„Wenn man schweigt, kann es im Kopf ganz schön laut werden!“

Multitasking gilt in unserer schnelllebigen Zeit als Paradedisziplin, als Non-Plus-Ultra von Talent und Stärke. Besonders Frauen wird nachgesagt, eine Gabe für die parallele Ausführung von Mehrfachaufgaben zu besitzen. Es wird allerdings von zahlreichen Studien bestätigt, dass die Konzentration während des Multitaskings nachlässt. Hektik und Stress sind ebenfalls mögliche Folgen. Dann passiert es schnell, dass man eine Pause braucht. Schweigeseminare bieten besonders für Rastlose und Stressgeplagte einen Zufluchtsort, der ganz konträr zum schrillen, lauten Alltag ist. Zurück zu einer achtsamen inneren Haltung.
Eva Maria KAMPER / 30. März 2021
Foto: Eva Maria Kamper

Jutta Spitzmüller, MA ist Yoga- und Meditationslehrerin und leitet auch Schweigeseminare.

 

Es ist Freitag, 17 Uhr. Eine Handvoll Menschen findet sich im Innenhof des Klosters in Kirchberg am Wechsel ein und lässt erwartungsvoll den Blick über die alten Gemäuer schweifen, bevor sie eintritt. Hier werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer also das Wochenende verbringen und hauptsächlich eines tun: Schweigen.

Ambiente der Stille

Seminarleiterin Jutta Spitzmüller ist schon seit den frühen Vormittagsstunden vor Ort, um alles für die erwartete Gruppe vorzubereiten. „Für Seminare, bei denen es darum geht, vom Äußeren loszulassen und sich nach innen zu wenden, ist es sehr wichtig, dass die Umgebung möglichst schlicht und klar gestaltet ist“, erklärt die erfahrende Yoga- und Meditationslehrerin das spärlich eingerichtete Ambiente. Der Ablauf des Seminars wurde schon vor Beginn abgeklärt: „Es ist wichtig, dass alle Teilnehmenden wissen, was auf sie zukommt!“ So bedarf es auch keiner Worte mehr, um die einzelnen Übungen aus Bewegungseinheiten und Meditation anzukündigen. Lediglich die akustischen Signale von Klanghölzern und Klangschale sollen die Gruppe durch das Wochenende begleiten, vergleichbar mit der Pausenglocke in der Schule.

Kraftzentrale Unterbewusstsein

Nach der Begrüßung am Ankunftsabend beginnt auch schon das kollektive Schweigen. Körperlich und mental erfordere es eine Menge Disziplin, in Stille auf einem Polster zu verharren: „Wenn man schweigt, kann es im Kopf ganz schön laut werden! Denn wenn der Körper zur Ruhe kommt, dann bewegt sich der Geist. Und die Gedanken kommen wie in einem Film. Handlungen, Einfälle, Emotionen… Das Unterbewusstsein spült uns Dinge heran, die für uns relevant sind. Das sind nicht immer angenehme Dinge, die können auch Sprengkraft haben und die Notwendigkeit einer Änderung im Leben aufzeigen.“ Das Schweigen lenke den Blick nach innen auf das Wesentliche, erklärt sie und das sei der große Benefit.
Auch beim Essen und während der Tätigkeiten im Haushalt des Klosters wird kein Wort gesprochen. „Wir üben, uns voll und ganz auf die Mahlzeiten und die Handlungen zu konzentrieren. Fokussieren, Still-Werden und In-sich-selbst-Hören.“ Den Ursprung dieser Meditationstechnik in Achtsamkeit und Schweigen findet man unter anderem sowohl im Buddhismus als auch in christlichen Traditionen. Die Teilnahme an Schweigeseminaren ist heute aber an keine Religionszugehörigkeit gebunden.

Alltagstauglich

Es ist grundsätzlich ratsam, die Übungen nachhaltig in den Alltag mitzunehmen und sich täglich ein paar Minuten Stille zu gönnen. „Der Bedarf an Multitasking ergibt sich oft, und das ist für manche Situationen auch in Ordnung. Man sollte sich aber immer wieder mal auf das Wesentliche besinnen und Handlungen bewusst im ‚Hier und Jetzt‘ setzen.“

Bewusstes Sprechen

Sonntagmorgen sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon sehr routiniert mit den Gepflogenheiten des Seminars, die Stille ist ein gewohnter Begleiter geworden. Auch die laute Stimme im Kopf hat womöglich vorerst ihren Frieden gefunden. Das gemeinsame Mittagessen beendet offiziell das Programm: „Nach dem Schweigen ist es fast ungewohnt, beim Essen wieder zu sprechen. Meine Erfahrung ist, dass man nach einer Phase des Schweigens wesentlich bewusster mit dem Sprechen umgeht und immer weniger Interesse an ‚Klatsch und Tratsch‘ hat und dadurch besser bei sich bleiben kann“, findet Jutta Spitzmüller wieder die ersten Worte.

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