Nicole MÜHL / 27. Jänner 2026
© Nicole Mühl
70 Wurlitzer hat Otto Varga in seinem Wurlitzermuseum in Rechnitz. Im Sommer wohnt er dort auch mit seiner Frau und bei manchen Nummern wird dann auch durchs Haus getanzt. Sogar ein Kassettenwurlitzer ist in Besitz von Otto Varga. „Die haben sich aber nicht durchgesetzt“, erklärt er.
Bevor man Otto Varga sieht, hört man ihn. Oder besser: Man hört das, was ihn seit Jahrzehnten begleitet. Es ist früher Morgen in Rechnitz, doch hier in diesem Haus beginnt der Tag nicht mit Kaffee, sondern mit Musik. Ein Wurlitzer leuchtet in warmen Farben, Chrom blitzt, Tasten klicken – und aus den Lautsprechern dröhnt „Über sieben Brücken musst du gehn“ von Peter Maffay. Es wird einer der Ohrwürmer, die man lange nicht mehr los wird. Beinahe ununterbrochen läuft hier Musik. Bill Haley, Caterina Valente, die Beatles. Die mag Otto Varga am liebsten. Ohne Musik, sagt er, könne er nicht sein.
Viel Klang und Erinnerung
Wer das Wurlitzermuseum in Rechnitz betritt, steht mitten in einer anderen Zeit. Musikboxen reihen sich dicht an dicht: kleine frühe Modelle aus den 1950er-Jahren, wuchtige Klassiker der 1960er, später auch CD-Wurlitzer mit elf CDs pro Gerät. Klassische amerikanische Wurlitzer mit ihren geschwungenen Formen stehen neben europäischen Musikboxen, Wandgeräten zur Titelauswahl und ungewöhnlichen Sonderkonstruktionen. Dazwischen Plattencover, Fotografien und Zeitungsausschnitte. Manche Geräte geben ihre Mechanik offen preis, andere verbergen sie hinter dekorativen Fronten. Plattenmagazine, Wählscheiben und Tastenfelder erinnern daran, dass Musikauswahl einmal ein beinahe ritueller Vorgang war.
Der Raum selbst erzählt mit. Der Boden ist schwarz-weiß gekachelt, die Decke verspiegelt und lässt die Sammlung nach oben weiterlaufen, vervielfacht Lichter, Farben und Formen. An der Bar stehen Hocker wie aus einem amerikanischen Diner. Alles blinkt, alles ist in Bewegung. Zwischen den Geräten hängen Schallplattenhüllen und Erinnerungsstücke: Namen von Interpreten, Orte und Jahreszahlen tauchen immer wieder auf. Die Wände wirken wie eine Collage aus Musikkultur, Alltagsgeschichte und persönlichem Archiv.
Gleich beim Eingang hängen Fotos von Besuchern. Jeder, der kommt, wird fotografiert, erzählt Otto Varga. Eintritt verlangt er keinen. Wer will, kann spenden – das Geld geht an den Sterntalerhof, erklärt er, während im Hintergrund Udo Jürgens vom Griechischen Wein schwärmt.
Tanz, Bands und volle Säle
Bevor es Brote und Semmeln waren, war es Musik, die Otto Varga bekannt machte. In Schachendorf führte er ein Kaffeehaus, 1967 eröffnete er seine erste Diskothek, bekannt als Tanzlokal-CocoBAR-Disco. Zunächst war es ein Tanzcafé mit Kegelbahn. „Wenn Unterhaltung war, haben wir auf der Kegelbahn die Tische hingestellt“, erinnert er sich. 300 Menschen tanzten manchmal im Saal.
Als er 20 Jahre alt war, starb sein Vater. Otto übernahm alles – Betrieb, Verantwortung, Zukunft. Das Tanzcafé wurde größer, die Programme dichter. Bands traten beinahe jedes Wochenende auf – oft auch gleich in anderen Lokalen: „Am Freitag beim Schindler in Pinkafeld, am Samstag bei mir“, erinnert er sich. Hotelrechnungen wurden geteilt, genauso wie das Risiko. Ein vergilbtes Programm von September 1966 trägt Otto Varga bis heute in der Geldbörse. Die Wochenenden des Monats boten musikalische Highlights: Die Wild Cats aus Oberwart. Fünf-Uhr-Tee mit den Workers aus Pinkafeld. Atlantis aus Ilz. Die Bashers aus Wien. Ein L’Amour-Abend mit der Liliputband – inklusive Hawaii-Gitarre. Es gab Rosenpartys, Amateurwettbewerbe, Showabende. Der erste Preis waren eine Gitarre, Verstärker, Verteiler. „Es war Unterhaltung am laufenden Band“, erzählt er – aus der Jukebox schmettern gerade die Flippers ihren Lamourhatscher „Monja“.
Falco war da
Auch solche, die später Musikgeschichte schrieben, standen hier auf der Bühne. Ostbahn Kurti. Falco. Damals noch ein 17-jähriger Bursch, mit Onkel im Schlepptau. Seine Mutter stammte aus Bad Tatzmannsdorf. Falco wollte spielen, laut, anders. Beim ersten Auftritt kamen viele Wiener, beim zweiten nicht mehr. Die Einheimischen wollten Tanzmusik. Falco spielte, was er wollte. „Ich hab ihn dann nicht mehr gebucht“, sagt Varga. „Ich hab gar nicht gewusst, wer das ist.“
Heute weiß Otto Varga, dass Falco seiner Zeit 25 Jahre voraus gewesen war. Damals habe das keiner verstanden. Auch er nicht. Peter Rapp war ebenfalls da – damals war er Student. Einen Monat blieb er, arbeitete als DJ. Das Hotelzimmer bezahlte Varga. Das war im Jahr 1969.
Zwischen Semmeln und Musik
Mitte der 1970er-Jahre änderte sich alles. Zeltfeste kamen, organisiert von Vereinen, mit anderen Strukturen, anderem Publikum. „Da war eine andere Art der Unterhaltung“, sagt Varga. 1978 sperrte er das Lokal zu. Die Musik verstummte – zumindest dort. Stattdessen trat etwas anderes in den Vordergrund: die Bäckerei. In Ostösterreich als „Brotstadl“ ein Begriff. Systematisch baute er seinen Betrieb aus und war bald zwischen Graz und Wien einer der größte Bäcker. Täglich waren bis zu zwölf Fahrzeuge unterwegs, belieferten Kunden bis nach Wiener Neustadt. Filialen entstanden im Mittel- und Südburgenland sowie in der Oststeiermark – am Ende waren es 28 Standorte. The winner takes it all.
Rückkehr zur Musik
Als er in Pension ging, trat die Musik wieder in sein Leben. Otto Varga erwarb einen alten Heurigen in Rechnitz und baute ihn zu einem Wurlitzermuseum um. Schritt für Schritt kaufte er Musikboxen, Automaten – oft aus alten Gasthöfen, aus Hinterzimmern, vor dem Vergessen gerettet.
Über 70 Wurlitzer stehen heute hier. Manche kosteten 2.500 Euro, andere hat er vor dem Sperrmüll gerettet und restauriert. Insgesamt hat er weit über 100.000 Euro investiert. „Das ist mein Leben“, sagt er, während Waterloo „Im Land das Ewigkeit heißt“ aus der Jukebox trällert. Eigentlich sei sein Museum eine Besonderheit im Südburgenland – auch wenn es in keinem Tourismusprospekt steht.
Musik, die bleibt
Otto Varga befüllt jede Box selbst. Schlager aus den 50ern, Rock’n’Roll aus den 60er-, 70er-Jahren. Die Flippers, Opus, Roland Kaiser, Jazz Gitti, Rex Gildo. Einen Kassetten-Wurlitzer hat er auch. Die setzten sich aber nicht durch. „Du hast nie gewusst, wo ein Lied anfängt oder aufhört“, erklärt er. Jeder Wurlitzer hat seine Geschichte und Otto Varga erzählt sie bereitwillig.
„Strawberry Fields Forever“ von den Beatles klingt gerade aus und Caterina Valente ertönt mit „Spiel noch einmal für mich Habanero …“ – treffender könnte der Wurlitzer diese letzte Nummer hier nicht auswählen. Und auf der Heimfahrt, irgendwo zwischen Rechnitz und der nächsten Ortschaft gibt man sich noch einmal dem Ohrwurm hin – inbrünstig johlend „… denn ich hör so gern dein Lied.“

Wurlitzer in jeder Größe – auch an den Wänden zwischen Spiegeln, die den Raum größer wirken lassen und alten Fotos.

Auch Spielautomaten finden sich zwischen den Wurlitzern im Museum von Otto Varga. Der Besuch ist kostenfrei. Wer möchte, kann an den Sterntalerhof spenden. Interessenten können Otto Varga unter 0664/3087579 erreichen.

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