„Im Spiel bleiben“

Der Schriftsteller, Regisseur und Musiker Peter Wagner ist im Fieber – nicht im Grippe- oder Coronafieber, sondern in einem Schaffensfieber. Mit seinem virtuellen Tagebuch „Aus der Einzelhaft“ hat er das Interesse renommierter Online-Kulturplattformen im In- und Ausland geweckt. Für ihn geht es – nicht nur in Zeiten von Corona – darum, im Spiel(en) zu bleiben.
Christian KEGLOVITS / 4. Mai 2020 / Podcast am Seitenende
Foto: Christian Ringbauer

Peter Wagner gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Kulturschaffenden Österreichs. Der freischaffende Künstler lebt in Litzelsdorf.

 

Am 16. März 2020, jenem Tag, an dem der sogenannte Lockdown in Österreich in Kraft getreten war, begann Peter Wagner mit seinem virtuellen Tagebuch „Aus der Einzelhaft“, welches über einen Zeitraum von 30 Tagen in Form von dreiminütigen Videofantasien erschienen ist. Wagner selbst bezeichnet das Projekt übrigens als „einen Selbstversuch unter gewissen, mir aufgezwungenen und doch akzeptierten Bedingungen.“ Musikalisch begleitet und inspiriert wurde er dabei vom Südburgenländer Rainer Paul, ohne den das Projekt für Wagner so nicht denkbar gewesen wäre: „Er ist die sinnlich erfahrbare, dadurch in gewisser Weise nicht nur unterstützende, sondern sogar mentale Grundlage all dessen, was ich da gemacht habe!“

Der Künstler Peter Wagner tut damit das, was zur Zeit viele seiner Kolleginnen und Kollegen in der freischaffenden Kunst- und Kulturszene versuchen: das aberwitzige, surreal anmutende Geschehen der Corona-Pandemie in der Sprache der Kunst zu reflektieren. „Die Zeit der äußeren Krise ist nicht zwangsläufig eine Zeit der inneren Krise – und umgekehrt. Ich empfinde meinen Blick geschärft, ich empfinde mich im Fieber. Der Künstler ist durch die Kunst, die er schafft, ständig in Bewegung. Die Krise ist nicht sein Ausnahme-, sondern sein Normalzustand“, so Peter Wagner.

„Die Krise als Normalzustand“

Indes befindet sich die Kunst- und Kulturwelt alles andere als in einem Normalzustand. Die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie treffen den gesamten Bereich sehr hart. Museen sind geschlossen, Konzert- und Theaterhäuser bleiben leer und die Eintrittsgelder aus. Aber die Not macht erfinderisch. Museen bieten virtuelle Rundgänge, Theater, Konzert- und Veranstaltungshäuser wie z.B. auch das OHO zeigen erfolgreiche Produktionen aus der Vergangenheit – allerdings notgedrungen „nur“ online – , um beim Publikum präsent zu bleiben.

Schwieriger gestaltet sich die Situation da bei den Kulturschaffenden und KünstlerInnen selbst. Bei ihnen geht es nicht nur um die fehlende Präsenz, sondern schlicht um die nackte Existenz, da SchauspielerInnen, MusikerInnen, KabarettistInnen, SchriftstellerInnen um ihre Auftrittsgagen und Tantiemen umfallen.

Daher ist es Peter Wagner umso wichtiger „im Spiel, respektive im Spielen zu bleiben. Spielen – das tun wir Künstler eigentlich immer im Schaffensprozess. Jetzt aber vermengt sich das Spiel mit einer existenziellen Situation, die geschärft als solche wahrgenommen wird. Dadurch wird das Spiel selbst noch eine Spur existenzieller als sonst. Das Publikum habe ich im Akt des Spielens nicht im Blick. Seine Rezeption im Anschluss sehr wohl. Der Rasen, auf dem beides stattfindet, ist ein höchst junges Medium: das Internet. Es ermöglicht uns, paradoxerweise, sogar die Sehnsucht nach dem Analogen. Ich bin überzeugt von einer Renaissance des Analogen, sobald wir vor die Notwendigkeit gestellt sind, uns des Menschlichen zu vergewissern. Davor aber müssen wir durch den Kosmos des Digitalen.“

Ein digitaler Kunstkosmos

Und dieser digitale Kunst-Kosmos ist es Wert, erforscht zu werden, denn nicht erst seit Beginn der Corona-Krise findet man auf den Websites und Streaming-Plattformen der freischaffenden Kunst- und Kulturszene viel Spannendes, Neues, Unerhörtes und noch nicht Gesehenes. Die Online-Redaktionen diverser Medien wie ORF, Standard, Kurier, Falter u.a. bemühen sich, diesen Kosmos für ein breites Publikum sichtbar und erreichbar zu machen. Ob dieses Angebot bei der angebotenen Vielfalt auch genutzt wird, ist eine Frage, die für Peter Wagner zwar berechtigt, aber mit einem Einwand versehen ist: „Die Situation ist für alle neu und das Internet, kulturhistorisch gesehen, ein Medium, das womöglich noch nicht einmal in den Kinderschuhen steckt.

Das heißt: Auch die Arbeit am und im Internet muss erst, mit allen Irrtümern und Irrläufern durchspickt, erlernt werden. Vielfalt ist per se nicht das Problem. Das wahllose Akkumulieren von Reizen, auch wenn sie sich Information oder kulturelles Angebot nennen, ist allerdings sehr wohl eines.“

Verstaubtes aus der bewährten Klamottenkiste

Und damit spricht Peter Wagner einen Umstand an, der nicht wenigen Künstlerinnen und Künstlern sauer aufstößt. Die Sender des ORF kündigen zwar verstärktes Kulturprogramm an, das Zeitgenössische fällt aber weitgehend durch. Stattdessen holt man Verstaubtes aus der bewährten Klamottenkiste. „Der angebliche Kultursender ORF III könnte zumindest jeden zweiten Tag eine Theateraufzeichnung oder Tanzperformance oder einen experimentellen Film zeigen – tut es aber nicht“, bemängelt Peter Wagner und kritisiert im selben Atemzug, dass der ORF Burgenland seine Kulturredakteurinnen in Kurzarbeit geschickt hat. „Genau jetzt müsste der ORF mit der Kulturarbeit anfahren“, meint Wagner, „weil die Kultur selbst anfährt!“

Und weil sich hier ein apropos „Anfahren“ anbietet: Ab Mitte Mai dürfen in ganz Österreich die Museen wieder ihre Pforten öffnen. Viele Museen werden das aller Voraussicht nach auch tun. Nicht so die Bundesmuseen, die in ihrer bürokratischen Schwerfälligkeit vom Öffnungsdatum 1. Juli nicht abrücken. Derweilen erklärt eine – sagen wir noch nicht ganz sattelfeste – Kultur-Staatssekretärin, wie sie sich eine Wiederaufnahme des Theater-Spielbetriebes vorstellt. Die Kulturnation Österreich ist noch im Fieber, im Corona-Fieber.

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Während der Ausgangsbeschränkungen hat Peter Wagner insgesamt 30 Videofantasien geschaffen. „Aus der Einzelhaft“ nennt er sie.

Kommentare

werner überbacher

ORF III muss als kulturkanal endlich einmal hochfahren – vor allem mit zeitgenössischen produktionen!
eine wahrhaftig wichtige forderung von peter wagner.

Dr. Michael Pilecky

Die Krise für die Menschen als Kollektiv ist vor allem wirtschaftlicher Natur. Dass diese auch einzelne Existenzen bedrohen kann, ist schlimm, aber du hast prinzipiell recht: Notgedrungen ist die persönliche Krise keinesfalls daraus abzuleiten, schon gar nicht jene, die wie eine Art Initiation vonstatten geht-so verstehe ich z.b. eine geistig- seelische Krise, die selten mit wirtschaftlichen Entbehrungen einhergeht. Wenn nun die Kunst von den Menschen zuwenig wahrgenommen wird oder nur als touristisch- wirtschaftlicher Faktor, dann zeigt es weit mehr auf als die Folgen (hoffentlich) „kurz“-fristiger Restriktionen. Das ästhetische Empfinden der Menschen hat sich in den letzten stark verändert-„zufälligerweise“ mit der vermehrten Verbreitung und Nutzung der digitalen Welten. Während „der Künstler“, der in der Renaissancezeit fast die Speerspitze der kulturellen Entwicklung gewesen ist, eher hinter der schnellen Entwicklung hinterher hetzt und darüber jammert, wie wenig Platz und Mittel er zur Verfügung hat, während der Normalbürger schon längst alles technisches Knowhow für eigene Zwecke und Pleasure zuhause hat. Seit den sogenannten Balkonkonzerten beginnt dieser spielerisch zu erlernen, wie er eigene Begabungen plus Technik bis hin zum Rezipienten hinüberbringt. Diese Renaissance des „Schöpferischen“ könnte sogar eine begrüßenswerte Demokratisierung des Ästetischen herbeiführen. Der arme Künstler wird in diesen Tagen nicht nur gefordert, sondern ist dazu aufgefordert, seine elitäre Position zugunsten einer Entwicklung aufzugeben, die mit einer Besinnung zum Menschlichen per se zu tun hat. Der Punkt des Notwendigen wird speziell von ihm gefordert werden. Die Zeit des Spielens ist im Grunde genommen vorbei, auch wenn der Mensch natürlich auch ein „Homo ludens“ ist. Doch die Frage, was und wer wir sind, ob Naturwesen, Kulturwesen, göttliches Wesen -oder digitales Werk, wird gerade neu gestellt, auf vielfache Weise und in diesem Feld zu arbeiten, da sehe ich derzeit die größten Chancen für den Künstler von heute!

„Im Spiel bleiben“

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