„Die Babyboomer lassen sich nicht wegsperren!“

„Jung und Alt gehört zusammen!“ ist Dr. Ulrike Habeler überzeugt und hat mit ihrem Mann Wolfgang eine Idee umgesetzt, von der sie seit über 25 Jahren träumt. Das Modell der Großfamilie wird hierbei neu gedacht. Im Zentrum dieser Vision stehen Synergien zwischen Jung und Alt, die beiden Generationen Vorteile bescheren. Nun finden sich ihr Wohnhaus, die Arztpraxis und betreubares Wohnen auf 17.000 Quadratmetern in ihrer Heimatgemeinde Markt Allhau. Und das Projekt soll wachsen.
Nora SCHLEICH / 2. Jänner 2020
Foto: zVg

 

2013 hat man begonnen, die Pläne aufs Papier zu bringen. Nach nur einem Jahr Bauphase waren Wohnhaus und Ordination fertig gestellt. Zwei Doppelbungalows sind ebenfalls bereits am Grundstück entstanden. Der ältere Doppelbungalow wird seit 2015 von älteren, teils pflegebedürftigen Menschen bewohnt.

Die Vorteile? „Die Mieter bekommen Essen auf Rädern. Je nach Bedarf wird flexibel auf Bedürfnisse eingegangen und Pflegebedarf zugekauft,“ erklärt Ulrike Habeler. Jede Wohneinheit hat etwa 100 Quadratmeter und bietet auch ein eigenes Zimmer mit Bad für eine eventuelle Pflegekraft.

Das große, zusätzliche Plus: Die Ärztin ist immer vor Ort. Der zweite, neuere Doppelbungalow ist noch nicht vermietet. (siehe INFO unten) Hier ist die größere Einheit als Tagesheimstätte geplant, in dem sich die Bauherren gemeinsames Singen, Gedächtnistraining und Kochen der Senioren in der großen, hochwertigen, offenen Küche vorstellen.

Der etwas kleinere Teil könnte von Psychologen oder Krankenschwestern für Einzelgespräche, Biografiearbeit sowie für Behandlungen genutzt werden. Baulich besticht das neueste Gebäude am Grundstück durch außergewöhnliche Werte – energetisch und ökologisch.

Klimaaktiv

Der neueste Doppelbungalow am Anwesen ist ein Passivhaus und braucht weniger als einen Euro Energiekosten pro Quadratmeter Wohnfläche – und das im Jahr. Trotz der großen Außenflächen und der relativ geringen Quadratmeteranzahl hat das Gebäude eine hervorragende Ökobilanz.

So gut sogar, dass es die beste Klimazertifizierung („Klimaaktiv-Gold“) vom Ministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus erlangt hat. Bislang wurden nur neun Gebäude im Burgenland prämiert. Kriterien wie natürliche Materialien, Haustechnik und Nachhaltigkeitsfaktoren wurden dabei in Bezug zur Lebensdauer eines Hauses gesetzt, und so wurde der CO2-Ausstoß des Hauses berechnet.

„Normalerweise ist es schwierig, mit einem Bungalow diese hervorragenden Werte zu erreichen“, erklärt Johann Koch, Geschäftsführer der Firma OC Block. „Der Doppelbungalow mit insgesamt etwa 200 m2 hat aber einen Energiebedarf von nur 115 Teelichtern,“ ergänzt er weiter.

In der angewandten Bauweise der Firma OC Block werden wie beim Lego im Blocksystem die Teile zusammengesteckt und schließlich mit Ökobeton, der österreichweit nur von der Firma Wopfinger hergestellt wird, ausbetoniert. Hier wird recycletes Material beigemengt. „Durch den Beton ergibt sich viel Speichermasse, und durch das Blocksystem kann nahezu Wärmebrücken-frei gebaut werden“, erklärt Herr Koch die gute Ökobilanz des Hauses. Wolfgang Habeler fügt an: „Noch im Rohzustand haben wir gemerkt, dass die Innentemperatur selbst bei Minusgraden im Winter nicht unter 14 Grad sinkt, auch wenn nicht geheizt wird. Im Sommer ist es angenehm kühl. Für die ältere Generation ist das wichtig.“

Gut für die Umwelt ist oft auch gut für den Menschen. Lebensqualität hängt mit gutem Raumklima zusammen, was unter anderem durch die Fußbodenheizung im Winter gefördert wird. Die Haustechnik kann im Sommer auch kühlen. Zu dieser Jahreszeit wird von den Bewohnern vor allem der kühle Steingarten genutzt. Eine gemeinsame, westseitig gelegene Terrasse pro Doppelbungalow und ein überdachter Platz für alle vier Einheiten laden zum „gemeinsam Altwerden“ ein.

Zukunftsmusik

Ulrike und Wolfgang Habeler sind noch nicht fertig. „In einem Haupthaus wollen wir einmal Jung und Alt zusammenführen. Wir wollen Kurzzeitpflege für benachteiligte Kinder und deren Eltern anbieten.“ Die ältere Generation soll dort mit den Jungen zusammenkommen, aber stets die Bungalows als ruhigen Rückzugsort zur Verfügung haben. „Für uns als Einzelpersonen ist das nicht finanzierbar. Aber das würde unser Konzept abrunden! Alt und Jung gehört eben zusammen.“


Die Gebäude von Dr. Ulrike und Wolfgang Habeler wurden mit der höchsten Klimazertifizierung ausgezeichnet. Foto v.l.: Johann Koch (OC Block) , Dr. Ulrike Habeler, Ministerin Maria Patek , Wolfgang Habeler BSc, Markus Koch

Wunschziel Seniorengarten

Dr. Ulrike Habeler: „Andere sollen einen Nutzen haben, auch wenn wir einmal nicht mehr da sind, darum haben wir die Bungalows gebaut. In meine Praxis kommen viele Menschen, die eigentlich nicht krank, sondern einsam sind. Ein Seniorengarten wäre die Lösung. Alleine in Markt Allhau gibt es etwa 60 Personen, die Bedarf hätten. Es geht hier nicht um Pflegefälle! Die „Babyboomer-Generation“ wird alt und hat hohe Ansprüche.

Die 68er sind Revoluzzer. Die gehen nicht gerne in ein Heim. Hier springen wir ein, denn wir haben die Ressourcen für die Tagesbetreuung, nicht nur was das Bauliche betrifft. Mein Mann ist Psychologe, und ich bin Ärztin. Mit Projekten wie „Nachbarschaftshilfe Plus“ und Fahrgemeinschaften könnten die Senioren gebracht und durch Aktivitäten wie Basteln oder auch Waldbäder aus ihrem Trott gerissen werden. Wir haben alles durchdacht.

Der Bedarf ist da, das weiß ich. Das Haus ist baulich fertig und als Tagesheimstätte geplant und umgesetzt. Wir warten noch auf politische Unterstützung, denn nur so sind die Kosten, die zum Beispiel für eine verpflichtende Krankenschwester anfallen, zu tragen. Der gemeinnützige Verein „JAZ“ tut, was er kann.“

Das Konzept, älteren Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, ist das Ziel des von den Habelers gegründeten Vereins „JAZ – Jung & Alt: Zusammenhalt“.


Dr. Ulrike Habeler hat mit ihrem Mann Wolfgang zwei Doppelbungalows für ältere Menschen errichtet.

Der Steingarten ist besonders im Sommer ein Highlight.

Kommentare

„Die Babyboomer lassen sich nicht wegsperren!“

Einen Kommentar hinterlassen: