bernath (li.) und Lehrling Lukas Schimkowitsch  

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