Wenn die Musik Pause macht

Stille im Proberaum und in den Konzert- und Veranstaltungssälen unseres Landes. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben zu einem weitgehenden Stillstand im musikalischen Leben geführt. Wie ist die Stimmung in den Musikvereinen, und wie geht es den Schülern in der Musikschule nach zweieinhalb Monaten Pause?
Christian KEGLOVITS / 2. Juni 2020 / Podcast am Seitenende
Foto: Christian Keglovits

Kein Frühjahrskonzert im Stadtpark, keine Fronleichnamsprozession, kein Auftritt bei der nicht stattfindenden Hochzeit der Flötistin und natürlich keine wöchentlichen Proben im Probelokal. „Wenn du zweieinhalb Monate nicht gemeinsam proben kannst und keine Auftritte absolvieren darfst, dann lebt der Verein in dieser Zeit einfach nicht. Man kann sich bestenfalls zu Hause mit mehr oder weniger Motivation bemühen, seinen Ansatz zu erhalten“, so Tillfried Schober, Bariton in der Stadtkapelle Oberwart und seit mehr als 50 Jahren Mitglied im Musikverein. Er und seine Musikerkolleginnen und -kollegen sind sich einig: Wenn man kein Ziel vor Augen hat, leidet die Motivation: „Bei der wöchentlichen Probe sitzt man zwei Stunden, probt gemeinsam und hat dann ein gemeinsames Ergebnis. Das ist natürlich etwas anderes, als wenn man zu Hause im stillen Kämmerlein Etüden rauf und runter spielt.“

Instrumentalunterricht via Videokonferenz

Abgesehen von fehlender Gemeinschaft und Geselligkeit nennt der Obmann des Burgenländischen Blasmusikverbandes, Peter Reichstädter, eine weitere Herausforderung: „Wie schafft man es unter diesen Bedingungen, als Musikverein Nachwuchs zu integrieren? Normalerweise funktioniert die Kette Musikschulwerk – Musikverein ganz gut, aber wenn beides wegfällt, wird es im Herbst schwer, neue Schülerinnen und Schüler sowohl in der Musikschule als auch im Musikverein zu integrieren.“
Stichwort Musikschule: Der Umstand, dass kein Unterricht in der Schule stattfinden konnte, sorgte bei Lehrenden wie Schülern für Schwierigkeiten, weiß die Direktorin der Zentralmusikschule Oberwart, Helene Maria Kenyeri, zu berichten: „Auch wenn sich alle Lehrenden in den letzten Wochen bemühten, den Kontakt zu Schülern wie Eltern so regelmäßig und intensiv wie möglich zu halten, stößt man bei Instrumentalunterricht via Videokonferenz schnell an seine Grenzen. Über Bildschirm ist es einfach schwieriger, Klang, Intonation und Haltung zu korrigieren. Und wenn dann noch eine schlechte Internetverbindung den Unterricht beeinträchtigt, ist viel Geduld und Flexibilität gefragt. Da möchte ich meinem Team ein großes Lob aussprechen.“
Seit 18. Mai ist der Instrumentalunterricht an den Musikschulen wieder möglich, wenn auch mit besonderen Schutzmaßnahmen: Abstandsregeln, regelmäßiges Händewaschen, Desinfizieren und Lüften – vor allem beim Unterricht mit Blasinstrumenten. Aber immerhin, die Freude bei allen Betroffenen überwiegt.

„Ohne Musi ka Göd“

Bei den Musikvereinen wird man sich hinsichtlich gemeinsamer Gesamt-Proben im Probelokal und Austragung von Konzerten wohl noch ein wenig gedulden müssen. „Die weiteren Planungen werden auch von den Entwicklungen im Zusammenhang mit der neuen, zu erwartenden Verordnung hinsichtlich Veranstaltungen (gestaffelt ab 29. Mai bis 100, bis 250 ab 1. Juli, 500 bzw. 1.000 ab 1. August) und den weiteren epidemiologischen Entwicklungen abhängig sein“, so der Obmann des Burgenländischen Blasmusikverbandes Peter Reichstädter, der die Musikvereine aufgrund der vielen Veranstaltungsabsagen auch vor einer finanziellen Herausforderung sieht: „Wenn wir die Annahme treffen, dass pro Musikverein ca. fünf Veranstaltungen wegfallen und pro Veranstaltung ca. 500 Euro an Einnahmen wegfallen, so ergibt sich hochgerechnet auf die 90 Vereine im Burgenland ein Betrag von circa 225.000 Euro, der in der Wertschöpfungskette fehlt. Demgegenüber stehen regelmäßige Ausgaben für Instrumentenreparaturen, Mieten und Investitionen in Probelokalitäten usw. Daher wird es unsere Aufgabe sein, neben der Erarbeitung eines Stufenplans zur Wiederaufnahme des Betriebes der Österreichischen Blasmusik eine Möglichkeit zu finden, den Musikvereinen eine finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen.“

Ein musikalisches Lebenszeichen

Währenddessen versucht man bei der Stadtkapelle Oberwart das Beste aus der Situation zu machen. Nach einer Idee der Kapellenführung überraschten einige Musikerinnen und Musiker der Stadtkapelle die Bevölkerung von Oberwart mit spontanen Auftritten im Stadtpark und vor dem Rathaus – zur eigenen und zur Freude der Bevölkerung. Natürlich unter Einhaltung aller Vorsichtsmaßnahmen: Ein Notenständer pro Musiker und zwei Meter Abstand zwischen ihnen. „Das Echo auf unser ‚Lebenszeichen‘ war enorm. Die dazugehörigen Postings auf unserer Facebook-Seite verzeichneten mehrere Tausend Zugriffe“, so Tillfried Schober. „Eine Passantin war so erfreut, dass sie spontan in ihre Geldbörse griff, um eine Getränkerunde für uns zu spendieren.“ Und das ist dann wieder gut für die Motivation.

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Stadtkapelle Oberwart
Stadtkapelle Oberwart beim spontanen Auftritt vor dem Oberwarter Rathaus.

Helene Maria Kenyeri
ZMS Dir. Mag. Helene Maria Kenyeri überwacht die Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen in der Zentralmusikschule Oberwart

Peter Reichstädter
DI Peter Reichstädter, Obmann des Burgenländischen Blasmusikverbandes.

Tillfried Schober
Tillfried Schober beim Üben.

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