„Hier sind wir sichtbar“

Die Brille sitzt locker auf der Nasenspitze von Pascal Steiner, während seine Augen
über den Rand hinweg immer wieder prüfen, ob er irgendwo gebraucht wird. Mit seinem engen
Rollkragenpullover, der schmal geschnittenen schwarzen Hose und dem taillierten Jacket
unterstreicht er die Linie der Innenstadt-Boutique, die er leitet. Was sich hier findet,
lässt das Herz von Vintage-Liebhabern höher schlagen.
Nicole MÜHL / 29. November 2022
(c) LEXI

Pascal Steiner leitet den Carla Laden in Oberwart. Das schicke Design des Geschäfts ist für den diplomierten Sozialbetreuer und das gesamte Carla-Team eine Herzensangelegenheit. Der wertschätzende Umgang ist ein Merkmal des Carla Ladens Oberwart.

 

Retro ist angesagt und in diesem Rahmen werden vereinzelte Möbelstücke, Geschirr, Kleidung, Schuhe und Accessoires präsentiert. Aber es ist keine Edel-Boutique, die Pascal Steiner führt. Er leitet den Carla Laden in Oberwart und hat mit seinem Team am neuen Standort inmitten der Stadt daraus ein Schmuckkästchen gemacht – und das Image gleich neu aufgesetzt. 

In der Steinamangerer Straße in der Oberwarter Innenstadt präsentiert sich seit kurzem der Second-Hand-Laden der Caritas in einem besonderen Design. Bisher war er in einem Innenhof in der Stadt zu finden. Versteckt, weil man den Menschen, die hierherkommen, ein wenig Schutz bieten wollte. „Der völlig falsche Ansatz“, meint Pascal Steiner heute. „Armut ist immer versteckt. Man will die Kund*innen nicht ‚vorführen‘. Deshalb verbergen sich solche Geschäfte auch meist in Hinterhöfen, damit sich die Menschen nicht schämen und sie niemand sieht, wenn sie in den Laden kommen“, erklärt der Projektleiter. Aus dieser Defensive müsse die Sozialarbeit rauskommen, meint er. Für Armut darf man sich nicht schämen. „Wir müssen Betroffenen und vor allem der Gesellschaft klarmachen, dass Armut keine Schande ist und sichtbar werden muss. Wir müssen raus aus dieser Blase“, sagt er. Und das hat er getan. 

Mit dem neuen Carla Shop bietet das Team rund um Pascal Steiner etwas Glamour beim Einkaufen. „Carla-Preise und eine stylische Atmosphäre dürfen sich nicht ausschließen“, lautet sein Credo. Und was er doppelt und dreifach unterstreicht: „An den Preisen hat sich durch das neue Umfeld natürlich nichts geändert. Am Ende des Tages sind wir für Menschen in Not da. Auch wenn die Artikel für sie wenig bis gar nichts kosten, wollen wir ihnen hier ein schönes Shoppingerlebnis bieten.“

Ein bunter Mix

Über 5.000 Menschen haben heuer bereits den Carla Laden in Oberwart besucht. Jeder ist willkommen. Es sind Schnäppchenjäger, Retro-Liebhaber, Menschen, denen Nachhaltigkeit und Klimaschutz wichtig sind. Und natürlich das Herzstück: Jene, die sehr wenig Geld zur Verfügung haben und ganz besonders jene, die über Gutscheine der Caritas Sozialberatung Kleidung und andere Artikel gratis bekommen. An diesem neuen Standort mit dem neuen Design ist es dem Carla Laden gelungen, dass die unterschiedlichsten Menschen zu den Kund*innen zählen. Wer hierherkommt, outet sich nicht als arm. Viele kaufen im Carla Laden ein, die auch in Geschäften zu Normalpreisen shoppen. „Das war unser Ziel“, sagt Pascal Steiner. Auch aus wirtschaftlichen Gründen. „Wer bei Carla einkauft, unterstützt den Leitgedanken, dass andere Menschen gratis einkaufen können, bei denen das Einkommen nicht für Kleidung und dergleichen ausreicht.“ 

Respekt vor den Spenden

Die Artikel, die im Carla Laden angeboten werden, sind in einem einwandfreien Zustand, sagt der Projektleiter. „Es sind meist neuwertige Sachen, aus denen jemand hinausgewachsen ist oder an denen man sich einfach sattgesehen hat.“ Natürlich wird auch Kleidung abgegeben, wenn jemand gestorben ist. „Da erfahren wir dann oft auch viele persönliche Geschichten. Es ist diesen Hinterbliebenen wichtig, dass jemand mit der Kleidung noch Freude hat“, erzählt er. Und manchmal werden auch richtige Sammlerstücke gespendet. Eine Teekanne aus den 50er-Jahren, ein besonderer Teppich oder eine Murano-Schale, sogar Thonet Stühle waren schon einmal dabei. „Darüber freuen wir uns natürlich, weil solche Sachen auch Schnäppchenjäger anziehen. Mit dem Geld können wir auf der anderen Seite wiederum Menschen in Not helfen“, erklärt Steiner. 

Die Seele von Carla

Ein Stockwerk unter dem Laden, in den Kellerräumen, bekommt die Seele von Carla ein Gesicht. Freiwillige Helfer*innen sortieren hier die gespendeten Waren. In Kästen und auf Kleiderständern wird alles geordnet. Der Platz wird gut genutzt. Kaum ein Regal ist frei. „Eigentlich unvorstellbar, dass wir früher das alles auf minimalstem Raum erledigen mussten“, schüttelt Pascal Steiner den Kopf. Das neue Gebäude sei ein Segen, sind sich alle einig, man trete sich gegenseitig endlich nicht mehr auf die Zehen, lachen die Damen.

Die Kundinnen und Kunden bekommen von diesen fleißigen Händen, die sich einen Stock tiefer tummeln, nichts mit. Zu sehr sind sie auf ihr Einkaufserlebnis konzentriert. „Wir erleben hier oft sehr berührende Szenen, denn viele sind es nicht gewohnt, in einem solchen Rahmen einkaufen zu gehen. Manche sind zögerlich, weil ihnen sogar dieses bisschen Glamour nicht vertraut ist. Aber sie freuen sich. Und an dieser Freude spüren wir, dass dieses Geschäft das richtige für uns ist. Es macht uns sichtbar.“  


Burgenländer*innen in Not aus dem südlichen Landesteil finden in der Steinamangererstraße 4 in Oberwart rasch und unbürokratisch Hilfe und Beratung. Fachexpert*innen für unterschiedliche Krisen- und Notsituationen stehen hier begleitend zur Seite: in der Sozialberatung, der Nothilfe und Wohnungssicherung in existenziellen Notsituationen bis zur Familien-, Männer- und Gewaltberatung. Zudem bietet der modernisierte Carla Shop mehr Platz für hochwertige Second-Hand Produkte. Im Burgenland wurden von Jänner bis Oktober Carla Gutscheine in der Höhe von 39.439 Euro an Menschen in Not ausgegeben. Knapp 5.000 Kund*innen haben von Jänner bis Oktober 2022 den Carla Laden in Oberwart besucht. 20 Tonnen an Sachspenden wurden im Carla Laden Oberwart entgegengenommen. 13 ehrenamtliche Helfer*innen sind hier tätig. 2,5 sind hauptamtlich beschäftigt. 


„Wir möchten den Menschen ein schönes Einkaufsambiente bieten. An den Carla-Preisen hat sich absolut nichts geändert.“


Der Carla-Laden befindet sich nun im ehemaligen Balaskovics-Geschäft.

Das Sortiment ist vielfältig.

Neben Kleidung können auch Bücher und andere einzigartige Artikel gekauft werden.

Dekoartikel im Carla-Laden.

Einen Stock tiefer sortieren freiwillige Helfer*innen die abgegebenen Artikel. Diese sind eine wichtig Säule.

Auch Secondhand-Möbel gibt es im neuen Laden.

Der Verkaufsraum des Carla-Ladens.

Weihnachtliche Deko.

Blick auf den Verkaufsraum.

Ein breitgefächertes Sortiment.

Man spezialisiert sich auf Secondhand-Kleidung.

Secondhand-Ware gut in Szene gesetzt.

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